Filmpremiere

Karoline Herfurth ist stolz auf ihre Berliner Schnauze

Sie ist die klassische Berliner Göre. Und ist das auch gerne. Der „Fack ju Göhte“-Star über Patchworkfamilien, Nebenstudium, Fußball und Frisurdikatur.

Foto: dpa Picture-Alliance / Ralf Succo / picture alliance / SuccoMedia /

Seit sie mit 15 entdeckt wurde, hat sich Karoline Herfurth zum Star entwickelt. Von „Das Parfum“ über „Im Wineter ein Jahr“ bis zum Oscar-Gewinner „Der Vorleser“. Der spektakuläre Erfolg von „Fack ju Göhte“ machte sie dann noch einmal populärer.

Jetzt ist die charmante Berlinerin, gerade 30 geworden, in „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ zu erleben, nach den erfolgreichen Kinderbüchern von Andreas Steinhöfel. Der Film hatte am 21. Juni in der Kulturbrauerei Premiere und kommt am 10. Juli ins Kino.

Wir trafen die Schauspielerin vorab im Hotel de Rome, wo sie mit uns über Patchworkfamilien, Nebenstudium, Fußball und Frisurdiktatur sprach.

Berliner Morgenpost: Sind Sie eigentlich Fußball-Fan?

Karoline Herfurth: Nur so halb. Ich habe mal einen Fußballfilm gedreht, „Eine andere Liga“, in der Zeit hab ich mich etwas schlauer gemacht. Das hat sich aber auch wieder eingedämmt. Ich liebe WM- und EM-Spiele gucken. Bei denen kenn ich sogar die Spieler. Sagen wir so: Immer wenn Jogi Löw auf dem Feld steht, guck ich zu.

Stimmt es, dass Löw ihr größter Fan ist?

Er hat mir einen Brief geschrieben. Das erfüllt mich wirklich mit großem Stolz. Ich hab auch einen zurückgeschrieben. Aber ich fürchte, das kam nie an. Ich hatte ja keine Adresse, ich hab das einfach an den Deutschen Fußballbund geschickt. Das wird da in irgendeiner Postkiste verschwunden sein. Ich werde ihm noch mal einen schreiben.

Wie ist es dann, ausgerechnet am Tag eines Deutschlandspiels Filmpremiere zu haben?

Es ist ja eine Kinderfilmpremiere. Die ist nachmittags. Danach gibt es eine Kinderparty. Und dann werden wir gemeinsam Fußball gucken. Das wird super.

In „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ dürfen Sie mal wieder so richtig schön balinern. Sie scheinen das sehr zu lieben?

Klar. Ich bin ja damit groß geworden. In meiner Familie berlinern wir auch so. Das steckt in Fleisch und Blut, da bin ich auch stolz drauf. Es ist auch, das muss ich zugeben, der einzige Dialekt, den ich kann. Ich scheitere kläglich an Bayrisch, sogar an Sächsisch, obwohl ich sächsische Wurzeln habe.

Das Balinern wird ja immer gern als Berliner Schnauze bezeichnet. Ist das ein Schimpfwort oder ein Kompliment?

Kommt darauf an, wer es sagt! Ich würde es als Kompliment empfinden. Berliner Schnauze, Berliner Schnoddrigkeit, das meint doch eigentlich, dass man ehrlich und direkt ist und frei Schnauze redet. Ist doch sehr positiv. Klar gibt es Situationen, da muss man nicht jedem sagen, was man denkt. Aber ich weiß immer gern, woran ich bin.

Die sprichwörtliche Berliner Göre?

(lacht) Kann schon sein, dass man andere damit auch mal vor den Kopf stößt. Mir wird oft gesagt, du hast aber einen rauen Ton. Oder: Du bist so direkt. Natürlich muss der Respekt da sein. Aber ich finde, so ein direkter Ton ist unheimlich hilfreich. Da lernst du dich viel schneller viel besser kennen.

In „Rico“ wird jeder Erwachsene von einem Star gespielt. Warum spielen Schausieler so gern in Kinderfilmen mit? Um potentielle Kinder, Nichten, Enkel zu beeindrucken?

Kinderfilme bieten einfach oft die Möglichkeit, extreme Seiten auszuprobieren. Weil die Rollen etwas überzogener oder auch mal fantasievoller sind. Da kann man mal ein bisschen ausbrechen. Mit Kindern agieren ist auch eine Herausforderung, weil du mit denen anders spielen musst. Ich habe selber sehr früh angefangen, ich weiß, was das heißt. Ich bin für sowas einfach unheimlich dankbar. Ich habe manchmal ein bisschen viel Energie, und bin ganz froh, wenn die auch benutzt wird.

Sie spielen eine allein erziehende Mutter. Sie sind aber ganz anders groß geworden mit wieviel...? Sechs, sieben Geschwistern?

Am Ende waren es sieben. Ein Vater, drei Mütter. Wir sind eine absolute Patchworkfamilie. Ich habe eigentlich in zwei Familien gelebt, wir sind auch ziemlich viel umgezogen in Berlin. Ich bin in einem sehr unkonservativen Umfeld groß geworden. Und bin solchen unkonventionellen Konstellationen, wie sie sich in diesem Film widerspiegeln, sehr verbunden. So lange das Wichtigste gegeben ist: die Liebe zu dem Kind. Das entspricht meiner tiefsten Überzeugung.

Planen Sie auch mal eine Familie in solchen Dimensionen?

Oje. Schauen wir mal.

Sie sind gerade 30 geworden. Und drehen, seit sie 15 sind. Die Hälfte des Lebens – wie fühlt sich das an?

