Folkrock

Katzenjammer stellt die Columbiahalle auf den Kopf

Das norwegischen Frauen-Quartett Katzenjammer ist erwachsener geworden. Doch der ungebremste Spaß ist geblieben. So ist auch das Publikum zum Schluss schweißnass und heiser vom Mitsingen.

Foto: Erik Weiss/Universal Music

Sie sind eine hochmusikalische Kuriosität. Die vier Frauen des norwegischen Quartetts Katzenjammer bedienen sich übermütig an unterschiedlichsten Stilen und machen sie sich auf melodiesüchtige Weise zu Eigen. Gerade ist mit „Rockland“ ihr drittes Album erschienen, mit dem sie ein bisschen Ordnung in ihren verspielten Gemischtwarenladen bringen. Indem sie sich mehr dem amerikanischen Country-Pop zuwenden. Und damit zu großer Form auflaufen. Am Freitagabend stellten die nordische Katzenjammer-Girl-Group mit ihren neuen Songs die seit langem ausverkaufte Columbiahalle auf den Kopf.

Es ist drückend eng im Saal. 3500 Besucher sind eine ganze Menge. Es wird gedrängelt, es wird geschubst und es wird viel geredet. Der Geräuschpegel eines geradezu babylonischen Stimmengewirrs wabert durch die Halle, der auch während des Konzerts, wenn es mal leiser wird auf der Bühne, penetrant anhält. Als Katzenjammer ins Rampenlicht treten, brandet Jubel auf. Anne Marit Bergheim, Solveig Heilo, Turid Jørgensen und Marianne Sveen eröffnen den Abend mit „Old De Spain“, einer vom Südstaatenblues inspirierten Ballade, die sich auch gut auf dem Soundtrack von „O Brother, Where Art Thou?“ gemacht hätte.

Abenteuerliche Mischung

Inspiriert von der Kurzgeschichte „Brandstifter“ von William Faulker singt Turid Jørgensen in „Old De Spain“ zum Banjo die Geschichte einer Rache, in der ein Untergebener das Anwesen seines Herrn mit einem Kanister Benzin abfackelt. Die Kolleginnen steigen ein. Der Refrain „Burn, burn, never return“ wird vom Publikum lautstark mitgesungen. Sie haben ihr Publikum von Anfang an auf ihrer Seite, auch wenn das Aufmerksamkeitslevel in der hinteren Hälfte der Halle merklich abnimmt.

Seit mittlerweile zehn Jahren sind die Freibeuterinnen der Stile, die sich an der Musikschule von Oslo getroffen haben, zusammen. Vor allem durch ihre Konzerte konnten sie schnell für sich einnehmen. Sie spielen eine abenteuerliche Mischung aus Country und Rockabilly, Gospel und Barjazz, Folk und Balkanmusik. Ihre Harmoniegesänge erinnern die Bangles oder die Roaches. Sie cruisen durch Chanson, Folklore, Music Hall, Shantys und Zirkusmusik.

An die zwei Dutzend Instrumente haben sie dabei. Immer wieder tauschen sie die Plätze auf der Bühne, wechseln vom Schlagzeug zur Bass-Balalaika, von der Ukulele zum Banjo, vom Akkordeon zum Glockenspiel, vom E-Bass zur Dobro. Sie überrumpeln geradezu mit ihrer Vielseitigkeit. Ach, und apropos Bass-Balalaika: das sperrige Instrument mit dem aufgemalten Katzengesicht ist so etwas wie das Bandmaskottchen. Es heißt Akerø und hat sogar eine eigene Facebook-Seite.

Schweißnass und heiser vom Mitsingen

Viele neue Stücke gehören zum Repertoire. Wie das treibende „Curvaceous Needs“ oder die bewegende Ballade „Lady Grey“, in der Marianne Sveen ihre Begegnung mit einer an Alzheimer erkrankten Frau beschreibt. In „Oh My God“ überraschen sie mit einem gestandenem Rap mit Akkordeon zu harten E-Basslinien. Und „Rockland“ hat nichts mit Rockmusik zu tun. Es ist noch so ein literarisches Zitat. Rockland heißt die Nervenheilanstalt in Alan Ginsbergs Gedicht „Howl“. Aber natürlich gibt’s auch Klassiker wie „Mother Superior“ oder „Rock-Paper-Scissor“. Beim Hit „A Bar In Amsterdam“ stößt Solveig Heilo mutig und gewagt in die Trompete.

Katzenjammer, die sich nach dem ältesten amerikanischen Zeitungs-Comic-Strip „The Katzenjammer Kids“ benannt haben, sind eine Ausnahmeerscheinung im zeitgenössischen Pop. Eine Folkrock-Band mit vier wunderbaren Sängerinnen, die mit viel Energie und Herzblut zur Sache gehen. Sie sind musikalisch erwachsener geworden. Sie haben ihre schrille Bühnengarderobe etwas zurückgeschneidert. Sie orientieren sich heute mehr an überseeischen Popmustern. Doch der ungebremste Spaß, mit dem sie zur Sache gehen, ist geblieben. Das Publikum ist längst schweißnass und heiser vom Mitsingen, als es im Zugabenblock auch ihre einzige Coverversion gibt: „Land of Confusion“ von Genesis. Es klingt, als hätte nie eine andere Band als Katzenjammer dieses Stück gespielt.