Sie hat dem Synthie-Pop der Achtziger Jahre mit ihrer dunklen Altstimme menschliche Wärme gegeben. An der Seite des Depeche-Mode-Abtrünnigen Vince Clarke war Sängerin Alison Moyet die andere Hälfte des Elektro-Duos Yazoo und landete mit Stücken wie „Only You“ oder „Don’t Go“ Welthits. Auch mit ihren Soloalben konnte die scheue rothaarige Engländerin in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre überzeugen.
Doch immer länger wurden die Pausen bis zur nächsten Veröffentlichung. Immer öfter zog sie sich für Jahre zurück. Die Mutter dreier erwachsener Töchter widmete sich mit unterschiedlichen Formationen dem Blues, dem Jazz, dem Pop und ist nun wieder heimgekehrt ins Reich der Synthesizer. „The Minutes“ heißt ihre aktuelle, 2013 erschienene Platte, mit der sie nach sechs Jahren Pause wieder in den britischen Album-Top-Ten gelandet war. Am Mittwochabend stellte eine gereifte, lebenserfahrene und bestens gelaunte Alison Moyet ihre neuen Stücke im gut gefüllten Huxleys an der Hasenheide vor.
Moyet hat deutlich abgenommen. Wie, das behält sie für sich
Die stets zurückhaltende und immer etwas füllige Sängerin hat eine geradezu unheimliche Wandlung durchgemacht. Rank und schlank tanzt sie am Mikrofon. Sie hat sich sozusagen halbiert. Wie immer sie das geschafft hat – sie redet nicht drüber. Hat sie sich früher überhaupt jemals so viel bewegt? Man spürt den Spaß, den sie auf der Bühne hat. Man fühlt die Lust, die sie in ihre neuen Lieder legt, die mal mit treibenden Elektrobeats, mal mit schwerblütigen Klangflächen unterlegt sind.
Zwei Musiker stehen ihr zur Seite. Links hat sich John Garden hinter einem Turm aus Keyboards und Laptop postiert, auf der rechten Bühnenseite bedient Sean McGhee Tasten und Drum-Machine. Beide spielen zwischendurch auch mal Gitarre, McGhee kommt auch, elektronisch aufgepeppt, als Chorsänger zum Einsatz. In ihrer Mitte steht die 53-jährige Alison Moyet auf einem kleinen Podest, das sie den ganzen Abend nicht verlassen wird und das zu ihrem kleinen persönlichen Dancefloor wird. Jeder ist auf seinem Platz, das macht die optische Anmutung etwas statisch.
Und wieder stellt sich dieser schon aus den 80er-Jahren bekannte Effekt ein. Während die ratternden, rumpelnden, mäandernden Sounds von maschineller Kühle durchzogen sind, schürt Alison Moyet mit ihrer berückend bluesigen Altstimme die Emotionen. Das neue Stück „Horizon Flame“ zum Auftakt ist eine perlend fließende Ballade in ambitioniertem Arrangement, der gleich mit „Nobody’s Diary“ ein früher Yazoo-Klassiker folgt. „Den hab ich mit 16 geschrieben“, sagt die Sängerin mit einem Lächeln.
Mit den neuen Möglichkeiten aufgepeppt
Sie haben die Stücke zeitgemäß aufgepeppt, schließlich sind die klangtechnischen Möglichkeiten heute um einiges ausgereifter als noch in den Achtzigern. Alison Moyet wirkt auf sympathische Weise aufgedreht. Sie redet viel mit den Fans. Sie lacht viel. Sie sagt auch mal ein Stück an, das an dieser Stelle noch gar nicht vorgesehen ist. Sie bricht auch mal, wie bei „Ordinary Girl“, einen Song nach einer falschen Textzeile ab, um ihn von neuem zu beginnen. Es gibt viele neue Stücke. Aber natürlich gehören auch all die alten Erfolge zum Programm, wie die Yazoo-Ballade „Only You“, wie der Dancefloor-Feger „Situation“ oder „Love Resurrection“ vom Solo-Debüt-Album „Alf“ von 1984.
Auch ihrem größten Yazoo-Hit, der als letzte Zugabe durch das Huxley’s peitscht, hat Alison Moyet einen modernen Anstrich verpasst. Nur der quäkende Synthesizer-Sound der Thema-Melodie ist original erhalten geblieben und sorgt für hohen Wiedererkennungswert. „Don’t Go“ bringt das Publikum noch einmal so richtig in Bewegung. Die Rückkehr zum Synthie-Pop der frühen Jahre ist Alison Moyet gut bekommen. Sie könne kaum Deutsch, sagt sie einmal. Nur ein paar kurze Sätze. Vor allem diesen: „Ich bin glücklich“. Und das meine sie ernst. Man nimmt es ihr ab. Sie kann im lang anhaltenden Applaus baden.




