Deutsches Theater

Ulrich Matthes und die dunkle Seite der Macht

Regisseur Tilmann Köhler widmet sich Shakespeares „Macbeth“ mit Ulrich Matthes in der Titelrolle. In seiner Inszenierung am Deutschen Theater ziehen die Hexen alle Fäden.

Foto: Arno Declair

Hören Sie auf die Vögel! Die spielen nicht nur bei Spaziergängen in der Natur eine Rolle, sondern gerade auch bei einem Theaterbesuch. Im Werk Shakespeares hat ihr Ruf meist nichts Gutes zu bedeuten. Bei „Romeo und Julia“ singt entweder eine Nachtigall oder eine Lerche – eine entscheidende Frage. Es geht darum, ob die erste gemeinsame Nacht der unsterblich Verliebten abrupt endet oder nicht. Denn die Nachtigall gilt als Liebesvogel, die Lerche als Verkünder des Morgens.

Eigentlich hätte auch ein Uhu noch ein paar Töne beisteuern können, denn die größte Liebesgeschichte der Theaterliteratur endet nicht gut. Die Eule, eine Vertreterin des Reichs der Finsternis und des Todes, ist bei bei Shakespeare ohnehin schon viel beschäftigt: Sie tritt in „König Lear“, in „Hamlet“, in „Richard III“ (sie schreit bei der Geburt des späteren Bösewichts) und natürlich in „Macbeth“ auf, dem wohl leichenreichsten und dunkelsten Drama des Briten. Unter Theaterleuten hält sich übrigens bis heute der Aberglaube, dass es Unglück bringt, wenn man bei den Proben den Titel des Stücks ausspricht.

Tilmann Köhler hat die im Vergleich zu anderen Werken Shakespeares auffällig kurze Tragödie, was Spekulationen über eine möglicherweise verstümmelte Fassung Raum gab, am Deutschen Theater inszeniert. Am Donnerstagabend fand die vom Publikum wohlwollend aufgenommene Premiere statt. „Macbeth“ bildet den Mittelteil einer Trilogie, die Regisseur Stefan Pucher Ende Februar mit einer verspielten, höchst unterhaltsamen „Was ihr wollt“-Inszenierung eingeleitet hat und die Christopher Rüping am 28. März mit „Romeo und Julia“ abschließt.

Hermetische Welt

Mit einer Kakophonie beginnt „Macbeth“. Am Ende eines sich verjüngenden, vorn die ganze Bühnenbreite und -höhe einnehmenden, rechteckigen Trichters, entworfen von Karoly Risz, befindet sich eine Öffnung. Ein kleiner, von den „Schicksalsschwestern“ kontrollierter Zugang zu einer hermetischen Welt, in der die dunklen Mächte sehr gegenwärtig sind. Wie zu Shakespeares Zeiten, wo die Menschen an die Existenz von Hexen glaubten. In Köhlers Inszenierung haben sie immer die Fäden in der Hand. Am Anfang des gut zweistündigen Abends bilden sie ein Menschenknäuel, liegen bis auf die Unterhose nackt vor der Öffnung. Sie flüstern und lärmen, stehen auf und schlagen mit den Fäusten an die Wände, zerreißen Plastiksäcke, werfen die Kleidungsstücke durch die Luft und suchen sich die passendsten oder in diesem Fall tatsächlich die unpassendsten heraus.

Es ist auf der einen Seite ein sehr körperbetontes Spiel, die „Schicksalsschwestern“ umringen immer wieder die leibhaftigen Personen des Stücks, sie deuten mit ihren Händen eine Krone an, wenn sie Macbeth prophezeien, dass er bald König werden wird. Auf der anderen Seite verzichtet der Regisseur auf Kampfszenen im klassischen Sinn, die blutigen Taten finden bei ihm gewissermaßen auf einer abstrakten Ebene statt – ein plausibler Ansatz in einer Welt, in der echte Gräueltaten wie Enthauptungen von Geiseln im Internet angeschaut werden können. Wenn die Meuchelmörder im Auftrag von Macbeth einen Kontrahenten oder, weil der schon vor dem Tyrannen geflohen ist, dessen Frau und Kinder umbringen, dann hocken die, mitunter vom Aussehen an IS-Kämpfer erinnernd, vorn an der Rampe und schlagen den Griff eines Dolches auf den Bühnenboden. Ein paar Meter dahinter sinken dann die Getöteten nieder. Kein Tropfen Blut fließt auf der Bühne.

Nur sieben Schauspieler

Auch bei den zahlreichen Doppelbesetzungen setzt der Regisseur auf ein Publikum, dass sich vor dem Theaterbesuch zumindest etwas mit dem Inhalt des Stücks vertraut gemacht hat. Felix Goeser spielt neben dem Macbeth-Widersacher Banquo eine Hexe, einen Arzt und Caithness, Thorsten Hirse gibt neben einer Hexe Malcolm, Lady Macduff und andere, Elias Arens übernimmt zusätzlich zur Hexe die Parts von Macduff und dessen Sohn Matthias, Timo Weisschnur ist natürlich als Hexe und daneben als Fleance, Kammerfrau und Siwards Sohn zu sehen. Das breiteste Repertoire deckt Matthias Neukirch mit acht Rollen und einigen süffisanten Auftritten ab. Regisseur Köhler kommt mit nur mit sieben Akteuren aus – das ergibt Sinn, denn diese Zahl ist eine magische und passt somit bestens zum Abend.

Weichgespülte Lady

Nur Ulrich Matthes und Maren Eggert als Protagonistenpaar haben keine Zusatzaufgaben. Lady Macbeth ist ja eigentlich der Inbegriff des machthungrigen, vom Ehrgeiz zerfressenen Weibes, also möglicherweise antiquiert im postfeministischen Zeitalter. Bei Maren Eggert ist die Frau, die ihren Mann zum Morden anstachelt, etwas weichgespült, der später einsetzende Wahnsinn steht mehr im Mittelpunkt als die Aufwiegelung zur Tat oder die Aufforderung an die dunklen Mächte, ihr alles Weibliche auszutreiben – „unsex me“ heißt es im Original, in der vom Regisseur und der Dramaturgin Sonja Anders auf Grundlage der Übersetzung von Dorothea Tieck erstellten Fassung klingt das deutlich harmloser.

Ulrich Matthes in der Titelrolle verzichtet weitgehend auf eine psychologische Ausdeutung der Figur, schließlich ist die ja schicksalsbestimmt, die Inszenierung fordert ihren Tribut. Am Ende steht er am Rand und wartet unaufgeregt auf den Mörder, der nicht zusticht, sondern das Gesicht von Macbeth mit den Händen bedeckt. Aus und vorbei. Es geht zur nächsten Krönung, das Spiel kann von vorn beginnen.

Deutsches Theater, Schumannstraße 13a, Mitte. Termine: 7., 16. &24. April, Kartentelefon: 28441-225.