Die Sachen, die einem keiner glaubt, sind immer die, die wirklich erlebt, die nicht erfunden wurden. Sagt eine, die es wissen muss, Drehbuchautorin Anika Decker. Zum Beispiel das mit der Klorolle im Film „Traumfrauen“, der heute ins Kino kommt: Da wird Karoline Herfurth von einem Vorgesetzten erwischt, wie sie mal eine Rolle aus dem Büro mit nach Hause nehmen will, und entsprechend gefaltet. So pedantisch kann doch keiner sein, denkt man. Doch die 39-Jährige nickt. Eben doch.

So gesehen muss die Karriere von Anika Decker einfach wahr sein. Denn wenn man sie kurz rekapituliert, klingt sie selbst wie ein Drehbuch. Junge Frau bricht Studium ab, weil sie zum Fernsehen will. Muss sich Spiele ausdenken für „Big Brother“. Entwickelt Konzepte für Serien, die nie gedreht werden. Und plötzlich sitzt sie in einem Restaurant einem Star gegenüber, dem größten, den Deutschland zu bieten hat: Til Schweiger. Der überredet sie, ihn mal auf ihren Memo-Stick gucken zu lassen. Sie hat schon etwas getrunken, sie verträgt nicht viel, schon ist das auf seinem Laptop gespeichert. Fast über Nacht wird sie zu Schweigers Drehbuchautor.

Heimliche Regieassistenz

Jetzt ist sie die „12-Millionen-Frau“, wie die „FAZ“ huldigte. Weil ihr erster gemeinsamer Film, „Keinohrhasen“, sechs Millionen Zuschauer fand, ihr zweiter, „Keinohrküken“, vier, und „Rubbeldiekatz“, der Film mit Matthias Schweighöfer in Frauenkleidern, zwei. Sie ist auch „die Frau, die über schielende Brustwarzen schreibt“, wie das die „Brigitte“ auf den Punkt brachte. Eine jedenfalls, die zeigt, warum das mit den Männlein und den Weiblein so schwierig, aber auch so komisch ist.

Wie aber kann man diesen Erfolg noch toppen? Anika Decker wagt noch mal den Sprung ins kalte Wasser. Und wird selbst Regisseurin. Ihr Filmdebüt hat mal keinen dieser obskuren Titel, heißt schlicht „Traumfrauen“. Und kommt doch so souverän und im besten Sinn routiniert daher, dass keiner auf die Idee käme, hier sei eine Debütantin am Werk. Naja, wiegelt sie bescheiden ab, eigentlich sei das nur die logische Fortführung von dem, was sie bisher getan habe. „Bei Til durfte ich schon am Set dabei sein. Davon habe ich natürlich profitiert.“ Eine Art heimliche Regieassistenz.

Kitsch aus der kalten Dusche

Zum Sprung auf den Regiestuhl musste man sie aber doch ein bisschen schubsen. Mit ihrem Bruder, mit dem sie „Traumfrauen“ auch produziert hat, habe sie immer gewitzelt: „Wann kommt denn jetzt der Regisseur?“ Die Arbeit habe sie aber wahnsinnig erfüllt, sagt sie, „wenn man das so kitschig ausdrücken darf“, wie sie gleich einschränkt. Sie sei heute den ganzen Tag so kitschig drauf, was daran liege, dass in der Früh ihr Boiler ausgefallen sei und sie eine Eisdusche hatte. Was Kitsch mit Kaltduschern zu tun hat, das ist so ziemlich das einzige, was Anika Decker nicht schlüssig erklären kann.

Drehbuchautoren werden ja in der Regel nie wahrgenommen. Ist der Film gut, liegt es am Regisseur. Oder an den Schauspielern. Nur wenn er schlecht ist, war natürlich das Drehbuch schuld. Das Ganze hat aber auch einen Vorteil: Keiner kennt einen. „Mir macht das gar nichts aus“, bekennt die gebürtige Marburgerin und überzeugte Wahlberlinerin frei heraus, „wenn mich keine Sau kennt.“ Das trifft bei ihr aber eben nicht mehr zu. Als eine der ganz wenigen ihres Faches war sie, dank der zehn Millionen Besucher, schon bald ein Begriff. Nun aber steht sie mit ihrem eigenen Namen ganz allein für ihr Produkt ein. Und muss sich gleich den Vergleich mit Schweiger und Schweighöfer gefallen lassen.

