Konzert in Berlin

Asaf Avidan zeigt im Kesselhaus sein Ausnahmetalent

Der israelische Sänger landete vor zwei Jahren mit „One Day / The Reckoning Song“ einen Nummer-1-Hit - in der Version von DJ Wankelmut. Nun trat Asaf Avidan im ausverkauften Kesselhaus auf.

Foto: picture-alliance / Jazzarchiv / picture-alliance / Jazzarchiv/Jazz Archiv Hamburg

Es ist ein Glücksfall, dass Asaf Avidan, der israelische Diplomatensohn mit der so außergewöhnlichen Falsettstimme, in seinen frühen Sturm-und-Drang-Jahren zu Tode betrübt unglücklich verliebt war. Hätte er seine juvenilen Irrungen und Wirrungen nicht in einer Art Selbsttherapie in emotionswogende Songs gepackt, wäre die Popwelt wohl um einen blues- und rockgetriebenen Singer/Songwriter ärmer. Im lange im Voraus ausverkauften Kesselhaus der Kulturbrauerei stellte der 35-Jährige am Donnerstagabend mit seiner frisch zusammengestellten Band die Songs seines neuen Albums „Gold Shadow“ vor.

Es ist echt voll. Ein ausverkauftes Kesselhaus bedeutet hemmungslose Enge. Es drängelt und schubst allerorten, irgendwann ist überhaupt kein Durchkommen mehr. Aber die Besucher sind in bester Laune. Asaf Avidan hat eine immer größer werdende Gemeinde um sich geschart. Selbst Filmregisseur Wim Wenders ist im Gewühl auszumachen. Im vergangenen Jahr war Avidan noch allein mit seiner Gitarre in der Passionskirche zu erleben. Nun hat er fünf gestandene Musiker hinter sich, einen Schlagzeuger und einen Bassisten, eine Gitarristin, eine Keyboarderin und eine Perkussionistin.

Sie geben seinem beseelt phrasierenden Pop-Countertenor Druck, Energie und Rückhalt. Und engelsgleiche Chorgesänge. Das neue Stück „Over My Head“ steht am Anfang eines kompakten, bewegenden und brillant ausgesteuerten Konzerts, in dem Avidan einmal mehr von gescheiterten Beziehungen und hoffnungsvollen Liebschaften singt. Das hat aber nie den Ruch von Selbstmitleid. Er ist Crooner, Folksänger und Rock-Shouter in einer Person. Ein selbstbewusster Entertainer.

Von Dylan über Waits bis Cohen

Man spürt die Vorbilder von Bob Dylan über Tom Waits bis Leonard Cohen. Musikalisch bedient er sich beim frühen Rock’n’Roll, beim Rhythm’n’Blues, bei Chanson und Barmusik. Mal spielt er eine akustische, mal eine halbakustische elektrische Vintage-Gitarre. Er versteht sich auf die Posen des Rockstars, keine Frage, aber nie wird die Geste zur bloßen Attitüde. Er geht ganz in seinen Liedern auf, schlängelt sich ums Mikrofon, verdreht die Beine, windet sich durch Zeilen wie „The hungry crocodiles are dancing in the light, but what's up there besides the darkness of the night?”

Diese Stimme geht durch Mark und Bein. Dafür müssten andere eine immense Ladung Helium inhalieren. Tatsächlich arbeitete der studierte Trickfilm-Animator in Israel jahrelang als Synchronsprecher unter anderem für die Fernsehserie „Die Schlümpfe“, bevor er 2006 seine Debüt-EP „Now That You‘re Leaving“ veröffentlichte.

Auf der Bühne geht er bis an seine Grenzen, ohne Rücksicht auf die Stimmbänder. Die Arrangements sind durchdacht und abwechslungsreich. Mal schimmert ein bisschen Balkan-Pop durch, mal meint man eine Klezmer-Passage zu hören, mal schwebt ein Hauch von Elvis durch den Raum.

Mit „One Day / The Reckoning Song“ in Deutschland auf Platz 1

Viele Songs des neuen Albums gehören zum gut 75-minütigen Programm. Den Hit aber gibt es wie immer am Ende. Es ist die 2008 erschienene, wunderschöne Ballade „The Reckoning“, die 2012 überraschend auf Nummer 1 der deutschen Charts gelandet ist. Der bis dahin eher unbekannte Berliner DJ Wankelmut hatte das Stück elektronisch aufgebrezelt und als „One Day / The Reckoning Song“ veröffentlicht. Asaf Avidan konnte nicht sonderlich viel damit anfangen, hat sich aber inzwischen damit abgefunden. Schließlich hat der Mix erheblich zu seiner Popularität in Europa beigetragen.

Er singt das Lied von Trennung, Einsamkeit und Älterwerden mit seiner betörenden Stimme dennoch weiterhin nur zur Gitarre und sorgt für Glücksgefühle im Gedränge vor der Bühne. Auch wenn man sich im Kesselhaus an diesem Abend nicht wirklich bewegen kann – zu lautstarkem Applaus reicht es allemal.