Theater

Psychoduell zwischen Anika Mauer und Boris Aljinovic

| Lesedauer: 4 Minuten
Katrin Pauly

Foto: Scherf/face to face / 0000082

Wenn die Ehe zur Hölle wird: Ein einziges Zuspätkommen beendet jäh eine flammende Liebe. Fabrice Roger-Lacans Stück „Unwiderstehlich“ feiert seine Berliner Erstaufführung im Renaissance-Theater.

Statistisch gesehen macht die Eifersucht einen miserablen Schnitt: Kriminalpsychologen gehen davon aus, dass sie bei mindestens drei von fünf Straftaten maßgeblich mit im Spiel ist, und auch bei den Scheidungsgründen rangiert sie auf den oberen Plätzen. Eifersucht ist das gefährlichste Gefühl der Welt, weil es als Alibi das schönste aller Gefühle anführt, die Liebe. Wie schnell der emotionale Brandsatz gezündet ist, zeigt der französische Autor Fabrice Roger-Lacan in dem Stück „Unwiderstehlich“, das unter der Regie des Niederländers Antoine Uitdehaag im Renaissance-Theater seine Berliner Erstaufführung erlebte. In den Hauptrollen: Boris Aljinovic und Anika Mauer.

Sieht erst mal alles perfekt aus bei den beiden, ein tolles Leben in üppiger Großstadt-Maisonette (Bühne: Momme Röhrbein) mit moderner Kunst und diesem lässigen Charme offener Wohnräume. Er ist Anwalt, sie Lektorin. Und auch das: Sie lieben sich, begehren einander sogar. Doch ein Abend verändert alles. Sie kommt, sehr spät , von einem Treffen mit einem Autor, einem, den sie seit ihrer Jugend verehrt, den sie schon immer „unwiderstehlich“ fand und der zu allem Überfluss auch noch als ausgemachter Womanizer gilt.

Hitchcock gepaart mit Yasmina Reza

Da brennen bei dem Daheimgebliebenen die Sicherungen durch. Nicht dass da was gewesen wäre, das glaubt er ihr sogar. Aber paradoxerweise ist ihm gerade die Tatsache, dass sie sich von dem Don Juan nicht zu einer zweiten Verabredung zum Abendessen hat überreden lassen, Beweis genug dafür, dass sie selbst Angst davor hatte, sie könnte dem Schwerenöter tatsächlich erliegen. Dieser verflixte Konjunktiv reicht ihm aus, um die komplette Beziehung auf den Prüfstand zu stellen.

Wie sich Boris Aljinovic und Anika Mauer in dieser ersten Dreiviertelstunde die Argumente um die Ohren pfeffern, wie sie einander immer noch umgarnen, wie der vermeintlich Gehörnte, der sich als Jurist bestens darauf versteht, Menschen verbal weich zu kochen, lauernd zum privaten Kreuzverhör ansetzt und sie erst die Welt nicht mehr versteht und dann zum Gegenschlag ausholt, das hat absolut die Klasse eines vielversprechenden Psycho-Duells. Da ist Hitchcock mit drin und Beziehungshöllisches, wie man es von Yasmina Reza kennt. Der Autor, übrigens ein Enkel des Psychiater-Gurus Jacques Lacan, zieht alle Register des Genres und das zündet auch zunächst.

Was fehlt, ist Doppelbödigkeit

Doch bald ist klar, dass der Typ da vorne einfach nicht mehr alle Latten am Zaun hat und sie schön blöd ist, dass sie den Kerl nicht schon längst auf den Mond geschossen hat. Das hat trotz mancher Bonmots mit Wiedererkennungswert Distanz zur Folge, zu den Figuren, zum Stück. Das zudem noch ziemlich überladen ist mit der schrägen Randgeschichte eines mexikanischen Kannibalen, der seine Frau verspeiste, scharfe Garnelen spielen eine Rolle, eine lettische Geliebte und eine rosa Pudelmütze. Das Duo Aljinović und Mauer meistert die vielen Volten des Plots durchaus souverän, sie ist vielleicht eine Spur zu sexy, er ein wenig zu manisch, aber es brodelt und knistert, sie sind stark in den Wortduellen und markant in ihren Figuren.

Natürlich treibt er sie mit seiner Eifersucht direkt in die Arme des anderen, in denen sie erst gar nicht landet, dann aber doch und als sie sich zehn Monate später wiedersehen, hindert ihn sein inzwischen eher trostloses Dasein zwischen leeren Pizzakartons und Chinafood-Boxen nicht daran, erneut ausdauernd vorwurfsvoll mit dem Zeigefinger zu wedeln, Versöhnung gibt es trotzdem und Küchentisch-Sex. Es bleibt an diesem Abend kaum ein Geheimnis offen, es fehlt genau die nur mitschwingende, aber nicht ausgestellte Doppelbödigkeit, die ein wirklich gutes Psychodrama ausmacht. Stattdessen werden wir Zeuge eines abgeschlossenen Falls. Keine weiteren Fragen.

Renaissance-Theater, Knesebeckstr. 100, Charlottenburg. Tel.: 312 42 02. Nächste Termine: 24.-28. März, 20 Uhr.