Die Frau da vor der Alten Nationalgalerie ist ein Knaller, ein Mann schaut sie an und wir, ja, auch wir können nicht wegsehen, sie schaut uns mit ihren schwarzen Augen verführerisch an. Erdbeerrot ist ihr Mund, ziemlich eindeutig, die Wangen voller Rouge, ein bisschen viel vielleicht, auf jeden Fall ist sie auch noch nackt. Eigentlich gehört sie, so wie sie posiert, nicht hierher auf die altehrwürdige Museumsinsel.

Max Pechsteins „Sitzendes Mädchen“, das als Großplakat in flammenden Komplementärfarben die Besucher in die Alte Nationalgalerie lockt, kommt aus dem Bestand der Neuen Nationalgalerie. Da der Mies-Bau derzeit saniert wird, sind Künstler wie Pechstein, Kirchner & Co. ausgewandert zur „großen Schwester“ auf die Museumsinsel. „ImEx“, so der spröde Titel der Ausstellung, wagt mit frischem Wind und neuem Blick, was noch keiner vorher getan hat: Künstler und Gemälde des Impressionismus und des Expressionismus nebeneinander zu hängen, vis-à-vis, zwei Richtungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts also, ästhetisch höchst different, die einen Franzosen, die anderen Deutsche, zwei Lebensstile. Eigentlich trennt beide vieles, aber – das ist verblüffend – mindestens so vieles verbindet sie auch. Funktioniert das überhaupt? Hervorragend. Ein bisschen ist es so, als ob das Kuratorenteam um Angelika Wesenberg der Kunstgeschichte ein Schnippchen geschlagen und das Schubladendenken kurzerhand entstaubt hat.

Im „Baderaum“ schaut jetzt Pechsteins laszive, mit rauen, breiten Pinselstrichen gemalte Lady herausfordernd auf Auguste Renoirs „Badende mit blondem, offenem Haar“ im dicken Goldrahmen. Die sitzt in ähnlicher Haltung, ebenfalls nackt, und kokettiert mit ihrem langen glänzenden Haar. Allerdings schaut sie uns nicht direkt an, so, als ob sie sich doch ein wenig schämt. Malerisch vereint diese Gemälde nichts, allerdings die Haltung: die Sehnsucht nach Freiheit, Lust am Natürlichen, an Erotik und Sex.

Raus aus den Ateliers, rein in die Stadt

Es geht noch radikaler: Neben Pechstein hocken Schmidt-Rottluffs rotglühende, pralle drei Frauen in den Dünen – pure Chiffren der Weiblichkeit. „Drei Akte“ heißt das Bild, das ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges entstand. Für Impressionisten wie Expressionisten galt: raus aus den Ateliers, rein in die Stadt, weg von den strengen Vorgaben der Akademie. Dort hieß es: Malt die Schatten warm, das Licht kalt. Darauf pfiffen die Künstler gleichermaßen, sie malten Licht und Schatten in grün, rosa oder rot. Authentisch sollten die Motive sein, vor Ort entstanden, möglichst im Freien. Spontan und unvermittelt der Farbauftrag, wobei natürlich die Farbästhetik eine völlig andere war. Das größte Thema für beide: die Stadt mit ihren zahlreichen Vergnügungen, das Leben auf der Straße, Cafés, Bars, Theater. So ist der lichte Hauptsaal dann auch den Metropolen Paris und Berlin gewidmet. Kirchners „Nollendorfplatz“, sein „Potsdamer Platz“, Otto Dix’ „Straßenlaternen“, Pissarros „Boulevard Montmartre“ und, ja, Claude Monets weltberühmte farbflirrende „Charing Cross Bridge“ in London. Ein toller Reigen.

Die Arbeit mit „sprechenden Bildpaaren“, wie es im Kuratoren-Deutsch heißt, mit „Nachbarschaften“, macht die direkten Vergleiche zwischen Impressionismus und Expressionismus leicht. Am besten geht dieses Konzept auf im Kabinett zum Thema der „Landhäuser und Villen“. Max Liebermann, Edouard Manet, Auguste Renoir, Karl Schmidt-Rottluff, Camille Pissarro: Nicht nur das Sujet ist gleich, sondern auch der Bildausschnitt identisch mit dem Baum vor den Fenstern und dem grünen Gartenstück. Die Landhäuser galten für die Künstler als Rückzugsorte, abgeschirmt von der Stadt, gleichzeitig als Symbol der eigenen gesellschaftlichen Reputation.

„Schauen Sie, schauen Sie“, ruft Museumschef Udo Kittelmann und zeigt auf das geballte Villenpanorama. „Alles aus dem Bestand der staatlichen Museen.“ Der Mann hat recht, hier im Kabinett kommen fast alle Kunstwerke aus dem eigenen Fundus. Von 160 Werken sollen es hundert sein. Die Wertigkeit und Breite der Sammlung wird besonders deutlich. Soll sie auch. Mit „ImEx“ verbindet Kittelmann so etwas wie eine diplomatische Mission, um zu zeigen, wie dringend notwendig der Neubau des Museums der Moderne am Kulturforum ist. Die in der Sanierung befindliche Nationalgalerie war längst zu klein, um Bestände adäquat zu präsentieren.

„Dreck“ aus Frankreich

Das Schöne ist, das „ImEx“ zudem an die Geschichte der Nationalgalerie anschließt. Als erstes Museum überhaupt erwarb das Haus die Impressionisten – Hugo von Tschudi hatte die Gemälde 1896 in Paris erstanden, dabei unterstützten ihn jüdische Mäzene finanziell. Gar nicht so einfach, einige Zeitgenossen rümpften die Nase über diesen Dreck aus Frankreich. Wilhelm II., der Tschudis Erwerbungen der französischen Moderne unterstützte, bat ihn irgendwann, bitte, „auf violette Schweine“ zu verzichten.

Eine Welle der Empörung schwappte durch Berlin, als Tschudi Manets „Wintergarten“ kaufte. Das ging bis in den Landtag. Was trieb dieses Paar in der schwülen Atmosphäre des „Treibhauses“? So hieß das Gemälde damals. Die Zigarre und den quergelegten Schirm auf dem Schoß der Dame deuteten viele als sexuelle Anspielung. Manets „Wintergarten“ hängt nun im Raum zum Thema „Beziehungen“.

Alte Nationalgalerie, Bodestr. 1-3. Di, Mi, So 10-18 Uhr. Do-Sa 10-20 Uhr. Bis 20. September. Katalog: 29 Euro.