Chanson

Warum Max Raabe einen Smoking praktisch findet

| Lesedauer: 15 Minuten
Peter Zander

Foto: Reto Klar

Die letzte Jeans trug er mit 16. Und weil er auf der Bühne den feinen Pinkel gibt, wird er auch auf der Straße in Ruhe gelassen. Jetzt stellt der 20er-Jahre-Chansonnier sein neues Album vor.

Ich bin nur gut, wenn keiner guckt. Heißt ein Titel von ihm. Bei Max Raabe ist es aber genau andersherum. Man muss ihn hören und sehen, sonst ist das nur der halbe Spaß. Das ergänzt sich jetzt prima. Zu seiner neuen CD „Eine Nacht in Berlin“, seit Freitag im Handel, gibt es auch noch eine DVD mit Konzertmitschnitten. Und dann gastiert der Entertainer mit seinem Palastorchester im Februar auch wieder für mehrere Konzerte im Admiralspalast. Wir treffen den Sänger in Clärchens Ballhaus. Das passt prima als Ort für Max Raabe und den Charme einer älteren Zeit. Aber der Wintergarten, in dem das Interview geführt wird, wird durch eine Ofenheizung derart überhitzt, dass man sich fast in der Sauna wähnt. Selbst Raabe, sonst immer tadellos gekleidet, greift da zum Äußersten. Und zieht sein Jacket aus.

Berliner Morgenpost: Ihre neue CD heißt „Eine Nacht in Berlin“. Wie sieht denn eine solche bei Max Raabe aus?

Max Raabe: Das war erst mal einfach ein schöner Titel. Da wusste ich auch noch gar nicht, was das werden würde. Es gibt da keinen Plan, kein idealer Samstagabend oder so. Ich gehe gern weg oder lasse mich zum Essen einladen. Gestern war ich erst im Theater und habe dann noch mit den Künstlern, die auf der Bühne standen, in der Kantine gesessen. Irgendwann wird man da rausgeschmissen und sitzt dann noch ein paar Meter weiter in einem anderen Lokal. Das ist gar nicht so ein wildes Nachtleben, das ich führe. Aber es ist immer schön, wenn man von einer Tournee zurückkehrt, alte Freunde zu treffen.

Für das CD-Cover und den Konzertfilm fahren Sie Fahrrad im Smoking. Sie binden sich radelnd sogar die Fliege. Wie geht das? Haben Sie das eigens für den Fotografen gestellt?

Das geht ganz gut. Das mache ich auch sonst so. Wäre ja peinlich, wenn ich das nur für die Fotos gemacht hätte und ausgerechnet dann auf die Nase geflogen wäre. Unser Konzertfilm wird auch im europäischen Ausland und in den USA veröffentlicht. Deshalb sollten lokale Sehenswürdigkeiten auftauchen, damit man sieht, wo der Film entstanden ist. Die Produktion wollte, dass ich da so vorbeiflaniere. Das fand ich aber langweilig. Deshalb habe ich mich aufs Fahrrad gesetzt. Und ziehe mir, um das noch ein bisschen interessanter zu machen, den Smoking an.

Sie lieben solche Extreme? Fürs letzte Cover sind Sie ja in voller Montur in einen See gestiegen?

Ich versuche mich eigentlich immer davor zu drücken. Aber es geht ja nicht anders. Wenn, dann will ich aber nicht einfach nur so rumstehen und für die Kamera posieren, dann soll das auch eine lustige Idee sein. Und wenn schon im See, dann muss man auch Brotkrumen ins Wasser werfen, um Enten anzulocken. Das war gar nicht so einfach.

Für den Konzertmitschnitt war auch auf der Bühne ständig eine Kamera vor Ihnen. Lenkt das ab? Sind Sie, ähnlich wie in Ihrem Lied, nur gut, wenn keine Kamera guckt?

Eigentlich lenkt das schon ziemlich ab. Ich will ja das Publikum auf meine Seite kriegen. Wenn eine Kamera dazwischen ist, ist das schwieriger. Mir wäre es lieber, wenn die irgendwo am Rande steht. Aber die Bilder sind natürlich spannender, wenn sich auch die Kamera bewegt. Am Ende war es aber gar nicht so schlimm. Die Kamera blieb meistens im Graben. Nur am ersten Abend lief hinter mir an einem Seil eine Kamera entlang. Gegen die ich dann auch prompt zwei mal gelaufen bin.

Ist so ein Konzertmitschnitt nicht Gift für die Kasse? Kommen die Leute denn noch in die Live-Konzerte, wenn sie das schon bei der CD gratis sehen können?

Naja, live ist das ja schon noch mal etwas anderes. Und das wird dann ja auch nicht das identische Programm. Was wir im Februar genau machen, kann ich Ihnen jetzt noch gar nicht sagen. Ich hoffe doch, das Filmmaterial funktioniert eher andersherum, als Ermutigung, auch in die Konzerte zu kommen.

