Jubiläum

Ein Tempel für die Arbeiter - 100 Jahre Volksbühne in Berlin

1914 öffnete die Volksbühne am heutigen Rosa-Luxemburg-Platz. Bei der Premiere gab es gleich eine Panne. Am Dienstag feiert die traditionsreiche Bühne das große Jubiläum.

Foto: Wolfram Steinberg / pA/DPA/

In Friedenszeiten wurde der Bau des Theaters beschlossen, als er fertiggestellt war, herrschte Krieg: Trotzdem gab es bei der Errichtung der Volksbühne am Bülowplatz, dem heutigen Rosa-Luxemburg-Platz, keine Verzögerungen, zwischen der Grundsteinlegung im September 1913 und der Eröffnung am 30. Dezember 1914 lagen gerade mal 16 Monate. Die verzögerungslose Fertigstellung war eine Zeitungsnachricht wert. Aber ausgerechnet am Premierenabend versagte die vorab gefeierte, hochmoderne Technik: Ein Maschinendefekt legte die Drehbühne lahm, kriegsbedingt ließ sich das nicht sofort reparieren.

Es musste also kurzfristig umdisponiert werden: Anstelle von Goethes „Götz von Berlichingen“, die entsprechenden Programmzettel waren schon gedruckt, gab es das norwegische Lustspiel „Wenn der junge Wein blüht“, gewissermaßen eine Repertoire-Produktion aus dem Fundus der Volksbühnen-Bewegung. Immerhin ein Gegenwartstheaterstück aus dem Jahr 1909, aber halt auch eine „Schnulze“, wie ein Kritiker schrieb. Und deshalb eigentlich etwas unpassend für die Eröffnung eines aus Mitgliedsbeiträgen finanzierten Theaters, das ein steingewordenes Zeichen der kulturellen Emanzipation der Arbeiterschaft darstellen sollte.

2000 Plätze im Saal

Die Berliner Morgenpost fand in der Silvesterausgabe 1914 freundliche Worte für den verpatzten Auftakt: „Es ist ein alter Aberglaube, dass ein kleines Missgeschick beim Beginn für ein großes Unternehmen gute Vorbedeutung hat. So wollen wir den tückischen Zwischenfall nehmen, der gestern das Programm für die Weihe der neuen Volksbühne am Bülowplatz aus den Angeln hob.“

Der Neubau war in mehrfacher Hinsicht ein Zeichen: Ein städtebauliches, denn damit endete 1914 die erste Etappe in der Entwicklung der Berliner Innenstadt. 1902 hatte der Magistrat nach jahrelanger Diskussion das Projekt zur „Sanierung des Scheunenviertels“ genehmigt, viele Einwanderer aus Galizien lebten dort, die Wohnsituation war sehr beengt. Die ursprünglich geplante Platzrandbebauung an beiden Seiten der Volksbühne wurde nach Ausbruch des Krieges nicht mehr ausgeführt, was zu einer bis heute bestehenden stadträumlichen Isolierung des Gebäudes führte.

Finanziert durch „Arbeitergroschen“

Ein kulturpolitisches Zeichen: Die im Juli 1890 gegründete, der Sozialdemokratie nahestehende Volksbühnen-Bewegung realisierte damit ihren ersten eigenen Theaterbau. Finanziert wurde er auch durch „Arbeitergroschen“, seit 1909 gab es einen Baufonds, in den die Mitglieder einzahlten. Durch ein eigenes Haus wollte der Verein unabhängig von privaten Theaterunternehmern werden und der kaiserlichen Zensur entgehen, denn die Vorstellungen am Bülowplatz waren den Mitgliedern vorbehalten. Außerdem wollte man Arbeitern einen Bühnenbesuch zu erschwinglichen Eintrittspreisen ermöglichen.

Ein architektonisches Zeichen: Oskar Kaufmann, der ein paar Jahre zuvor das Hebbel-Theater und ein paar Jahre danach die Komödie und das Theater am Kurfürstendamm entworfen hatte, zählte zu den angesagtesten Architekten. Die Volksbühne, einer seiner wichtigsten Bauten, galt seinerzeit als ein „überaus modernes Theatergebäude“. Markantestes architektonisches Merkmal stellte neben dem geschweiften Dach die Muschelkalksteinfassade dar, die durch sechs vom Boden aufsteigende, in die Fassade eingestellte kolossale Rundpfeiler akzentuiert wurde. Auf dem Fries über den Pfeilern stand die Inschrift: „Die Kunst dem Volke.“

Mahagoni-Täfelung bot vorzügliche Akustik

Max Osborn erlebte den Eröffnungsabend am 30. Dezember 1914 und beschrieb das Innere der Volksbühne mit den Worten: „Der riesenhafte, 2000 Personen fassende Zuschauersaal bot einen großartigen Anblick. Es zeigte sich, dass die Mahagoni-Täfelung dem gewaltigen Raum nicht nur durch den warmen Ton des Holzes eine überraschende, anheimelnde Intimität, sondern zugleich eine vorzügliche Akustik sichert.“

Weniger Glück als bei der Wahl des Architekten hatte der Volksbühnen-Verein mit der Berufung des ersten Intendanten, des Regisseurs Emil Lessing. Eine künstlerische Fehlentscheidung, wie sich schnell herausstellte. Bereits ein Jahr später bat der Vorstand den Theaterprinzipal Max Reinhardt, der schon das Deutsche Theater und die Kammerspiele in Berlin betrieb, das Haus zu übernehmen.