Für mich normal. Ich kenn es ja nicht anders. Es ist allerdings ein neues Gefühl, 30 zu sein. Ich hatte Anfang des Jahres ein bisschen schlechte Laune. Und stellte fest, dass das mit dem Geburtstag zu tun hatte. Ich hatte auch eine Stilkrise und habe zwei Drittel meines Kleiderschranks ausgemistet. Weil ich dachte, das bin ich einfach nicht mehr. Ich hab mir auch beim Friseur endlich mal meine Haare so schneiden lassen, wie ich das wollte. Ich bin da ja, seit ich 15 bin, fremdbestimmt, ich hatte nie die Hoheit über meine Haare. Ich muss aber sagen: Ich habe bislang ein sehr volles Leben gehabt. Und bin sehr dankbar dafür. Und ich habe Vorbilder, die hatten alle nie Angst, sich noch mal neu zu definieren, neu anzufangen. Wie meine Mama, die mit 30 noch mal anfing zu studieren. Deshalb hab ich keine Angst davor, dass etwas vorbei sein, dass ich etwas verpasst haben könnte.

Sie studieren selbst, Sozialwissenschaften. Wie kriegt man das mit dem Beruf zusammen?

Schlecht. Ich hab ja 2008 angefangen und studiere auf Teilzeit. Nach Regelstudienzeit müsste ich ja jetzt schon den Bachelor haben, aber durch zwei Urlaubssemester schaff ich das erst in einem Jahr. Dann hab ich zwei Drittel. Mein großes Ziel ist es, mit 35 fertig zu sein. Das ist realistisch. Dann hab ich elf Jahre studiert, das ist natürlich krass. Aber anders ist es halt nicht zu machen.

Es gibt ja viele Schauspieler, die die Schule abbrechen und nie nachholen. Wie kommt man darauf, noch nebenher zu studieren?

Ich wollte mich einfach nicht früh festlegen. Ich habe mir die Schauspielerei ja nicht selbst ausgesucht, das kam so zu mir. Ich wollte aber mit 15, 17 noch nicht über mein Leben entscheiden. Warum nicht noch alles andere machen können? Ich brauche einfach Input, und Soziologie und Politik sind Fächer, die mich sehr interessieren. Andere müssen dafür nicht studieren, ich brauch aber diesen autoritären Rahmen. Sonst bin ich zu faul.

Wenn man Politik in der Hauptstadt studiert, verändert das auch den Blick auf die eigene Stadt? Wenn man vor dem Brandenburger Tor, den Mauerresten, dem Holocaust-Mahnmal steht?

Nicht nur auf die Stadt. Ich glaube, auf die ganze Gesellschaft. Dir werden in dieser Fakultät einfach die Augen geöffnet für die Gesellschaft. Du begreifst, wo sich eine Stadt wie Berlin gesellschaftlich einordnet, wie andere Städte oder ländliche Bereiche unterschiedliche Lebensvoraussetzungen haben und entsprechend unterschiedliche Denkweisen und Perspektiven aufs Leben. Darüber habe ich mir vorher nie so Gedanken gemacht.

Denken Sie bei all dem Doppelstress manchmal: Fack ju, Uni?

Nein. Doch. Ich hatte vergangenen Herbst eigentlich entschieden, das Studium abzubrechen. Ich hab mich dann aber so unwohl gefühlt, dass ichs doch nicht getan habe. Mir ist das einfach zu wichtig, so dass ich das durchziehen werde. Ich glaube nicht, dass es mir darum geht, einmal die Schauspielerei zu beenden, aber ich würde mich halt gern erweitern. Politik, Soziologie und Film verbindet sich in vielen Bereichen, diese Perspektiven werden mir aber gerade erst bewusst.

„Fack ju, Göhte“ war Ihre erste komische Rolle. Und plötzlich konnte man erleben, was für ein komödiantisches Talent, was für ein Timing in Ihnen steckt. Warum hat das eigentlich so lange gedauert?

Na, eigentlich war das schon „Zettl“. Helmut Dietl hat das wirklich in mir gesehen: Die kann komisch. Versteh ich auch nicht, warum das so lang gedauert hat. Aber ist ja eigentlich ganz schön. So kann man immer noch überraschen. Ich habe mir einen neuen Bereich erschließen können. Das ist ja auch ein Geschenk. Und ich verspreche: Das war noch nicht alles! Es gibt noch viel zu entdecken.

Jetzt gibt es aber erst mal „Fack ju Göhte 2“ und „Rico, Oscar 2“. Sind Sie im Fortsetzungswahn?

Ja, ich mach’s jetzt nur noch in Serie! (lacht) Nein, ich drehe im Sommer auch noch einen anderen Film. Aber ist doch auch schön, wenn Filme so einen Erfolg haben. Wobei: Bei „Rico“ war das eher absehbar. Da gibt es ja drei Bücher. Und der zweite Teil wird ja jetzt auch schon vorbereitet, ohne abzuwarten, wie der erste laufen wird.

„Göhte“ hat Ihre Popularität noch mal angeheizt. Hat das auch Konsequenzen für den Alltag?

Definitiv. Du gehst nicht mehr so unbekümmert aus dem Haus. Wenn ich von der S-Bahn zur Uni laufe, trage ich jetzt immer Sonnenbrille, auch wenn’s regnet.

Und wie ist das in der Uni?

Ganz easy. Die Kommilitonen und auch die Professoren sind alle sehr respektvoll. Also ich habe da keine unangenehme Erfahrungen gemacht. Und ich studiere ja schon seit ein paar Jahren.

Foto: © 2014 Twentieth Century Fox