Ballett

Ein Tanz als Beweis - Jugend und Technik ist nicht alles

Besonderheit im jugendversessenen Ballettbetrieb: Mit „KylWorks“ gastieren Tänzer jenseits der 35 Jahre im Berliner Schiller-Theater. Und zeigen, dass man nach wie vor im Spitzentanz spitze sein kann.

Foto: Jiri Kylian

Mitte, Ende 30 – und das war's mit der Karriere: Wenn andere erst richtig durchstarten, endet für hochtrainierte Tänzer die Berufslaufbahn schon. Zu fordernd sind Spagat und Spitzentanz für die Physis. Die Kunst der Schwerelosigkeit und Virtuosität ist Hochleistungssport, Knochenjob – und Jugendwahn. Dass eine Starballerina wie Sylvie Guillem erst jetzt, mit 50 Jahren, auf Abschiedstournee geht, ist eine absolute Ausnahme, umsichtig geplant, als sie die Leistungsspitze im klassischen Tanz überschritten hatte. Ein Star wie Vladimir Malakhov hingegen riskierte seinen Ruf, weil er an den Hauptrollen festhielt, als seine technische Brillanz längst gewichen war.

Die Erfahrung, dass der Vertrag nicht verlängert wird, teilt der Ex-Staatsballett-Intendant nun mit all den Demisolisten und Ensembletänzern, deren Karriereende weniger öffentlichkeitswirksam endet – manchmal von einem Tag auf den anderen, nach einer Verletzung oder dem Auslaufen der befristeten Anstellung. Für die meisten Bühnentänzer ist ihr Traumberuf ein kurzes Vergnügen: Nur rund zehn Jahre dauert die aktive Bühnenkarriere, so lang wie die Ausbildung, wie Heike Scharpff von der Stiftung TANZ – Transition Zentrum Deutschland erklärt. Danach beginnt die Neuorientierung, die sogenannte Transition. Und mit ihr die zweite Laufbahn.

Höher und schneller ist nicht alles

Ein zwingender Schritt? Jein. Dass der Lebenstraum vom Tanzen nicht unbedingt mit 35 Jahren enden muss und es im Bühnentanz auch nicht nur um das Höher, Schneller, Schöner geht, beweisen am Wochenende sechs Tänzer, die sich knapp dies- oder weit jenseits der magischen Altersgrenze befinden. In Jiří Kyliáns „KylWorks“, einem choreographischen Bilderbogen, gastieren sie an der Staatsoper im Schiller Theater. „Es gibt keine Altersgrenze für die Möglichkeit, auf der Bühne zu stehen“, sagt Sabine Kupferberg emphatisch.

Die 63-Jährige ist die Lebenspartnerin des Choreographen Jiří Kylián – und nach wie vor als Tänzerin aktiv. Sie wäre auch in Berlin mit auf der Bühne, hätte sie sich nicht verletzt. „Physisch muss man kürzer treten, aber ältere Tänzer haben andere Erfahrungen“, antwortet sie auf die Frage, was das Besondere an älteren Tanzschaffenden ist. „Für mich entspricht das dem Kreis des Lebens. Das ist die Basis von älteren Künstlern: eine Weiterentwicklung, die sie tiefer gehen lässt im Ausdruck, in der Expressivität und im Können.“

Tänzer „von 40 bis zum Tod“

Sabine Kupferbergs Suche nach größtmöglicher Ausdruckskraft hat ihr Partner stets gefördert. Auch ihretwegen wurde er zu einem Pionier der künstlerischen Arbeit mit älteren Tänzern. Von 1975 bis 1999 künstlerischer Leiter des Nederlands Dans Theater, gründete er 1991 neben der Haupt- und der Juniorcompagnie auch einen Ableger für Tänzer „von 40 bis zum Tod“: das Nederlands Dans Theater III, kurz NDT III. Eine legendäre Truppe, für die egendäre Choreographen wie Mats Ek, William Forsythe und Hans van Manen eigene Werke schufen.

