Konzert

Bei Bryan Adams fühlen sich alle wieder 16

Beim Konzert in der Berliner O2 World bietet Bryan Adams seinen Fans eine Reise in die Vergangenheit. Plötzlich fühlen sich alle wieder jung - und der Adams ist auf einmal einer von ihnen.

Foto: Hendrik Schmidt / dpa

Bryan Adams ist ein Mann für Teenagerträume. Die rauchige Stimme, lässig in enger Jeans, der Kurzhaarschnitt so akkurat, dass es nicht mehr ganz nach Bad Boy aussieht. Adams ist Rock-Schwiegersohn, besser: Soft Rock-Sohn aller Erster Güte. Er ist süß genug für 14-Jährige und männlich genug für die restliche Frauenwelt. Männer finden ihn auch toll, weil er so gut Gitarre spielt, weil er so nett ist und weil er den Dreh mit den Mädels raus hat. Der Mann ist ein Vorbild auf ganzer Linie. Und dann der Song: „Summer of 69“. Der Initiationsritus im Pfadfindercamp und während der Schülerdisko. Das ist Rock’n’Roll, Lagerfeuer, Sommerliebe, Marlboro-Mann. Ein ewiger Hit.

Klar, Summer of 69 ist irgendwie peinlich. Ein Song, zu dem man sich gegenseitig auf die Schulter klopft und hämisch lacht. Andererseits ist es ein Lied, das fast jeder kennt und keiner vergessen kann. Wer vordergründig so tut, als würde er den Song Mist finden, singt am Ende doch mit. Heimlich, auf der Geburtstagsfeier, wenn es schon schummrig ist und der Gin Tonic das Erinnerungsvermögen beeinflusst. Oder im Bierzelt, wenn ihn die Coverband intoniert und ohnehin alle mitmachen. „Summer of 69“ ist Standard. Für die, die allein auf der Autobahn unterwegs sind, als Anheizer auf dem Abschlussball, als Rausschmeißer bei Ü-30 Partys. Wer in den 80ern oder früher geboren wurde, muss diesen Song mitsingen können, wer ihn nicht drauf hat, ist ein Loser. Ganz einfach.

Alle, die nach der ersten Euphorie die dazugehörige Platte gekauft haben (auf deren Cover Adams so treuherzig dreinschaut) wurden nicht enttäuscht. Ja, „Reckless“ enthält Hits, Balladen gibt es sowieso, als Dreingabe. Reckless heißt soviel wie leichtsinnig. In diesem Jahr wurde „Reckless“ 30, streng genommen ist das alt für Teenage-Dreams, zum Jung-Fühlen allerdings genau das Richtige. Als das Album veröffentlicht wurde, war Bryan Adams ein großer Star. Schon als 24-Jähriger sang er ein Duett mit der großen Tina Turner: „It’s only love“, das waren Zeiten!

Adams spielt für die O2 World das ganze Album

Für die gut angefüllte O2 World spielt Adams das ganze Album, fast in Reihenfolge. Auf den Bühnenhintergrund ist anfangs das Reckless-Cover projiziert. An sich eine nette Idee, allerdings sind Bryan Adams Augen animiert, manchmal schaut er nach links, geradeaus, nach rechts. Sieht spooky aus, alle sind richtig froh, als der Sänger endlich in Echt auf der Bühne erscheint. Ganz in schwarz steht er da, und sobald er den ersten Ton singt ist es, als wäre man in eine Zeitmaschine geraten.

Zunächst macht Bryan mit beiden Händen das Victory-Zeichen. Er guckt verschmitzt drein, trägt fast denselben Haarschnitt wie damals 1984, als Reckless erschienen ist (klar, sein Undercut ist jetzt ein bisschen deutlicher heute). „Hi, my Name is Bryan“, stellt er sich vor. Adams spielt „Reckless“, „One Night Love Affair“, „She's Only Happy When She's Dancing“. Bei „Run To You“ stehen die Ersten auf, die erste Strophe der Ballade „Heaven“ singt die Halle allein. Worum es bei einem Bryan Adams Konzert geht? Junge trifft Mädchen, erste Liebe, Freiheit, Liebeskummer und darum, wie sexy Higheels sind. Es ist als wäre man wieder 16, damals hatte man keine Ahnung, dafür viele Träume.

Das Publikum hängt alten Zeiten nach

Die Pärchen wiegen sich einträchtig, einige nicken mit dem Kopf, klatschen oder schwoofen auf den Rängen. Während das Publikum alten Zeiten nachhängt, scherzt Adams mit seinem zweiten Gitarristen. Die beiden präsentieren ein sorgenfreies Programm, ohne Politik, ohne Schwermut. Im Mittelpunkt stehen zwei in die Jahre gekommene Schuljungen, die ein bisschen Spaß haben wollen.

Adams ist nie vom Teenie-Thema weggekommen – kein Wunder, dass man sich wie auf einem Klassentreffen fühlt. 1996 landete er einen Hit mit folgenden Zeilen: "Wanna be young the rest of my life, don't wanna grow up I don't see why, gonna be 18 till I die." Schluck. Der Traum der ewigen Jugend, die Frauen und Männer und die unter 30-Jährigen in der O2 World, sie träumen ihn mit. Adams ist mittlerweile 55. Er hat mehrere Häuser, eine Frau, zwei Kinder und lebt vegan. Es ist wie im Bilderbuch. Ob er wirklich die Zeit zurückdrehen will? Wahrscheinlich nicht. Wie auch immer, es braucht den Sänger nicht zu interessieren. Laut Wikipedia ist er der am besten verkaufende Künstler Kanadas. Und das Publikum in Berlin hat er überzeugt. Der Bryan ist einer von uns.

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