Oper

„Parsifal“ sorgt in der Berliner Staatsoper für Buh-Rufe

Die Staatsoper zeigt Wagners „Parsifal“ als blutige Religionskritik. Gewalt, Inzest, Missbrauch liegen in der Luft. Regisseur Dmitri Tcherniakov und sogar Stardirigent Barenboim werden ausgebuht .

Foto: Thalia Engel / dpa

Die Gralsritter mit ihren Wollmützen und Vollbärten sehen eher wie bettelarme Bergbauern aus. Es ist ein widerlicher Haufen. Irgendwann schreiten sie zur Enthüllung des Grals. Der verzweifelte Gralskönig Amfortas, der wie einst Jesu am Kreuz mit dem Speer verletzt wurde, wird entkleidet. Einer reißt ihm die blutverschmierte Binde ab, ein anderer presst ihm ein Gefäß in die Wunde, um das frische Blut aufzufangen. Mit Wasser vermischt wird es in die heilige Schale gefüllt und an die Männer verteilt. Es ist eklig, aber sie geraten in glückliche Trance. Zuvor wurde ein Sarg hereingetragen, in den sich der alte Titurel, der frühere Gralskönig, legt. Titurel (souverän: Matthias Hölle) erinnert mit seinem langen Ledermantel eher an Dracula, er wird am Ende des Rituals gefeiert. Die Schmerzen seines ihm hörigen Sohnes interessieren ihn nicht. Es liegt nahe, dass Amfortas die Wunde nur zugefügt wurde, um das Abendmahl vollziehen zu können. Er ist ein hilfloses Folteropfer.

Kein Karfreitagszauber

Die „Parsifal“-Inszenierung von Dmitri Tcherniakov stößt bei den Festtagen der Staatsoper auf große Ablehnung. Selten waren bei einer Premiere in Berlin solche Buhgewitter zu erleben. Und auch Stardirigent Daniel Barenboim musste Buhs für den dahinsiechenden Orchesterfluss einstecken. Aber vielleicht auch, weil er, der Hausherr, Tcherniakov bei dessen rigoroser Religionskritik, die jede Utopie verweigert, freie Hand ließ. Dabei war von vornherein klar, dass der begnadete russische Regisseur kein Wagnersches Bühnenweihfestspiel, keinen Karfreitagszauber auf der Bühne zelebrieren würde.

Offenbar gibt es aber auch in Berlin diese Erwartungshaltung. Wegen des religiösen Inhalts ist es andernorts bis heute üblich, nach dem ersten Akt, der Abendmahlsszene, nicht zu klatschen. Im Schiller Theater beginnen Einzelne zu applaudieren, aber der Beifall bricht schnell wieder ab. Stille zieht ein. Das ist eine bemerkenswerte Beobachtung im ansonsten doch als so aufgeklärt geltenden Berlin.

Rückgriff auf die Uraufführung

Tcherniakov reibt sich an Wagners Kunstreligion, die der greise Komponist mit seiner letzten Oper in die Welt setzte. Wenn Gurnemanz den Knappen vom Gründungsmythos, vom Gral und der Verwundung des Amfortas erzählt, dann ist das auf der Bühne ein Diavortrag. Gezeigt werden Bilder von der „Parsifal“-Uraufführung 1882 in Bayreuth. Tcherniakov, der auch sein eigener Bühnenbildner ist, knüpft an das runde Gralstempelbild an. Man mag es als eine Kritik an der Rezeptionsgeschichte nehmen, jeder hat sich seither aus dem Stück herausgenommen, was er gerade brauchte. Übrig geblieben ist die Deformation. Tcherniakovs Gralshüter lungern im heruntergekommenen Festsaal herum, die einst prächtigen Rundbögen sind zugemauert, anderes geflickt, es wurden Fenster eingesetzt, eine Betondecke liegt bedrückend über allem.

Auch Gegenspieler Klingsor, der einst ausgestoßene Gralsritter, residiert in einem identischen Raum, der allerdings klinisch rein wirkt. Hier lebt er als Sektenführer mit seinen liebreizenden Töchtern, die knappe Kleider tragen, die jüngeren haben ihre Puppen dabei. Missbrauch liegt in der Luft. Der Regisseur glaubt nicht an die Mär, wonach sich der sündige Klingsor selbst entmannt hat. Tomas Tomasson singt den Klingsor mit einer zwanghaft überdrehten Attitüde. Der gute alte Onkel ist komödiantisch gespenstig. Und die Abwesenheit von Vätern und Müttern lässt einen fragen, inwiefern Kundry mit all den Blumenmädchen verwandt ist. Erst viel später wird sie ihre eigene Puppe hervorholen. Es ist eine Stärke von Tcherniakov, keine „religiösen“ Prototypen vorzuführen, sondern nach Motivationen, Verdrängtem und Verlogenheiten der Hauptfiguren zu fragen. Selbst wenn es einem nicht immer leicht fällt, ihm bei seiner Wühlerei in den Wunden zu folgen. Insgesamt ist es eine Art Psychodrama geworden.

Irre Welt des Reliquienkults

Parsifal kommt als junger Backpacker in diese irre Welt des Reliquienkults. Er hat sein eigenes Päckchen zu tragen, seine Mutter hat ihn fummelnd mit einem Mädchen erwischt. Offenbar ein traumatisches Erlebnis. Andreas Schager singt den erwarteten Erlöser voll jugendlicher Leichtigkeit. Der in Berlin am Ende gefeierte Tenor wird die Partie auch in Bayreuth singen. Allerdings ist er bei dieser Premiere zur Rücksichtnahme verpflichtet. Anja Kampe, die die ihn sexuell therapierende Kundry singt, ist wegen eine Grippe indisponiert. Das Publikum leidet mit. Man kann nur ahnen, welche Intensität sich hinter ihrer Rolle verbirgt.

Daniel Barenboim kostet am Pult seiner Staatskapelle Wagners Musik in epischer Breite aus. Es hat schon etwas Quälerisches. Die Musik zerfällt in einzelne Stimmungsbilder, das motivisch Sinnstiftende bleibt auf der Strecke. Dabei hat Tcherniakov die Nähe von Amfortas und Kundry in der Musik aufgespürt. Während Parsifal am Ende den Männerhaufen übernimmt, finden die beiden Opfer zusammen. Aber Gurnemanz, den René Pape in stimmgewaltiger Bassschwärze aussingt, ersticht Kundry hinterrücks. Parsifal trägt sie raus. Die Blutquelle Amfortas bleibt erhalten. Die Erlösung fällt aus. Für fast sechs Stunden des Ausharrens ist das leider etwas zu wenig an Erkenntnis.