Nach Streik

Staatsballett Berlin bekommt eigenen Haustarifvertrag

Mit Streiks haben die Tänzer vier große Vorstellungen ausfallen lassen. Bis Saisonende soll es den geforderten Haustarifvertrag geben, verspricht Georg Vierthaler, Chef der Stiftung Oper in Berlin.

Foto: Martin U. K. Lengemann

120.000 Euro Verlust hätten die Streiks bereits gekostet, sagt Georg Vierthaler. Und zuckt mit den Achseln. Der Generaldirektor der Berliner Opernstiftung hat es im Moment nicht leicht, sein eigenes Vorgehen zu erklären. Die Tänzer seines Staatsballetts streiken unbeirrt, haben bereits vier große Vorstellungen ausfallen lassen, und er kommt als Arbeitgeber irgendwie nicht aus seiner Defensivposition heraus. Dabei klingt alles ganz einfach. „Wir sind bereit, über die Forderungen zu sprechen“, sagt er am Montag. Und dann kommt das alles entscheidende Aber: „Es gibt ein grundsätzliches Problem, Verdi am Verhandlungstisch zu haben.“

Inzwischen gibt es intensive Gespräche. Verdi sitzt nicht mit am Tisch, steht aber drohend im Hintergrund. Intern wurde eine Tarifkommission der Tänzer gebildet, die Staatsballettleitung hat ihnen einen Rechtsbeistand spendiert. „Solange die Gespräche dauern“, sagt Vierthaler, „ist vereinbart worden, auf Streiks zu verzichten“. Wobei er weiß, dass Streik drohen könnte, falls die Gespräche nicht gut laufen. Es ist keine gute Position. Vierthaler will die Verhandlungen bis zum Ende der Spielzeit abgeschlossen haben. Dann sollen die Tänzer ihren eigenen Haustarifvertrag haben. Nichts anderes hat Verdi für sie gefordert. Verdi soll aber, gibt Vierthaler zu verstehen, im neuen Vertrag nicht auftauchen. Der Haustarifvertrag soll unter dem Dach des geltenden Flächentarifvertrags NV Bühne stehen. Welche Gewerkschaft am Ende die Sonderregelungen unterschreibt, ist – wie vieles andere – noch offen.

Niedrigschwellige Forderungen

Bereits am 1. April wurde den Tänzern ein Zusicherungskatalog unterbreitet. Darin sind die Mindestgagen aufgelistet. So verdient seit 1. März 2015 ein Gruppentänzer 3338 Euro. Es wird Vereinbarungen geben, wenn Tänzer Sonderleistungen erbringen. Die Solopauschale von 77 Euro für Gruppentänzer wird weiter gewährt. Im Gesundheitsschutz wird zu den zwei fest angestellten Physiotherapeuten ein zusätzlicher Osteopath engagiert. Im Sommer wird der erste von den drei Tanzböden erneuert. Darüber hinaus sortiert man Arbeitszeiten und Urlaub um. Beispielsweise werden bei den Ballettsaalproben jetzt 60 Minuten Mittagspause eingeplant. Das war eine Forderung der Tänzer. Jetzt sind die Proben einfach um eine halbe Stunde vorverlegt.

Vierthaler nennt diese Forderungen niedrigschwellig. Eigentlich will er damit sagen, dass es Dinge sind, die man auch so besprechen könnte. Mit den Künstlern, ohne Verdi. Was aber offenbar in der Vergangenheit nicht ausreichend gelungen ist, wie die Streiks ja beweisen. Vierthalers große Sorge ist, dass „die nächste Verhandlungsrunde härter“ wird, wenn Verdi einsteigt. Der Generaldirektor befürchtet dann Streitigkeiten um die befristeten Verträge.

Bietet Dreijahresverträge an

Als Interessenvertreter spricht er davon, dass es dann irgendwann weniger Festangestellte geben würde, dafür mehr Projektverträge. Vierthaler bietet bessere Dreijahresverträge an und macht den Widerspruch zwischen öffentlicher Fürsorgepflicht und der künstlerischen Bewegungsfreiheit auf. Er weiß, dass es in der gegenwärtigen Streiksituation eine Gratwanderung ist, so zu argumentieren. Denn es bedeutet nichts anderes, als dass ein neuer Ballettintendant, wenn er sein Amt antritt, ihm unpassende Tänzer unkompliziert loswerden kann.

Im vergangenen Jahr hat der spanische Choreograf Nacho Duato das Intendantenamt vom russischen Startänzer Vladimir Malakhov übernommen. In dieser Übergangszeit sind die Tänzer, wie Verdi kürzlich erklärte, fast geschlossen in die mächtige Gewerkschaft eingetreten. Im August wurden Sondierungsverhandlungen gefordert, die Opernstiftung hielt sich bedeckt. Im Januar gab es eine einstündige Arbeitsniederlegung, dann wurde zur Jahrespressekonferenz des Intendanten Nacho Duato im März eine Probe abgesagt.

Den Schuss konnte keiner überhören

Am Karfreitag wurde „Dornröschen“ in der Deutschen Oper bestreikt. Das war der große Schuss, den keiner mehr überhören konnte. Zuletzt wurden die Vorstellungen am 24. und 25. April bestreikt. „Die Politik in Berlin möchte, dass wir die Streiksituation des Staatsballetts schnell befrieden“, sagt Vierthaler.

Als Generaldirektor sitzt er zwischen den Stühlen. Verdi hat er bereits in der Opernstiftung mit am Tisch, wenn es um das nichtkünstlerische Personal geht. Für die Künstler gibt es kleinere Künstlergewerkschaften. In Berlin vertreten sie rund 2000 Künstler, allein 1160 in der Opernstiftung. „Verdi halten wir nicht für tarifzuständig“, sagt Vierthaler: „Der von ihnen geforderte Haustarifvertrag könnte eine Nachahmungswelle auslösen. Dann gäbe es an einem Opernhaus 15 verschiedene Haustarifverträge. Die Tarifzersplitterung würde zu einer Verkomplizierung der Arbeitsabläufe führen.“

Das System Malakhov

Undurchsichtig genug ist die Situation sowieso. Allein im Staatsballett mit all den emotionalen wie vertraglichen Altlasten nach Vladimir Malakhov. Eine Schieflage nennt es Vierthaler, aber er wolle ihn natürlich nicht anschwärzen. Malakhov hatte ein Günstlingssystem installiert und zwischen den Gruppentänzern und den Solisten die Demi-Solisten angesiedelt. Womit sein Ensemble mehrheitlich aus Solisten bestand. Eine vertraglich komplizierte, künstlerisch umstrittene und fürs Ensemble undurchschaubare Situation. Das System wurde von den Tänzern kritisiert. Und auch Nachfolger Duato findet Demi-Solisten überflüssig. Im Zusicherungskatalog wird angekündigt, dass die Demi-Solisten „in ein leistungsgerechtes System überführt werden“. Allerdings wollten, so Vierthaler, die Demi-Solisten weiterhin den Titel führen.