Neuköllner Oper

Märchenboom erreicht das Theater

Die altbackenen Geschichten der Grimms wurden adaptiert. Der Geselle wandelt sich zum coolen Typen, und das Schwein verliebt sich in den Wolf. Nur auf das Happy End will niemand verzichten.

Foto: Buddy Bartelsen / impress picture - Buddy Bartelsen

Wer abends ins Theater gehen möchte, stößt bei der Programmauswahl zunehmend auf Märchentitel. Zwar erwartet man neben dem obligaten Weihnachtsmärchen Klassiker wie „Dornröschen“ an der Staatsoper. Dass Märchen aber plötzlich hochpolitisch daherkommen wie „Hansel und Greta“ im Theater unterm Dach, ist denn doch etwas gänzlich Neues.

Ein altbackenes „Es war einmal“, gefolgt von einer braven Geschichte mit pittoresken Bildern, ist heutzutage passé. Wie so oft schwappte der Trend, Märchen aus dem traditionellen Korsett zu befreien und fantasievoll mit neuem Twist zu erzählen, aus Hollywood herüber. Es fing alles 2001 mit „Shrek“ an. Der Blockbuster veralberte Märchenklischees erfrischend respektlos. Drei Fortsetzungen machten die Saga zu einer der erfolgreichsten Filmreihen aller Zeiten.

Auch das TV übernahm den Trend

Anlass genug für die Traumfabrik, bekannte Märchen Schlag auf Schlag als rasante Leinwand-Spektakel zu neuem Leben zu erwecken. Allein Schneewittchen brachte es 2012 auf vier Neuverfilmungen, unter anderem als Schwertkampf-Amazone im Gothic-Style. Mit Serien wie „Grimm“ und „Once upon a time“ übernahm schließlich das TV den Trend. Mit Top-Quoten.

Dass der Märchenboom längst auch im Theater angekommen ist, beweist der ungebrochene Erfolg der stets ausverkauften Märchenhütten im Monbijoupark. Groß und Klein entdecken hier modern erzählte Märchenklassiker neu.

Das Musical „Grimm“, das am 19. März Premiere in der Neuköllner Oper feiert, geht noch einen Schritt weiter: Es kreiert aus berühmten Märchen der Gebrüder Grimm eine ganz neue Geschichte und hinterfragt damit gleich Jahrhunderte alte Märchen-Mythen. Der Untertitel „Die wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf“ verrät, worum es geht. „Wir haben alle Grimmschen Märchen, in denen der Wolf vorkommt, vereint. So ist ein Dorf entstanden, in dem Figuren von den drei kleinen Schweinchen über Mutter Geiß und Rotkäppchen bis zum alten Hofhund Sultan leben“, erläutert Peter Lund.

Mit den Vorurteilen wird aufgeräumt

Der 49-Jährige war von 1996 bis 2004 Leitungsmitglied der Neuköllner Oper. Seit 2002 ist er Professor am Studiengang Musical/Show an der Universität der Künste Berlin. Dort hat er „Grimm“ gemeinsam mit seinen Studenten entwickelt. Dafür haben sie sich etwas besonderes ausgedacht: „Grundfrage war, warum ist der Wolf im Märchen eigentlich immer der Böse? Er ist doch ein Tier wie jedes andere auch. Wir wissen alle: So böse ist er nicht“, sagt Peter Lund. „Wem nützen also die Vorurteile gegenüber dem Wolf? Wir behaupten, jedes Märchen ist eine Lüge, um sich selbst besser darzustellen als man ist.“

Im Stück hat jeder einen guten Grund, den Wolf zu mobben, was das Zeug hält „Das Dorf entpuppt sich als intriganter Haufen. Jeder hat da etwas Dreck am Stecken. Die drei Schweinchen waren einfach zu dumm, sich ein Haus zu bauen. Daher ist es für sie besser zu sagen, der böse Wolf hätte es umgeblasen. Mutter Geiß als alleinstehende Mutter fand Wölfe schon immer flott. Aber er wollte nicht so, wie sie wollte“, so Lund.

Der Wolf als Anlass verschmähter Liebe? In „Grimm“ ist er auch kein gewöhnlicher Geselle, sondern ein echt cooler Typ. „Bei uns ist er ein faszinierender junger wilder Mann. Nicht besonders gut erzogen, aber reinen Herzens. Er ist der Meinung, er sei das edelste Geschlecht der Welt mit einer großen, langen Adelsgeschichte. Angefangen in Rom mit Romulus und Remus“, verrät Lund lachend.

Märchen bleiben extrem aktuell

Er und seine Studenten wollen mit ihrer Aufführung neue Sichtweisen auf alte Märchen-Stereotypen schaffen. Traditionelle Kontraste wie gut oder böse, tapfer oder feige, schlau oder dumm werden humorvoll aufs Korn genommen, verschwimmen dabei und weichen dadurch einem differenzieren Blick. Dass dadurch Vorurteile fallen, auch das vom bösen Wolf, findet Peter Lund wichtig: „Als Kinder fangen wir mit Schwarz-weiß an. Das brauchen wir, denn die Welt muss erstmal sortiert werden. Doch dann kommt der nächste Schritt: Wölfe können cool sein. Ausländer können nett sein. Das zeigt, wofür Märchen gut sind in unserer heutigen Zeit und wie wir das Fremde benutzen, um unsere Zivilisation zu begründen. Das ist natürlich gerade extrem aktuell.“

Natürlich gibt es auch noch die Sehnsucht nach dem guten, alten Happy End, das fast jedes Märchen hat. Auch „Grimm“. Denn trotz vielschichtiger Bedeutsamkeiten bleibt es letztlich ein sehr lebendiges Musical, für das Thomas Zaufke wie gewohnt schöne, lässige Ohrwürmer komponiert und das Lund rasant inszeniert hat. Er weiß: „Zwar begreift man erst als Erwachsener alle Anspielung, aber auch Kinder haben ihren Spaß. Ich will ihnen auf jeden Fall erzählen, dass sich ein Schwein in einen Wolf verlieben kann. So etwas passiert halt.“ Und wenn sie nicht gestorben sind, dann lieben sie sich noch heute.

Grimm

Premiere 19.3. um 20 Uhr

Neuköllner Oper, Karl-Marx-Str. 131-133, Neukölln, Tel. 68 89 07 77.

www.neuköllneroper.de

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