Es scheint fast Ironie, dass Oskar Roehler für seinen neuen wilden Film „Tod den Hippies. Es lebe der Punk“ – der am Donnerstag ins Kino kommt und morgen Berlin-Premiere im Colosseum feiert – ausgerechnet Tom Schilling für die Hauptrolle ausgewählt hat. Ist der 33-Jährige doch bekannt dafür, dass er immer im Anzug kommt und 2013 gar Krawattenmann des Jahres war. Aber auch er war mal Punk, gibt der Schauspieler zu – wenn auch nur für kurze Zeit. Wir trafen Tom Schilling in einem seiner Lieblingscafés im Prenzlauer Berg, entschieden uns dann aber, weil es so schon frühlingshaft war, spontan für einen Coffee-to-go draußen und setzten uns auf den Arnimplatz.

Berliner Morgenpost: „Tod den Hippies. Es lebe der Punk“ ist Ihr dritter Film mit Oskar Roehler. Was ist das Besondere an ihm, an Ihrer Zusammenarbeit?

Tom Schilling: Das Besondere an Oskar ist, dass er so eine unglaubliche Handschrift in seinen Filmen hat, wie nur wenige Regisseure. Oskar ist immer wahnsinnig expressiv, auch wild, er traut sich einiges, mit Mut zur Überzeichnung. Er macht das, was er will. Ob man das nun mag oder nicht, seine Filme gehen auf jeden Fall weg von dem Einerlei der deutschen Genrefilme. Das macht sie so besonders.

Wie ist das, sein Alter Ego zu spielen?

Auch nicht anders als bei anderen Rollen. Er hat schon eine sehr genaue Vorstellung davon, wie alles zu sein hat – egal ob das fiktiv oder persönliche Erinnerung ist. Das wird immer schwierig, wenn jemand das nicht so richtig bedient. Wir kennen uns schon sehr lange, er mag wohl das, was ich als Schauspieler mache. Und hat sich das getraut mit mir. Ich habe nicht viel Kritik bekommen von ihm. Er war wohl ganz zufrieden, würde ich sagen.

Es geht um seine Berliner Punk-Phase. War das Ironie, dass er ausgerechnet Sie besetzt hat?

Aber ich hatte auch eine Punk-Phase. Zugegeben, sie war sehr kurz. Aber als ich aufs Gymnasium kam, mit zwölf Jahren, war das so das erste Subkulturding, das ich gut fand. Ich habe mit einem Freund Die Ärzte und Ton Steine Scherben gehört und habe mich als Punk verstanden.

Was bedeutete Punk für Sie?

Ich bin jetzt nicht der Punk-Erklärer, bloß weil ich in einem Film darüber mitgespielt habe. So richtig meins war das ja auch nie. Für mich als Jugendlicher war das vor allem etwas Politisches, Antifa, gegen Nazis sein, gegen das System. Es ging um die Verneinung von Normen, darum, den anderen Weg zu gehen, was immer das ist. Selbstverständlich habe ich Dockmartins und eine merkwürdige Frisur getragen. Einen Kreis auf dem Hinterkopf, das war ein Zopf, der Rest war kahlrasiert.

Wusste Roehler davon? Hat er Sie deshalb gecastet?

Glaube ich nicht. Wir hatten andere Berührungspunkte. Diese Subkultur im Berlin der frühen Achtziger. Eine meiner ersten Musikvorlieben war die Birthday Party, die erste Band von Nick Cave. Der kam 1982 von London nach Berlin. Ich bin da gerade geboren, aber als ich zwölf war, bin ich richtig versunken in diese Musik. Ich hab mir immer gewünscht, in der Zeit schon groß gewesen zu sein. Das habe ich jetzt ein wenig mit dem Film ausleben dürfen. Ich musste diese Begeisterung deshalb gar nicht lange herstellen, die war da.

Im Film scheren Sie sich den Kopf kahl. War das Ihr echtes Haar? Und sind Sie in der Drehzeit dann auch mit dem Irokesenschnitt herumgelaufen?

Ja, die Szene war echt. Ich bin schon ein bisschen eitel, aber so eitel dann doch nicht. Das ist Teil meines Berufs, ich stelle meine Haare den Maskenbildnern zur Verfügung. Ich will mich ja auch verändern, und so etwas hilft ungemein für die Rolle. Abends war es mir dann ein bisschen peinlich. Aber meine Freundin und meine Kinder fanden es eigentlich ganz gut. Seit dem Dreh bin ich aber nicht mehr beim Friseur gewesen, jetzt haben sie wieder so meine Länge.

Sie sind gerade 33 geworden, spielen aber immer noch einen Jugendlichen, der gerade von der Schule weggeht. Sind Sie nicht langsam zu alt für so etwas?

Ich bin auch erst mal zusammengezuckt, als das Drehbuch mit der Schulzeit begann. In einem anderen Film wäre ich wohl nicht mehr die richtige Wahl gewesen. Aber dem Oskar ist das ja total egal. In seinen Filmen ist die Mutter mal viel zu alt, mal viel zu jung, Moritz Bleibtreu war in „Die Quellen des Lebens“ auch deutlich zu alt dafür, um erste große Liebe und so zu spielen.