Sie steht klar für Mainstream

Natürlich, beschwichtigt sie gleich, „werde ich den Erfolg von ‚Keinohrhasen‘ nicht noch einmal erleben.“ Sie wäre aber, das gibt sie dann auch wieder ganz überzeugt zu, schon sehr traurig, wenn ihr neuer Film nur 100.000 Zuschauer hätte. „Das würde mich wirklich sehr treffen.“ Sie steht für etwas, was sonst eben nur ein Schweiger und vielleicht ein Schweighöfer so offen vertreten, was aber im sonstigen deutschen Film eher scheel angesehen wird: Mainstream.

Für ihr Regiedebüt hatte Anika Decker kein Drehbuch in der Schublade. Aber sie hatte ihren Memo-Stick. Auf dem speichert sie immer alles ab, aus Angst, es könnte was verloren gehen. Ein „unordentliches Word-Dokument“, wie sie in ihrer bescheidenen Art abwiegelt. Aber dort waren lauter Figuren umrissen, die sie sich mal ausgedacht hat. Bis sie überlegte: Warum denn nicht alle Figuren zusammentun und daraus einen Film basteln? Das hat sie getan. Sie hat dann eine Liste gemacht, wenn sie alles dabei haben wollte. Da standen dann eine Iris Berben, eine Karoline Herfurth, eine Hannah Herzsprung. Die haben dann auch alle zugesagt. Die Regie hätte sich deshalb ganz von selbst erledigt. Die Ideen stammten von ihr, aber sie habe den besten Kameramann und die besten Schauspielerinnen, da müsse man eigentlich gar nichts mehr tun.

Nun wartet man eigentlich nur auf einen Gastauftritt von Til Schweiger. oder zumindest von Matthias Schweighöfer. Am Ende findet sich immerhin mal ein Bully Herbig, aber der Til, der habe gerade „Honig im Kopf“ gedreht und der Matthias „Der Nanny“. Die beiden werden in Zukunft „nicht verschont bleiben“, einmal für sie vor der Kamera zu stehen. Aber vielleicht war das auch besser, beim Debüt erst mal ohne die großen Paten auszukommen. So steht der Film ganz für sich selbst.

Eine Frage der Grundeinstellung

Es ist beinahe zum Verzweifeln, auf jeden Fall aber zu bewundern, wie ruhig, wie unaufgeregt Anika Decker bei alldem ist. Das hat sie aber wohl ein Schicksalsschlag gelehrt. Denn just als sie auf der Höhe ihres Triumphes war, nach dem Kinostart von „Zweiohrküken“, hatte sich bei ihr ein Nierenstein entzündet, was auf der Notaufnahme nicht erkannt wurde. Die Folge war eine Blutvergiftung mit Organversagen, eine Woche musste sie ins künstliche Koma gebracht werden und danach wieder Laufen lernen.

Das hat ihr Leben verändert. Sie ist jetzt nicht mehr das Arbeitstier wie früher. Sie setzt beim Schreiben auch mal einen Tag aus und legt sich in die Sonne, wenn sie scheint. „Das Faszinierende ist: Ich bin mit dem Buch genauso schnell fertig wie früher.“ Sie ist wieder bei vollen Kräften, aber sie stresst sich nicht mehr so, lässt sich auch nicht mehr so runterziehen. „Ich habe bei der Krankheit gelernt, dass sehr viel von der Grundeinstellung abhängt.“

Deshalb sitzt sie jetzt auch nicht schon an einem neuen Projekt. Die „Traumfrauen“ nehmen momentan noch zu viel Raum ein. Aber es gibt natürlich dieses nun schon legendäre unordentliche Word-Dokument auf ihrem Stick. Und sollte sie den mal verlieren, gibt es ja noch einen Back-Up bei Herrn Schweiger.

Aktuelle Filmkritiken lesen Sie in unserer Beilage „Berlin Live“