Konzert in Berlin

6500 Fans feiern mit Lionel Richie in der O2 World

„All The Hits, All Night Long“ heißt seine Tournee. Und Lionel Richie hält dieses Versprechen. Obwohl nichts dem Zufall überlassen wird, wirkt der Abend auf sympathische Weise spontan und ungezwungen.

Foto: Paul Bergen / dpa

Der Mann ist ständig in Bewegung. Er breitet die Arme zur Dankesgeste aus. Er rennt von hier nach dort. Er verneigt sich wie ein Troubadour bei Hofe vor seinen Zuhörern. Er singt mit mal samtiger, mal kantiger Stimme. Und er badet mit breitestem Grinsen im Applaus. „I like that Sound“, sagt Lionel Richie am Dienstagabend in der O2 World, als ihm einmal mehr tosender Jubel entgegenbrandet. „All The Hits, All Night Long“ verspricht der Titel seiner Tournee. Und Richie ist einer, der solch ein Versprechen mühelos einhalten kann.

Denn Hits hat er im Laufe seiner rund 40-jährigen Karriere mehr als genug gelandet, von den frühen Jahren mit der Motown-Formation The Commodores bis zu seinen großen Solo-Erfolgen in den Achtzigern. Rund 100 Millionen Alben hat er verkauft, allein in den US-Top-Ten war er mit 22 Songs vertreten. Mehrfach hat er den Grammy erhalten und einen Oscar für seinen Song „Say You, Say Me“ aus dem Film „White Nights“ dazu. Doch der Erfolg ist ihm nicht zu Kopf gestiegen. Beim O2-Konzert vor rund 6500 Besuchern gibt er sich bodenständig, bestens gelaunt und von entwaffnender Herzlichkeit.

Nach einem charmanten Vorprogramm der norwegischen Popsängerin Marion Raven entern der durchtrainierte 65-Jährige und seine schlagkräftige Fünf-Mann-Band um kurz vor 21 Uhr die Bühne. Weiße Lichtfinger zucken durch den Raum und die bekannte Stimme fragt aus dem Off: „Hello, is it me your looking for?“ Na klar, nach wem denn sonst. Keine Viertelstunde später ist in der bestuhlten Mehrzweckhalle alles auf den Beinen. Die Bühne ist elegant illuminiert und mit riesigen Videowänden tapeziert. Die Show ist perfekt inszeniert. Dem Zufall wird hier nichts überlassen, dennoch wirkt dieser Abend auf sympathische Weise spontan und ungezwungen.

Ein Husten als Running Gag des Abends

„All Around The World“ eröffnet das Konzert. Schon früh kommen die ersten Hits, wie „Penny Lover“ von 1984 oder der Commodores-Klassiker „Easy“ aus den Siebzigern, der 1991 von Faith No More gecovert wurde und den Richie zuletzt im Duett mit Willie Nelson neu eingespielt hat. Ein Glas, aus dem er immer wieder trinkt, um danach hustend das Gesicht zu verziehen, wird zum Running Gag des Abends. Seine großen Love-Songs interpretiert er mit Würde, kommentiert sie aber gern mal mit einem gehörigen Schuss Ironie.

Lionel Richie weiß, dass er sich vor allem mit seinen kuscheligen Soulballaden von „Three Times A Lady“ über „Say You, Say Me“ und „Hello“ bis „Endless Love“ (hier singt das weibliche Publikum den Part, den Diana Ross auf der Platte gesungen hat, lautstark mit) tief in den Herzen seiner Fans verankert hat. Die ruhigen Stücke, oft auf ein Minimum reduziert, singt er am Flügel in der Bühnenmitte. Sie wechseln sich ab mit treibenden Partynummern. Schnell wird klar: Lionel Richie will nicht einfach nur der Balladen-Mann für gewisse Stunden sein.

Nein, er will auch mächtig Dampf ablassen und drängt die Fans mit lautstarken Funk-Brechern wie „Brick House“ und „Fire“ von den Commodores und stampfenden Disco-Krachern wie „Dancing On The Ceiling“ zum Tanzen. Immer wieder kommt er ins Plaudern, erzählt Anekdoten, schäkert mit den Besuchern. Er weiß, dass er und sein Publikum seit sehr langer Zeit zusammen sind. „When you were in love, I was in love“, sagt er. „When you were young, I was young.” Und mit diesem breiten Grinsen fügt er hinzu: „When you grew old, I stayed young!“ Aber er beschwichtigt gleich wieder: „You look good for your age.“

Eine Personality-Show voller kleiner Pop-Meisterwerke

Vor allem aber sieht Lionel Richie ganz schön gut aus für sein Alter. Er verausgabt sich gute zwei Stunden lang und es ist imposant zu hören, wie die Band (Gitarre, Bass, Schlagzeug und zwei Keyboarder) Disco-Funk und Motown-Soul rau und rockig die Sporen gibt. „All Night Long (All Night)“ steht am Ende dieser Personality-Show voller kleiner Pop-Meisterwerke, in der Ausrutscher wie etwa das schrecklich schlagerhafte „Angel“ kaum ins Gewicht fallen. Da ist ein Vollblut-Entertainer alter Schule bei der Arbeit.

Als einzige Zugabe gibt es jenen unvermeidlichen Hit, den Richie für seinen bedeutendsten und wichtigsten Song hält. „In Zeiten wie diesen brauchen wir dieses Lied mehr denn je“, sagt er. Vor genau 30 Jahren hat er gemeinsam mit Michael Jackson „We Are The World“ geschrieben. Wer noch nicht das Weite gesucht hat, schwelgt in Erinnerung. Und singt einfach mit.