Für Oskar Roehler ist der Film, wie „Die Unberührbare“, wie „Quellen des Lebens“, einmal mehr eine Elternaustreibung. Das treibt er ja exzessiv in seinen Filmen und seinen Büchern. Gab es für Sie auch eine Phase, in der Sie gegen Ihre Eltern rebelliert haben?

Natürlich gab es so eine Phase. Die braucht es auch, die wünsche ich jedem Kind. Das ist zwar anstrengend für die Eltern, aber wichtig für die Abnabelung, um erwachsen zu werden und emanzipiert. Ich glaube, ich habe meinen Eltern nicht ganz so viel Kummer gemacht. Aber wir haben schon viel gestritten. Ich habe die Rebellion dann aber früh in einen Arbeits-Drive gesteckt. Schon mit zwölf habe ich angefangen, ernsthaft Theater zu spielen am Berliner Ensemble, musste dann immer zu Proben und abends zu Vorstellungen. Mit 16 ging dann auch schon die Filmerei los, da war ich schon viel weg von zuhause. Ich war also raus aus ihrem Einflussbereich, konnte machen, was ich wollte. Das wünschen sich Jugendliche ja in dem Alter. Das hat das Verhältnis zu meinen Eltern deutlich entspannt. Deshalb musste ich zuhause nicht so ein Satansbraten sein.

Sie sind vor einem Jahr zum zweiten Mal Vater geworden. Sind Sie in der Erziehung ähnlich, wie Ihre Eltern es bei Ihnen waren, oder wollen Sie ganz anders sein?

Es gibt Sachen, die fand ich gar nicht gut, die versuche ich selbst zu vermeiden. Bei manchen gelingt mir das richtig gut, bei anderen erwischt man sich manchmal dabei, dass man in dieselbe Falle tappt. Aber auf andere Dinge, wie Pünktlichkeit oder einen gewissen Ehrgeiz lege ich selber viel Wert und versuche sie in die Erziehung einzubringen.

Es dauert nicht mehr lange, da wird auch Ihr Sohn in das schwierige Alter kommen und rebellieren. Was würden Sie sagen, wenn er eines Tages mit Irokesenfrisur nach Hause käme?

Ach, die Äußerlichkeiten sind ja noch am harmlosesten. Das Komplizierte werden dann die verbalen Auseinandersetzungen sein. Man kann sich nur dafür wappnen, damit es einen nicht so unverhofft trifft.

Mit „Oh Boy“ und „Unsere Mütter, unsere Väter“ hatten Sie kürzlich einen wahnsinnigen Ritt, das ging fast zwei Jahre durch. Haben Sie sich jetzt bewusst etwas zurückgezogen?

Das vermittelt sich in den Medien immer so. Weil dann immer über die Schauspieler berichtet wird. Aber tatsächlich war Jan-Ole Gerster für „Oh Boy“ viel öfter unterwegs. Der Emmy in New York für „Unsere Mütter, unsere Väter“ war eine der wenigen Reisen, die ich für die Filme angetreten habe, und das war auch wirklich eine tolle Erfahrung. Die beiden Filme waren so unterschiedlich, ich hatte großes Glück, dass ich so gute Rollen hatte. Die haben mich beruflich echt weitergebracht. Mir wird jetzt sehr viel angeboten, da wird man fast zur Allzweckwaffe. Ich bin dankbar, dass ich da jetzt eine größere Auswahl habe, aber es ist auch schwer, die richtige Wahl zu treffen. Und abzusagen. Mehr als zwei, drei Filme im Jahr will ich einfach nicht machen. Schon aus Angst, dass das Publikum eines Tages von mir gelangweilt sein könnte. Es ist immer ein Balanceakt, die richtige Dosierung zu finden zwischen präsent sein und rar machen.

Sie haben jetzt „Suite française“, „Posthumous“ und „Woman in Gold“ gedreht. Treten Sie gerade eine internationale Karriere an?

Ich habe jetzt eine englische Agentin. Da kommen auch mal solche Sachen herein. Was passiert, passiert, aber ich forciere das nicht auf Teufel komm raus. Ich habe in „Suite française“ und „Woman in Gold“ den Nazi gegeben, was ich in deutschen Filmen wohl nicht spielen oder doch drei Mal überlegen würde. Daniel Brühl ist da viel weiter, der kriegt richtig gute Sachen angeboten. Ich bin da aber ganz entspannt. Und ganz glücklich mit den Angeboten in Deutschland.

Ist das schwierig, im Ausland zu drehen? Weil man dann nicht so oft bei den Kindern ist?

Das macht eigentlich keinen Unterschied. In Deutschland drehst du ja auch meist nicht in deiner Heimatstadt. Ob man in Köln dreht oder in Paris, spielt dann im Zeitalter des Flugzeugs und Skype auch keine Rolle mehr. Wenn ich nicht drehe, bin ich dafür ja viel öfter zuhause als Papas, die morgens zur Arbeit gehen. Worauf ich aber eher verzichte, sind Einladungen zu Filmfestivals oder Premieren meiner Filme in Australien etwa – obwohl ich dort schon sehr gerne mal hin möchte.