Die Personalie wurde eher beiläufig verkündet: „Und ich freue mich, dass Chris Dercon 2017 nach Berlin kommt“, sagte der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller (SPD) am Donnerstag. Auch die Örtlichkeit, an dem Müller die Neuigkeit verkündete, dass Dercon in zwei Jahren Frank Castorf, 63, an der Volksbühne nachfolgen soll, war ungewöhnlich: Im Abgeordnetenhaus passierte es, während der Fragestunde. Üblich ist es, Intendanten auf einer Pressekonferenz vorzustellen.
Mit dieser überstürzten Vorabmeldung – vorgesehen war die Verkündung in der kommenden Woche – hat Müller versucht, den Schaden im Theaterstreit zu begrenzen. In dieser Auseinandersetzung geht es um die Zukunft der Berliner Theaterlandschaft und um die Kulturkompetenz der verantwortlichen Politiker. Sie begann Anfang des Monats mit einem offenen Brief von Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles (BE), an den Regierenden Bürgermeister, in dem er Kulturstaatssekretär Tim Renner als „die größte Fehlbesetzung des Jahrzehnts“ bezeichnete. Zudem fehle der Berliner Kulturpolitik „jegliche Perspektive und Vision“, die Volksbühne drohe zu einer „Eventbude“ zu werden. In wenigen Wochen hatten sich die Anwürfe Peymanns verselbständigt. In weiteren offenen Briefen und Interviewäußerung warnten Jürgen Flimm, Intendant der Staatsoper, und Ulrich Khuon, Chef des Deutschen Theaters, davor, mit der Tradition der Volksbühne zu brechen. Für Müller und Renner ist es die erste Vertrauenskrise, seitdem sie ihre Ämter übernommen haben. Für den neuen Regierenden Bürgermeister ist der Theaterstreit auch politisch heikel. Galt doch sein Vorgänger Klaus Wowereit (SPD) als anerkannt in der kulturellen Szene. Wowereit hatte dann auch Renner als Kulturstaatssekretär geholt.
Spielstätte Tempelhof
Müller sagte im Parlament, dass Dercon viel Erfahrung darin habe, die unterschiedlichsten Ausdrucksformen interdisziplinär zu verknüpfen. „Diese Erfahrung wird er zusammen mit anderen Persönlichkeiten einbringen“, so Müller. In Theaterkreisen heißt es, dass auch der französische Tänzer und Choreograf Boris Charmatz zum Team gehören wird. In einer Pressekonferenz will Müller am heutigen Freitag das Personal vorstellen, das die Volksbühne ab 2017 führen wird. Für die Aufgaben soll der Etat der Volksbühne um fünf auf 22 Millionen Euro erhöht werden. Der frühere Flughafen Tempelhof ist als zusätzliche Spielstätte vorgesehen.
Weiterhin betonte Müller, dass die Volksbühne immer dafür gestanden habe, neue Dinge aufzunehmen, neue Ausdrucksformen zu suchen und Genres zu verbinden. Die Volksbühne werde ein Ensemble- und Repertoiretheater bleiben. „Wir wissen, wie wichtig gerade die Arbeit der Volksbühne für Berlin ist. Aber gerade deshalb ist es nach 25 Jahren erfolgreicher Arbeit auch wichtig, einen Neuanfang zu wagen.“
International anerkannter Künstler
Mit Chris Dercon hat Berlin einen international anerkannten Künstler gewohnt. Der 56-jährige Belgier ist seit 2011 Direktor des Londoner Tate Modern. Zuvor leitete er seit 2003 das Münchner Haus der Kunst und kombinierte die Kunstprogramme mit Architektur, Mode, Design und Film. Er verantworte die Ausstellung von Gerhard Richter und Anish Kapoor. Als Dercon München verließ, war die Trauer groß: „Chris Dercon zählt zu den wenigen Menschen, die eine vollkommen natürliche Lockerheit verbreiten; selbst Kulturbetriebsmenschen und Großbürger wirken in seiner Gegenwart irgendwie entspannter, elastischer“, schrieb die „Süddeutsche Zeitung zu seinem Abschied. In einer von ihm moderierten Kultursendung der BBC sagte Dercon Ende März: „Berlin ist die neue Kulturhauptstadt Europas. Sie ist ein Beispiel dafür, wie Kultur helfen kann, einen neuen Typ von Gesellschaft zu schaffen.“
So reibt sich die Opposition auch nicht an dem für sie unbekannten Dercon, sondern an dem Verfahren. „Wenn man die Volksbühne verändern will, dann muss die Politik in der Lage sein, eine Debatte zu führen. Müller und Renner haben das einfach so entschieden – ohne Erklärung und ohne Debatte“, sagte Ramona Pop, Fraktionsvorsitzende der Grünen der Berliner Morgenpost. Das gewählte Verfahren sei „seltsam“ und „unprofessionell“.
Interessanterweise geht auch die CDU auf Halbdistanz zum Koalitionspartner. „Wenn zentrale Leistungsträger der Theaterszene das Vertrauen zur politischen Führung verlieren, ist das kein Sturm im Wasserglas, sondern schadet Berlin insgesamt. Michael Müller ist jetzt nicht nur als Kultursenator, sondern auch als Regierender Bürgermeister gefordert. Müller wäre gut beraten, das Verhältnis zu den Berliner Theaterintendanten zu befrieden“, sagte der Generalsekretär der Berliner CDU, Kai Wegner, laut einer Presseklärung. Er wiederholte die Forderung eines eigenständigen Kultursenators ab der kommenden Legislaturperiode, für den auch sich der Fraktionsvorsitzende Florian Graf in der Berliner Morgenpost eingesetzt hatte. Der ehemalige Kultursenator Thomas Flierl (Linke) bezeichnete im Rundfunk Berlin Brandenburg die Debatte über die Zukunft der Volksbühne als ein Kommunikationsdesaster.





