„Danke, dass ihr alle hier seid“, sagt Jens Friebe, „und nicht zu Hause in eurem Erbrochen liegt und ‚Zurück in die Zukunft‘ guckt – was ich an eurer Stelle täte“. Doch alle sind gekommen: das Publikum, extrem zahlreich, und Friebe selbst. Er sitzt am Flügel und darf, wie alle Gäste der Britta-Neujahrsgala in der Volksbühne, drei eigene Stücke spielen. Er tut das wie ein verzauberter Crooner, entschlackt und souverän, wenn auch vom Jahreswechsel leicht angeschlagen. Und so ist die ganze Gala: leicht verpeilt, mit kleinen Pannen, am Ende aber bunt und schön. Auf und vor der Bühne ein erweitertes Berliner Familientreffen.

Britta, das ist – nach den legendären Lassie Singers – die zweite, trotz Todesfällen nach fast 20 Jahren noch immer sehr lebendige Band von Christiane Rösinger, dieser großen Conférencière der Berliner Indiepop-Szene. Rösinger schreibt seit den späten 80er-Jahren Songs, die das Lebensgefühl des poetischen Dagegenseins so lakonisch und witzig auf den Punkt bringen wie sonst kaum was. Zwei Bücher kamen zuletzt dazu, in denen das Künstlerleben zwischen Selbstausbeutung und Utopie genau so messerscharf in Prosa behandelt wird. Seither ist Rösinger weit über ihre Fanbase hinaus eine Art Schutzfrau der lässigen, feministischen Bohème, und mit ihrer wieder aufgelegten Gala-Reihe „Flittchenbar“ eine Vernetzerin unterschiedlichster Musikszenen.

Zum traditionellen Neujahrskonzert in der Volksbühne hat sie daher nicht bloß ihre Band reaktiviert, sie hat eine breite Palette an Gästen eingeladen. Neben Jens Friebe sind das Julia Wilton von den Pop Tarts, etwas verhuscht im Trenchcoat mit Gitarre zum Laptop. Außerdem Masha Qrella, irre gut und komplett unprätentiös. Wenn sie einen Song über Hangover singt und am Tag nach Silvester das Pfeifen im Refrain noch nicht so richtig klappen will, verzeiht man ihr das sofort.

Eine ganz andere Energie kommt mit Peter Thiessen, der einen Großteil seiner Band Kante aus Hamburg mitgebracht hat. Er singt mit Verve davon, wie es ist, den Boden unter den Füßen zu verlieren, und weckt damit die verkaterte Volksbühne: „Wir sehen unmöglich aus, / wir sind der Zeit voraus. / Wir sind die wunde Stelle / mitten unter euch“. Und eine umjubelte Entdeckung: das Travestie-Cover-Duo Strawberry KaeyK. In ihren langen Glitzerkleidern klingen sie, als wäre Antony Hegarty in den Körper von Divine geklettert und sänge nun Marilyn Manson, Jeans Team und „Skyfall“ von Adele – und zwar so, dass es nicht peinlich wirkt, sondern Persiflage ist und zugleich wunderbares Cabaret.

Helene-Fischer-Show - nur ohne Tanz

Nach einem etwas wackligen Auftakt, der mehr vom grenzenlosen Sympathie-Bonus getragen wird, den die Rösinger zu Recht innehat, entwickelt sich also doch noch der Charme, den man von ihr als Kuratorin, Moderatorin und Sängerin kennt. Sie sagt, man erlebe ja gerade eine Helene-Fischer-Show, nur ohne Tanz, und ohne Udo Jürgens – einen bunten Blumenstrauß der Depression. Und wirklich kreisen viele ihrer Lieder um dieses Thema, doch – und das muss ihr erst mal jemand nachmachen – sie sind mitsingbar, manchmal sogar völlig schunkeltauglich. Hier eine Probe, zum Trällern: „Depressiver Tag, how do you do-oh-oh-ohoh-oh? / Und stell dich bitte nicht so an. / Depressiver Tag, denn auch du-uh-uh-uhuh-uh / bist nur 24 Stunden lang.“

Vom Sound her ist das Gitarren-schraddelig wie eh und je: drei Damen und ein Drummer. Und Rösingers Kleinmädchenstimme, die sie noch mit 90 haben wird, bleibt das Gegenteil von jeder Form von Rockstar. Manchmal fragt man sich zwar, warum sie nach so vielen Jahren im Business nicht mal ein Paar Stunden Unterricht nimmt – vielleicht aber wäre das schon zu viel Engagement. Die Band Britta und die Bühnenfigur Rösinger leben von dieser Schluffigkeit, die über sich selbst Bescheid weiß, und sich so auf fast magische Weise in Kunst verwandelt. Oder anders gesagt – O-Ton Rösinger: „Dadurch, dass wir nie Wahnsinns-Erfolg hatten, konnten wir unsere inneren Werte ins Unermessliche steigern“. Da brandet Applaus auf, und man geht heim, beseelt und gestärkt für das kommende Jahr.