Ihre Band hat sie zu Hause gelassen. Ganz allein steht Melissa Etheridge am Mittwochabend auf der Bühne des prall gefüllten Astra in Friedrichshain. Etheridge pur. Gut gelaunt erscheint die Sängerin im Rampenlicht, die zwölfsaitige Ovation-Gitarre geschultert, und eröffnet den Abend gleich mit ihrem 1993 mit einem Grammy-Musikpreis veredelten Song „Ain’t It Heavy“. Das Publikum zeigt seine Zuneigung sofort durch lautstarken Jubel und hundertfach in die Höhe gereckte Smartphones.
Sie versprüht immer noch ungebändigte Energie. Mit brachialer Kraft drischt die 53-Jährige die Akkordfolgen in die Saiten. Sie hat eine rhythmisch-perkussive Spielweise kultiviert, mit der sie ihre Songs mächtig antreibt. „This Is M.E.“ heißt ihr etwas sehr auf Pop gebürstetes neues Album. Die neuen Stücke, die sie davon spielt, bekommen aber live jene raue Kraft, die ihnen im Tonstudio etwas abhandengekommen ist.
So ganz allein ist sie nun auch wieder nicht. Sieben E-Gitarren stehen aufgereiht auf der mit Kerzen und Lavalampen dekorierten Bühne. Die wollen alle gespielt werden. Auch zwei Doppelhals-Monstren sind darunter. Mit Trommel, Cajón und Tambourin gibt sie bei manchen Stücken live den Rhythmus vor, der durch eine Loop-Maschine zu ihren Füßen die Schlagwerk-Begleitung repetiert. Auch Akkordfolgen lassen sich so immer und immer wiederholen. Das hat mitunter seinen Reiz, kann aber auch lästig werden, wenn sie manche Songs auf diesem Klanggerüst durch ausufernde E-Gitarren-Soli in die Länge zieht.
Auch beim legendären Mauerfall-Konzert dabei
Melissa Etheridge ist ein Stammgast auf Berliner Bühnen. Schon 1988, da war gerade ihr phänomenales Debütalbum erschienen, war sie erstmals in der Stadt und überrumpelte das damalige Loft am Nollendorfplatz mit ihrer aufwühlenden Bühnenpräsenz. Da wusste noch keiner, dass die Stücke, die sie da sang, wie „Bring Me Some Water“ oder „Like The Way I Do“, einmal zu Rockklassikern werden würden. Auch beim legendären Mauerfall-Konzert 1989 in der Deutschlandhalle war sie dabei. Mit schöner Regelmäßigkeit kehrte sie wieder.
Immer wieder brandet der selbstbewussten Frau mit der emotionsgeladenen Stimme Applaus entgegen. Sie hat ihr mehrheitlich weibliches Publikum fest im Griff. Seit sie sich 1993 auf der Vereidigungsfeier für Bill Clinton geoutet hatte, ist die politische engagierte Melissa Etheridge eine Ikone der Lesbenszene.
Pärchen liegen sich bei „Silent Legacy“ vom im selben Jahr erschienenen, vierten Album „Yes I Am“ glücklich in den Armen. Natürlich gibt’s von „Yes I Am“ auch die sehnsüchtig-trotzige Ballade „I’m The Only One“. Lautstark werden Refrains mitgesungen.
Die Gitarre mit bloßer Hand zersägen
Melissa Etheridge macht mächtig Druck. Findet zwischendurch aber auch leise Töne, wie bei der Ballade „The Weakness In Me“ von Joan Armatrading, bei der sie sich am Piano begleitet. Das neue, rockige Stück „Ain’t That Bad“, in dem es um die vermeintlich positiven Aspekte einer Trennung geht, erinnert live mit seinem pulsierenden Loop-Rhythmus an ein Pow-Wow nordamerikanischer Ureinwohner. Beim blueslastigen „Monster“ lässt Melissa Etheridge die Steel-Guitar aufheulen und stößt auch in die Mundharmonika.
Am überzeugendsten ist sie aber immer, wenn sie sich nur auf der Zwölfsaitigen begleitet. Wie bei ihrem Hit „Bring Me Some Water“, mit dem dieser Abend nach nahezu zwei pausenlosen Stunden sein Ende findet. Aber natürlich, eine Zugabe muss noch sein. Nämlich jenes Stück, auf das alle gewartet haben: Bei der gut zehn Minuten langen Version von „Like The Way I Do“ gibt Melissa Etheridge ihrer voluminösen Stimme den Rest – und bearbeitet ihre Gitarre so exzessiv, als wolle sie das Instrument mit bloßer Hand zersägen.