Heinrich George brüllt

Künstlerisch sorgte die Volksbühne dann in den 20er-Jahren für Schlagzeilen. 1924 gab Erwin Piscator, einer der großen Erneuerer des Theaters, sein Debüt am Bülowplatz mit der Inszenierung „Fahnen“. Der Regisseur, der im Auftrag der KPD im selben Jahr die legendäre „Revue Roter Rummel“ inszenierte, die allerdings nicht an der Volksbühne lief, sondern durch Festsäle tourte, wollte bereits in seiner ersten Arbeit mit dem vergleichsweise neuen, populären Medium Film arbeiten. Er scheiterte aber an feuerpolizeilichen Auflagen, deren Erfüllung große bauliche Veränderungen erfordert hätten.

Drei Jahre blieb Piscator an der Volksbühne, bis zur Uraufführung von Ehm Welks „Gewitter über Gottland“ am 23. März 1927. Dann kam es zum Eklat. Der Vorstand sah die „parteipolitische Neutralität“ der Volksbühne verletzt und löste den Vertrag auf. Piscator hatte die im Mittelalter angesiedelte Geschichte über den Kampf gegen die Hanse bis in die Gegenwart verlängert und mit einem filmischen Abriss der Wandlungen der Revolution durch die Jahrhunderte garniert. In Piscators Inszenierung trägt Schauspieler Alexander Granach eine Lenin-Maske.

Castorf ist dienstältester Volksbühnen-Chef

Heinrich George spielte Störtebecker. „Er schreit, dass man die Besinnung verliert“, schrieb Kritiker Herbert Ihering im Berliner Börsen-Courier über den Auftritt Georges. Ein Satz, den man in Varianten auch über das Theater des heutigen Volksbühnen-Intendanten Frank Castorf lesen kann, der auch die filmische Tradition des Hauses mit seinem Einsatz von Video aufgenommen hat. Castorf übernahm das Haus 1992 und ist damit in der 100-jährigen Geschichte des Hauses dienstältester Volksbühnen-Chef. Nach dem Fall der Mauer hatte der Verein Freie Volksbühne als Rechtsnachfolger gehofft, das Haus zurückzubekommen, konnte sich aber juristisch nicht durchsetzen. Das Theater blieb städtisch.

Unter den Nazis hatte der Verein das Haus verloren, die Theaterbetriebs AG wurde liquidiert, auf dem Spielplan standen Klassiker wie Schillers „Räuber“, Alt-Berliner Possen wie „Eine leichte Person“, Operettenbearbeitungen und „Volksstücke“. 1943 wurde die Volksbühne durch Bomben beschädigt, in den letzten Kriegstagen 1945 brannte sie aus.

Wiederaufbau dauerte wesentlich länger als der Bau

Der Wiederaufbau dauerte wesentlich länger als der Bau. Die Zahl der Sitzplätze wurde auf 1200 deutlich reduziert, später fielen noch einmal 400 weg. Erst am 21. April 1954 wurde das Theater zwar ohne den Schriftzug „Die Kunst dem Volke“, aber mit einem Klassiker eröffnet: Schillers „Wilhelm Tell“. Auch Roman-Adaptionen russischer Autoren sind keine Erfindung Castorfs, bereits in der ersten Spielzeit gab es eine Dramatisierung von Tolstois „Anna Karenina“. Prägendster Intendant zu DDR-Zeiten war der Schweizer Benno Besson, der 1974 die Intendanz übernahm, auf modernes Volkstheater setzte und die großen Bühnenspektakel erfand, die republikweit ausstrahlten.

Die Volksbühne, am Dienstag wird der 100. Geburtstag mit einem Fest begangen, hat nicht nur viele Theaterästhetiken erlebt, auch der Name des Platzes spiegelt den Wandel: Bis 1910 hieß er Babelsberger Platz, dann Bülowplatz, unter den Nazis Horst-Wessel-Platz, von 1945 bis 1947 Liebknechtplatz, danach Luxemburgplatz, ab 1969 gesellte sich Rosa dazu. Eigentlich mal wieder Zeit für einen neuen Namen. Aber noch ist Frank Castorf im Amt, der Intendant muss also noch ein bisschen warten, bis eine Straße nach ihm benannt wird.

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