Volksbühne

„der die mann“ - Quietschbunte Hommage an Konrad Bayer

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Stefan Kirschner

Foto: picture alliance / zb / Claudia Esch Kenkel

Mit „der die mann“ verbeugt sich Volksbühnen-Regisseur Herbert Fritsch vor dem weitgehend vergessenen Autoren Konrad Bayer. Die Inszenierung gelingt auf allen Ebenen, weil sie dem Text viel Raum gibt.

Am Anfang steht das A. Und am Ende das O. Zumindest im griechischen Alphabet. Und in dem Gedicht von Konrad Bayer, das lediglich aus „a“s und gelegentlich eingestreuten „o“s besteht. Lautmalerisch steht das Ensemble in Herbert Fritschs neuestem und möglicherweise letzten Streich an der Volksbühne auf der Showtreppe und artikuliert die Buchstaben.

Das Publikum kann das Gedicht mitlesen, es wird auf auf die Rückwand des riesigen Bühnenraumes projiziert. Natürlich steht diese Nummer weder am Anfang noch am Ende dieser großartigen Sprachoper, die der Regisseur und Bühnenbildner Fritsch mit Musicalelementen angereichert hat und deren Titel „der die mann“ ebenfalls einem Text von Bayer entnommen wurde.

Verbeugung vor dem Schriftsteller Bayer

Der Autor, leider ein mittlerweile weitgehend vergessener, gehörte dem sogenannten Wiener Kreis um H. C. Artmann und Gerhard Rühm an, einem bohemehaften Zirkel, der sich in den 50er- und frühen 60er-Jahren zu Recht in Dingen der Literatur für die Avantgarde hielt. Ihnen wurde „böswilligste Sprachzertrümmerung“ vorgeworfen, verschärft durch die „finstere Absicht, das Abendland endgültig untergehen zu lassen“, wie Ulrich Weinzierl vor 30 Jahren anlässlich des Erscheinens der „Sämtlichen Werke“ schrieb.

Konrad Bayer konnte die kritischen Reaktionen auf sein Werkschaffen selbst nicht aushalten, bereits 1964 hatte er den Kopf in den Gasherd gesteckt, da war er nicht mal 32 Jahre alt.

Herbert Fritsch beschäftigte sich schon früh mit Bayers Werk, die Verehrung merkt man jetzt dem Abend an: Fritsch hält sich mit Slapstickeinlagen, die ja fester Bestandteil seiner Inszenierungen sind, zurück, er räumt Bayers Texten ganz viel Raum ein – so viel wie keinem anderen Autor in seinen Inszenierungen. Er verbeugt sich demütig vor dem Schriftsteller und bringt dessen Werk, das bis zu diesem Abend im Bücherregal zu verstauben drohte, zum Klingen.

Auch im wahrsten Sinne des Wortes. Das „derdiemannorchester“ (Michael Rowalska, Taiko Saito, Fabrizio Tentoni) unter der Leitung von Ingo Günther, der zu Beginn als kleine Reminiszenz an Fritschs eigene Werke beim Betreten der Seitenbühne ins Publikum stolpern darf, liefert die rhythmische Grundstruktur der Inszenierung, bei der Sprache und Musik verschmelzen.

Erst bunt, dann grau

Der Abend funktioniert auf allen Ebenen. Man kann ihn oberflächlich genießen, sich an den Gags wie dem gespielten Spannungsbogen erfreuen, bei dem eine Frau an einem Bungee-Jumping-Seil hängt und hin- und herschaukelnd „mehr Handlung“ einfordert. Oder in die Tiefe gehen und sich auf die Suche nach Zeichen machen, die Fritsch eingestreut hat, die aber nicht zwingend zum Verständnis notwendig sind.

So kann man den Mann, der einmal kurz kopfüber an der Showtreppe hängt, als Anspielung auf den Protagonisten des Bayer-Romans „der sechste sinn“ deuten. Goldenberg, dem auch eine Szene gewidmet ist, in der sich diverse wichtige und weniger wichtige Leute die Hände schütteln und das Ensemble dabei im Schnelldurchlauf Vernissage- und Empfangsteilnehmer karikiert, lebt nämlich im Roman erst in einer sehr bunten Welt, stellt sich dann auf den Kopf, und alles um ihn herum wird grau.

Experimente mit der Form

So wie die Inszenierung sich wandelt. Quietschbunte Anzüge tragen die männlichen Darsteller des bestens aufgelegten Ensembles (Florian Anderer, Jan Bluthardt, Werner Eng, Hubert Wild und Axel Wandtke), bonbonfarbene Kleider die Frauen (Annika Meier und Ruth Rosenfeld). Später dann wandelt sich das Bild, alle schlüpfen in graue Anzüge, die ebenso wie die Frisuren an die frühen Beatles und das Todesjahr Bayers erinnern. Victoria Behr hat die Kostüme entworfen.

Fritsch experimentiert in seiner Inszenierung mit der Form und ist dabei wieder ganz nah an Bayer. Fritsch zitiert in seinen Choreografien Bands wie Kraftwerk, Arrangements von Gospelchören, den Friedrichstadt-Palast und Mozart-Rezitative – der Regisseur hatte zuletzt an der Komischen Oper in Berlin „Don Giovanni“ inszeniert, was allerdings bei der Kritik auf wenig Gegenliebe stieß.

Ganz anders dieser Abend in der Volksbühne, bei dem das Publikum lange applaudierte und mit dem Fritsch, wäre die Arbeit vier Wochen früher herausgekommen, wahrscheinlich erneut zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden wäre. Er ist da ja seit einigen Jahren Stammgast, wurde mit der Oper „Ohne Titel Nr. 1“ ebenso eingeladen wie für „Murmel Murmel“ – und präsentiert jetzt gewissermaßen das Beste aus seinen Arbeiten. Möglicherweise, und das wäre sehr bedauerlich, ist „der die mann“ die letzte Fritsch-Inszenierung an der Volksbühne.

Er war davon ausgegangen, erzählte er kürzlich bei einem Interview, dass Intendant Frank Castorf, wie vor einiger Zeit angekündigt, im Sommer 2016 aufhört. Damit die letzte Arbeit noch ein bisschen gespielt werden kann, hatte er sie bereits in diese Saison gelegt. Nun scheint es, dass Castorf noch ein bisschen länger bleibt. Höchste Zeit, die Zusammenarbeit mit Fritsch vertraglich zu vereinbaren, er gibt dem Haus eine ganz eigene Note und setzt so einen schönen Kontrapunkt zu Castorf.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Nächste Termine: 22.2. , 15.3., Karten: 240 65 777