Sie bleiben dem Admiralspalast treu. Müssten Sie nicht längst in der Philharmonie auftreten?

Haben wir ja schon gemacht. Die Philharmonie ist für uns aber gar nicht so günstig, weil das Publikum dort auch hinter und neben uns sitzt. Wir brauchen jedoch die Guckkastenbühne, die Zuschauer müssen sehen, was wir machen, sonst ist der Spaß weg.

Sie reisen durch die Welt, treten in Fernost, in Russland, wiederholt in der Carnegie Hall auf. Sind Sie ein Weltstar?

Weltstars sind Leute, die, wenn sie in Chicago über die Straße gehen, sofort von Menschenmassen umringt werden. Das ist bei mir nicht der Fall. Wenn ich in Chicago bin, kommt vielleicht mal jemand, der mich im Fernsehen gesehen hat, und fragt, ob ich das wirklich bin. Aber ich werde nicht umringt. Ich bin also kein Weltstar.

Wie ist das in Berlin? Können Sie da in aller Ruhe an all den Sehenswürdigkeiten vorbeiradeln? Oder werden Sie da permanent angesprochen?

(lacht) Dadurch, dass ich auf der Bühne den feinen Pinkel heraushängen lasse, traut sich in Berlin keiner, mich so einfach anzusprechen. Diesen Vorteil hat das.

Wenn man so viel auf Reisen ist, hat ein Berlin-Konzert da eigentlich noch einen Thrill für Sie?

Gerade. Im Ausland moderiere ich in einer Sprache, die nicht meine Muttersprache ist, und trage die Lieder in einer Sprache vor, die das Publikum nicht versteht. Das fühlt sich doppelt fremd an. Warum der Applaus im Ausland genauso stark ist wie hier, das muss mir auch mal einer erklären. Wenn wir dann aber wieder in Deutschland ein Konzert geben, empfinde ich das als echte Wohltat, als wahres Geschenk, wenn die kleinste Nuance sitzt, wenn jede Süffisanz und Doppeldeutigkeit verstanden und aufgesogen wird. Das ist regelrecht beglückend, wenn man sich in seiner Muttersprache suhlen kann..

Ein Freund, der Sie im Konzert gesehen hat, meinte, Sie machen sich das aber leicht. Sie stehen nur rum, für den Körpersprachenwitz sind die anderen zuständig.

Er hat es erkannt. Ja, ich gebe es zu. Wenn es nicht unbedingt nötig ist, bewege ich mich nicht gern. Ein bisschen was mache ich schon auch. Aber ich glaube, die Komik besteht genau darin, dass der eine sich nicht bewegt und die anderen ein bisschen Nonsens machen. Meine Bewegungen haben sich in den letzten Jahren eher noch reduziert. Früher habe ich noch mehr das „R“ gerollt oder die Klangfarbe der Grammophonsänger imitiert. All das habe ich mit der Zeit abgelegt. So blöd der Spruch auch klingt: Aber manchmal ist weniger wirklich mehr.

Ist der Max Raabe, der auf der Bühne steht, denn eine Kunstfigur. Oder sind das 1:1 Sie?

Es ist ein bisschen überhöht, vielleicht auch überspitzt. Überspitzter. Aber so viel anders ist es gar nicht. Ich bewege mich auch sonst nur, soweit es nötig ist. Und kann auch, wenn ich in Gesellschaft bin, einfach nur stillsitzen und zuhören. Ich muss gar nicht immer das Wort führen. Das ist auch auf der Bühne so. Ich singe meinen Part, und wenn ich nicht dran bin, gehe ich an den Flügel und warte, bis ich wieder ans Mikro muss. In der Zwischenzeit höre ich zu. Und kann mich dabei auch völlig zurücknehmen. Ich muss da nicht über die Bühne tänzeln oder so etwas.

Was ja sonst heute jeder macht. Umso lustiger, dass Sie auch in den USA so geliebt werden.

Eben. Die kennen das dort ja gar nicht. Da zappeln ja alle auf der Bühne rum und verbreiten enorm gute Stimmung. Das ist der eine Überraschungsmoment bei mir: Da steht plötzlich einer einfach so da wie ’ne tote Hose. Und trägt seine Lieder mit reduzierten Mitteln vor. Vielleicht finden die gerade das so spannend: weil das so fremd für die ist. Der andere Moment ist wohl der, dass da ein Deutscher ist, der Humor hat. Das ist ein Überraschungseffekt, mit dem niemand rechnet.

Werden Sie da auch zu einem Botschafter von uns: um der Welt zu zeigen, dass wir nicht immer so verstockt sind, wie das Klischee es will?

Jeder, der seine Landesgrenzen übertritt, ist ein Repräsentant seines Landes. Und sollte sich auch dementsprechend aufführen. Aber ich sehe mich da in keiner anderen Verantwortung als jeder gewöhnliche Tourist. Ich will nur am Abend das Publikum, das vor mir sitzt, auf meine Seite bringen.

