René Pollesch gehört zu den produktivsten Theatermachern in Deutschland. Er inszeniert landauf, landab und schreibt seine Stücke auch noch selbst. Das beschert den Bühnen verlässlich Uraufführungen. Pollesch-Abende haben einen hohen Wiedererkennungswert. Zugleich eignen sich die Stücke wunderbar für eine Parodie. Polleschs Zutaten variieren in der Menge, zu den unverzichtbaren Bestandteilen gehören fette Titel, eine Prise Ironie und Musik, ein ordentlicher Schuss Theorie, ein großer Löffel Unverständlichkeit mit ein paar Spritzern Zeitgeist – und viel Bewegung.

Am Donnerstagabend hatte „Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte“ Premiere an der Volksbühne. Damit hat Pollesch sein Œuvre um die Gattung Oper erweitert, die Songtexte und Kompositionen hat Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzow beigesteuert, der kurz vor der Premiere bekannte, dass er den Inhalt des Abends nicht zusammenfassen könne, obwohl er bei den Proben dabei war. Ein klassischer Pollesch also. Für die Livemusik sorgt das Filmorchester Babelsberg unter der Leitung von Oliver Pohl. Wir nehmen den Musiktheaterabend zum Anlass, uns dem System Pollesch in neun Stichworten zu nähern.

1. Titel

Sind ganz wichtig. Oft sinnfrei, aber witzig, anspielungsreich und gern mit einem Ausrufezeichen versehen wie bei „Ich schau Dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!“, „Schmeiß Dein Ego weg!“, „Die Kunst war viel populärer, als ihr noch keine Künstler wart!“, „Kill your Darlings!“ oder „Herein! Herein! Ich atme euch ein!“ Die Qualität der Arbeiten schwankt, die der Titel ist aber verlässlich gut.

2. Handlung

Wird überschätzt. In „Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte“ geht es nicht um die Gentrifizierung, sondern um Evolution und Erkenntnis, um Zellteilung und Realitätsverlust, um Liebe und Macht und einiges mehr. Und um die Oper, das „Kraftwerk der Gefühle“, wie es Alexander Kluge einmal formulierte, was René Pollesch natürlich zitiert und von Martin Wuttke performen lässt.

3. Der Chor

Irrt sich gewaltig. Nein, nicht diesmal, so war eine frühere Volksbühnenproduktion betitelt. In „Von einem der auszog …“ tritt der Rundfunk-Kinderchor Berlin auf, er hat eine kleine musikalische und eine große ästhetische Funktion zu erfüllen: Im großen Volksbühnenrund laufen die Jungs und Mädchen vorzugsweise im Kreis.

4. Die Musik

Erinnert an Filmmusik. Viel Blech, schmelzende Geigen, gelegentlich sehr bedeutungsschwanger. Tocotronic-Frontamnn Dirk von Lowtzow hatte beim Schlussapplaus richtig Spaß, er scheint es genossen zu haben, die eigenen Kompositionen mal von einem Orchester vorgespielt zu bekommen. Einen Ohrwurm, also die große Arie, hat diese Oper nicht zu bieten, dafür aber ein lustiges Duett, bei dem Martin Wuttke und Lilith Stangenberg sich ihrer gegenseitigen Zuneigung versichern: „Du haftest an mir wie die Zecke am Tier“ lautet eine der Zeilen.

5. Die Bühne

Unverkennbar von Bert Neumann. Es glitzert, glänzt und funkelt, die Kostüme von Nina von Mechow sind entsprechend gestaltet. Die Bühne ist mit einer Folie abgedeckt, das Wasser steht ein paar Zentimeter hoch. Für den Wal/Hai/Delfin, der im Laufe des Abends vom Bühnenturm herunterschwebt und in der Luft auch ein paar Schwimmübungen (Ballett!!!) vollzieht, reicht die Pfütze natürlich nicht aus, aber Stangenberg und Wuttke können darin planschen. Der Wal/Hai/Delfin, der auch eine Wasserfontäne ausstoßen kann, dient ihnen als Rückzugs-, Umkleide- und Spielort. Eine Kamera liefert Bilder vom Inneren, die Akteure scheinen bei der ersten Leinwandprojektion wie schwerelos im All zu schweben. Aber bei Pollesch ist ja bekanntlich nichts, wie es scheint. Er verweigert sich einer klassischen Geschichte, lässt auch die biblische Erzählung von Jona und dem Wal unausgesprochen über allem schweben.

6. Die Rollen

Gibt es bei Pollesch traditionell nicht. Jeder spielt sich selbst, aber irgendwie auch alle anderen Rollen und Nicht-Rollen. Neben Stangenberg und Wuttke, der am Ende des bei der Premiere knapp zweistündigen Abends in ein wunderbar bescheuertes Alienkostüm mit Schwimmflügeln schlüpft, ist Franz Beil der Dritte im Bunde. Beil spielt die etwas steife, um Verständlichkeit bemühte Figur. Zum Finale stößt Martin Gerke dazu, der Bariton singt von der Macht, die das Schauspiel nicht mehr hat, und produziert einen der bei Pollesch raren sinnlichen Momente; aber schließlich sind wir ja in der Oper, im Kraftwerk der Gefühle.

7. Der Mensch

Für konservative Theatergänger ist René Pollesch der personifizierte Untergang der abendländischen Bühnenkunst, für die anderen der Rainer Werner Fassbinder des Gegenwartstheaters. Er studierte in den 80er-Jahren Theaterwissenschaft bei Andrzej Wirth und Hans-Thies Lehmann am legendären Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft, von dort aus begann der Siegeszug der selbstreferenziellen Performance.

8. Der Prater

War die Kinderstube von René Pollesch, der die kleine, seit einiger Zeit geschlossene Spielstätte der Volksbühne von 2001 bis 2007 leitete und dort seine Formate entwickelte.

9. Die Souffleuse

Muss explizit erwähnt werden, denn sie spielt in den Inszenierungen von René Pollesch eine aktive Rolle. Tina Pfurr trägt ein Kostüm und steht immer da, wo sie hingehört: Nah bei den sprechenden Schauspielern. Denn die Texte sind meistens recht kompliziert und manche Sätze bandwurmartig lang. Und Pollesch gehört zu den Regisseuren, die bis zum Probenschluss um- und neu schreiben – für Schauspieler eine Herausforderung.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, Tel.: 240 65 777.

Termine: 14., 21. & 22. März.