Renner vs. Peymann

Warum der Berliner Theaterstreit so eskaliert ist

Dass der Streit um die Nachfolge am Berliner Ensemble (BE) und der Volksbühne in wenigen Wochen eskaliert ist, ist auch der Kulturbehörde anzulasten.

Foto: Karlheinz Schindler; Inga Kjier / dpa

Pacta sunt servanda, heißt es, aber das Bemerkenswerte an Verträgen ist nicht nur, dass man sie einzuhalten hat, sondern auch, dass die Beteiligten wissen, wann sie enden. Dann können sie sich darauf vorbereiten.

Theoretisch ist das kein allzu komplizierter Vorgang, aber im realen Berliner Kulturleben scheint er mühsam zu sein. Denn dass der Streit um die Nachfolge am Berliner Ensemble (BE) und der Volksbühne in wenigen Wochen auf atemraubende Weise eskaliert ist und nun zwischen Kirmesbrüllerei und justiziablen Beleidigungen pendelt, ist auch der Kulturbehörde anzulasten.

Sie hat es verabsäumt, früher ihre Personalentscheidungen zu fällen und sie offen gegenüber den Beteiligten zu kommunizieren. Der Abgang zweier Intendanten ist so zu einer Farce geworden.

Klare Personalentscheidungen ersparen jede Menge Ärger

In Berlin ist man offensichtlich ein wenig aus der Übung gekommen, altes Personal zu verabschieden und eine neue Führung für die Schauspielhäuser zu gewinnen. Bei den Spitzenkräften – BEIntendant Claus Peymann,77, Frank Castorf, 63, von der Volksbühne, Daniel Barenboim, 72, Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden und Staatsoper-Intendant Jürgen Flimm, 73 – hat die Stadt die Verträge stets verlängert. Das erspart, wie man gerade erlebt, den Verantwortlichen eine Menge Ärger.

Der frühere Kulturstaatssekretär und Vorgänger von Tim Renner (SPD), André Schmitz (SPD), ist unter dieser Devise jahrelang gut gefahren. Und wenn er sich dann zum Personalwechsel durchrang, wie bei Armin Petras vom Gorki-Theater, dann lief es auch nicht wie aus dem Handbuch für Führungskräfte. Monatelang hatte Petras nach eigener Aussage auf ein Gespräch mit Klaus Wowereit, dem früheren Regierenden Bürgermeister, und Schmitz warten müssen.

Wie nun mit Peymann und Castorf zu verfahren ist, hatte Schmitz an Renner vererbt. Der wollte diese Personalien ursprünglich Ende des Sommer 2014 geklärt haben, doch die Entscheidungen verzögerten sich um Monate. Die Nachfolge von Claus Peymann im Dezember wurde auf einer kurzfristigen Pressekonferenz verkündet. Nach alldem, was man im Umfeld hört, wurde Peymann erst kurz vor der Verkündung über seinen Abgang informiert, weil man vor seinen emotionalen Ausbrüchen Sorge hatte.

Mit der Vermutung lag die Kulturbehörde zumindest nicht falsch. Umso unverständlicher ist es, dass Renner sich im Anschluss monatelang mit Peymann nicht getroffen hat. Für Chris Dercon, den möglichen Nachfolger von Frank Castorf, muss die hiesige Debatte wie eine Posse vorkommen. In München hatte er eine große Lücke hinterlassen, als er das Haus der Kunst verließ. Er leitet das Tate Modern in London, seine Berufung wäre keine Verlegenheitslösung, sondern ein Coup. Wenngleich ein Coup, der extrem schlecht verkauft wird.