Frühkritik

Max Raabe bringt die Schellack-Zeit in den Admiralspalast

Max Raabe im Smoking schreitet nach vorn ans Mikrofon und singt von den kleinen Lügen, die nicht weh tun. „Von uns bekommen sie nur die Wahrheit“, sagt er dem Publikum, „jedenfalls im Kern.“

Foto: Reto Klar

Sie spielen ihre Instrumente, als hätten sie Samtpfoten anstelle von Händen. Sie nähern sich ganz, ganz vorsichtig diesen fragilen Arrangements, als wollten sie ihnen auf keinen Fall Schaden zufügen. Die Musiker des Palast Orchesters breiten am Dienstagabend ihre Schätze, die sie der knisternden Schellack-Vergangenheit entrissen haben, so akribisch wie virtuos im bis unters Dach gefüllten Admiralspalast aus. Und der Sänger Max Raabe gibt ihnen mit Eleganz und Noblesse eine Stimme.

Selbst wenn sie Tempo machen und im zackigen Big-Band-Rhythmus abheben, ist immer dieser Wille zur Würde zu spüren, den sie den alten Liedern bei allem Spaß entgegenbringen. „Eine Nacht in Berlin“ heißt das neue Programm von Max Raabe und dem Palastorchester. Drei Wochen lang gastieren sie jetzt damit im Unterhaltungstempel an der Friedrichstraße. Und holen die Schlager und die Tanzmusik der 20er- und 30er-Jahre aus den Tiefen der Zeit ins Hier und Heute. Dabei gehören durchaus auch neue, eigene Stücke zum Repertoire, die sich jedoch stilvoll und anschmiegsam der bewährten klassischen Stilmittel bedienen.

Elf Mann plus Geigerin füllen die Bühnenbreite aus

Als sich der wallend rote Vorhang öffnet, sind sie einfach da. Ohne Ansage, Tusch oder viel Brimborium. Die elf Mann plus Geigerin füllen auf ihren LED-beleuchteten Podesten die volle Bühnenbreite aus. Und Max Raabe in Smoking und schwarzer Fliege löst sich vom Flügel, schreitet nach vorn ans Mikrofon und singt von den kleinen Lügen, die nicht weh tun. „Sie machen das Leben leichter“, heißt es da. „Kleine Lügen sind fast wahr, wenn sie gut sind, sind sie unbezahlbar“. „Kleine Lügen“ ist ein Stück vom zweiten Album, das 2013 zusammen mit Texterin und Produzentin Annette Humpe (Ideal, Ich + Ich) entstanden ist.

Max Raabe hat seine Gäste von Anfang an auf seiner Seite. „Von uns bekommen sie nur die Wahrheit“, sagt er dem sehr verehrten Publikum zur Begrüßung, „jedenfalls im Kern.“ Charmant wie eine Bauchrednerpuppe und in nonchalanter Plauderlaune machen der 52-Jährige und seine Musiker den Admiralspalast zu einem mondänen Unterhaltungsetablissement. Ein repräsentativer Querschnitt durch die Bevölkerung sitzt da im Saal, von blutjung bis steinalt, und alle hängen sie Max Raabe an den Lippen, als er mit dem Filmschlager „Marie Marie“ der Comedian Harmonists ins Jahr 1931 entführt.

Mitte der 80er-Jahre als Liebhaberprojekt einiger Studenten der Hochschule der Künste entstanden, hat sich das Palast Orchester längst international etabliert. Sie waren in Italien, Skandinavien und Israel auf Tournee. Sie haben in Shanghai gespielt, in Tokio und in Moskau.Sie haben auch das Mutterland des Entertainments für sich eingenommen, gekrönt durch Auftritte in der legendären New Yorker Carnegie Hall.

Entschleunigung für das schrille Popbusiness

Max Raabe und das Palast Orchester bringen etwas Entschleunigung in ein immer lauter und schriller werdendes Popbusiness. Und beschwören eine Welt, in der Musik noch mit 78 Umdrehungen auf dem Grammophon kreiste oder gleich live in den Berliner Nachtbars, Cabarets und Revuetheatern erklang. Schlager, Couplets und Tanzmusik. Tango, Rumba und Paso Doble. Das Repertoire ist vielfältig und beweist, wie witzig und geistreich diese frühen Popsong waren.

In denen es freilich auch nur um das eine ging: um Beziehungsprobleme, um ausschweifende Nächte und amouröse Abenteuer. Nur waren die Texte damals mitunter weniger plump, weniger einfallslos, weniger beliebig als heute. Rudi Schurickes „Frauen sind so schön wenn sie lieben“ säuselt Raabe ins Mikrofon, er schmachtet á la Willy Fritsch „Tausendmal war ich im Traum bei dir“ und formiert mit vier Kollegen ein Gesangsquintett zu Friedrich Hollaenders „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“.

Das Palast Orchester ist ein höchst disziplinierter Klangkörper. Dem Zufall bleibt nichts überlassen. Die Arrangements sitzen und sprühen vor Einfallsreichtum. Nach der Pause brillieren die Musiker mit Harry James‘ „Konzert für Trompete und Orchester“ mit Solist Thomas Huder und einem stimmigen Arrangement von „Some Of These Days“. Und Max Raabe, inzwischen in Frack und weißer Fliege, erscheint samt Pianist Jan Wekwerth am Akkordeon plötzlich auf dem Balkon des Theaters und singt an der Balustrade den Tango „Liebe war es nie“ in den Saal.

Jedes Stück eine Pretiose. Selbst ein Operettenheuler wie Franz Lehars „Dein ist mein ganzes Herz“ bekommt in der Version von Max Raabe und dem Palast Orchester neues Format. Und bewegend interpretiert er Friedrich Hollaenders „Wie hab ich nur leben können ohne dich“ nur mit Klavierbegleitung. Neue Stücke wie „Für Frauen ist das kein Problem“ oder „Du passt auf mich auf“ kommen bestens an. Und auch Klassiker wie „In der Bar zum Krokodil“, „Dort tanzt Lulu“ oder „Mein kleiner grüner Kaktus“ fehlen nicht.

Lichtregie und Sound sind imposant

Auf üppige Effekte wird weitgehend verzichtet. Die Musiker bleiben meist auf ihren Plätzen und Max Raabe lehnt in gewohnter Manier lässig am Flügel und geht nur an die Rampe, wenn er seinen Einsatz hat. Die Lichtregie freilich ist imposant. Auch der Sound ist von erster Güte. Und ab und zu illustrieren klug und sparsam eingesetzte Filmeinspielungen die Lieder. Doch an diesem Abend gilt vor allem eines: die Musik ist die Show.

Und ein bisschen auch der Admiralspalast, durch den immer noch der Geist der frühen Jahre schwebt. Hier gingen in den 20er-Jahren die berühmten Haller-Revuen über die Bühne. „Drunter und Drüber“ hieß 1923 die erste zur Musik von Walter Kollo, der viele folgten. Hier wurde durch die Berliner Nacht gefeiert. Hier wurde auf dem Vulkan getanzt.

Max Raabe und das Palast Orchester bringen einiges vom jenem verruchten Zauber zurück und machen die Musik von einst wieder gesellschaftsfähig. Und massenkompatibel. Das Publikum ist überwältigt, jubelt, applaudiert und trampelt mit den Füßen nach diesen gut zwei Stunden ganz unmusealer, dafür hochmusikalischer Nostalgie. Mit einem neuen „Schlaflied“, wieder gemeinsam mit Annette Humpe entstanden, schickt Max Raabe sein Publikum in die kalte Nacht von Berlin.