15 Jahre reiste das kleine Ensemble um die Welt, teils mit den jungen Tänzern des NDT II. „Das war für mich ein ganz besonderes Gefühl, den Zuschauern die Zeitspanne eines Tänzerlebens auf der Bühne nahezubringen“, sagt Sabine Kupferberg. Das NDT III war auch ein Geschenk Kyliáns an sie persönlich: Im Jahr vor der Ensemblegründung hatte sich Kupferberg entschieden, ihren Platz in der Hauptcompagnie für eine jüngere Kollegin freizugeben.

An Ausdruck gewinnen

Ein halbes Jahr lang tat die vormals bei John Cranko in Stuttgart ausgebildete Ballerina all das, was disziplinierte Tänzer nicht tun: Essen, Trinken, Feiern. „Ich bin geschwebt von Tag zu Tag“, erinnert sie sich. Dann musste sie sich wieder für die ersten Vorstellungen mit dem NDT III in Form bringen – die berufliche Umorientierung blieb ihr erspart. Im Ensemble der Älteren war Raum für Sabine Kupferbergs ausgeprägte Begabung, ihre Verwandlungsfähigkeit in unterschiedlichen Rollen. Beim NDT III konnte sich Kupferberg künstlerisch noch einmal weiter entwickeln: „Was hier kreiert wurde, war sehr persönlich, ging tiefer in die Seele jedes Künstlers. Wir konnten mehr erzählen, andere Themen konfrontieren“, etwa Tod oder Vergänglichkeit, Enttäuschungen beruflicher wie privater Art – „all die Sachen, die sich abspielen im Leben“.

Das Ende war denn auch hart für sie: 2006 wurde das NDT III wegen finanziellen Missmanagements wieder aufgelöst. „Jetzt habe ich gar nichts mehr“, hat sie gedacht. „Das hat sehr lange sehr weh getan.“ Nach dem freiwilligen Entschluss, mit dem Berufstanzen aufzuhören, erlebte sie nun die zweite Version einer Transition: die unfreiwillige. Jiří Kylián bot ihr zwar an, mit anderen Compagnien weltweit seine Stücke einzustudieren. Aber Kupferberg wollte sich ausdrücken, auf der Bühne stehen. Und tatsächlich, es ging weiter: Sie drehte mit Kylián einige Tanzfilme, bis seine Privatinitiative mit etwa den „KylWorks“ ihr als Freischaffender die Rückkehr auf die Bühne ermöglichte.

50 Prozent bleiben im künstlerischen Bereich

Sabine Kupferberg ist sich bewusst, dass sie Glück gehabt hat. Nicht alle Tänzer besitzen ein Ausdrucksvermögen, das mit den Jahren gewinnt. Und nicht alle sind einem Spitzenchoreographen nahe, der die Möglichkeiten ihrer Weiterbeschäftigung schaffen kann. Und doch bleibt rund die Hälfte der ehemaligen Tänzer nach dem Ende ihrer aktiven Karriere zumindest mit einem Standbein im künstlerischen Bereich, wie Heike Scharpff erzählt – als Tanzfotografin, Kostümbildner oder Ballettmeisterin. Die anderen 50 Prozent wechseln das Fach, werden Physiotherapeuten, Hotelfachkräfte, Dolmetscherin.

Ganz individuell verläuft die Entscheidung für den Zweitberuf. So wie die mal schmerzhafte, mal befreiende Trennung von der ersten Berufung. Auf die Blickrichtung kommt es an. Dann ist die Transition vor allem Chance, keine Härte. Und eine ältere Tänzerin vor allem eine ausdrucksstarke Künstlerin. Was zu beweisen wäre: am Freitag und Sonntag im Schiller Theater.

„KylWorks“ Staatsoper im Schiller-Theater, Bismarckstr. 110. Tel.: 20354555. Termine: 27. März, 19 Uhr; 29. März, 15 Uhr