Sie sind immer korrekt gekleidet. Machen Sie das auch privat? Oder sitzen Sie da auch mal in Trainingshose und Schlabberpulli auf dem Sofa?

Natürlich habe ich auch mal schlunzige Phasen, an denen ich mich gehen lasse. Aber dazu brauche ich keine Trainingshose. Sportkleidung sollte man nur anziehen, wenn man auch Sport treibt. Ich trage dafür manchmal eine Hose, die ihre Bügelfalte längst eingebüßt hat. Aber sagen wir so: Meine Garderobe ist schon sehr reduziert. Wenn wir fünf Tage auf Tournee sind, komme ich locker mit einem Handkoffer aus.

Ich hätte vermutet, Sie gehen durchaus mal mit Trainingsanzug und ohne Pomade im Haar raus. Und dann erkennt Sie nur keiner.

(schüttelt stumm mit dem Kopf).

Könnte ein Max Raabe auch mal im Morgenmantel auf die Bühne, wie ein Udo Jürgens? Oder wie Joachim Fuchsberger damals bei „Auf los geht’s los“?

Wenn man damit erst mal anfängt, muss man immer wieder mit irgendwelchen Überraschungen kommen. Der Vorteil eines Smokings ist ja der, dass man nicht überlegen muss, was ich beim letzten Konzert in einer Stadt vor zwei, drei Jahren getragen habe. Darüber muss ich mir nie Gedanken machen.

Wann haben Sie Ihre letzte Jeans getragen?

Das muss so mit 16 gewesen sein. Ich finde die, ehrlich gesagt, auch gar nicht praktisch. Im Winter sind sie zu kalt, im Sommer sind sie zu warm. Es ist ja auch ein Irrtum zu glauben, man sei cool, wenn man Jeans trägt. Die schlimmsten Leute tragen heute Jeans. Die Zeit, in der man mit einer Bluejeans gewisse revolutionäre Haltungen ausdrücken konnte, sind lange vorbei, seit man auch Strass an die Hosen tuckert oder sogar fabrikmäßig Schlitze in Kniehöhe eingearbeitet werden. Der Zauber der Jeans ist längst dahin. Ich habe sehr gerne meinen Kommunionsanzug getragen, und auch sehr lange, bis er Hochwasser hatte.

Sind sie eigentlich eitel?

Leider bin ich nicht gänzlich frei davon. Aber wer ist das schon? Dennoch brauche ich gar nicht so lange, um mich fertigzumachen, wie das alle glauben. Mein Beautyprogramm ist nach wie vor sehr überschaubar, es besteht aus Kernseife und Niveacreme.

Ihre Welt sind die 20er-, 30er-Jahre. Benutzen Sie eigentlich so neumodischen Schnickschnack wie ein Handy?

Ich benutze bevorzugt Mobiltelefone meiner Kollegen. Aber ich habe noch nie eine SMS geschickt. Mir ist mein Freundeskreis und die Familie sehr wichtig. Aber das funktioniert eigentlich auch ohne Telefon ganz gut.

Und wie steht es mit Computern?

Da bin ich durchaus im 21. Jahrhundert angekommen. Sie glauben gar nicht, wie viele Orchestermaterialien und alte Aufnahmen man bei Youtube finden kann. Selbst Aufnahmen von den allerersten Oscar-Verleihungen, gleich zu Beginn des Tonfilms. Ich wäre im Leben nicht darauf gekommen, dass es so etwas wie die ganz alltägliche Abendschau schon immer gegeben hat.

Dann geht Ihnen das Repertoire auch gar nicht aus? Ich dachte, das könnte sich irgendwann vielleicht doch einmal erschöpfen.

Es ist noch nicht alles von uns entdeckt. Wir finden immer noch etwas. Aber ich merke schon, dass man mich nur noch selten mit neuen Stücken überraschen kann. Es kommen ja aber auch immer ein paar eigene Stücke dazu. Und wir haben inzwischen auch ein Repertoire von weit über 500 Stücken. So dass wir schon in unsere eigenen Archive gehen können. Wir haben das geordnet nach Nummern und Alphabet. Da findet man plötzlich Sachen, die hat man seit 10 Jahren nicht mehr gemacht.

Sie sind ein staatlich geprüfter Opernsängern. Würde Sie auch mal eine richtige Opernpartie reizen? Angenommen, Barrie Kosky von der Komischen Oper würde heute anrufen, würde Sie das jucken?

Das klingt so banal. Aber ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Das ist das Schönste, was passieren kann. Ich gehe auch gern in die Oper. Aber das lieber passiv. Als Opernsänger kannst du nachts nicht um die Häuser ziehen, das kann man sich stimmlich nicht erlauben. Ich bin mit dem, was ich mache, absolut glücklich.

Das Album Max Raabe: & Palastorchester: Eine Nacht in Berlin. CD + DVD (We Love Music)

Der Konzertfilm ARte, 7.12., 18.30 Uhr

Die Show Admiralspalast, 24. Februar bis 15. März