Kulturmacher

Im Bundesplatz-Kino muss es nicht immer Popcorn sein

Martin Erlenmaier und Peter Latta betreiben seit 2011 das Bundesplatz-Kino. Das Haus ist viel mehr als ein Ort, um Filme vorzuführen – das liegt an der Kino-Leidenschaft des Duos.

Foto: Massimo Rodari

Sie haben es geschafft. Nach allerspätestens einer Stunde Gespräch möchte man auch eines haben. Unbedingt. Weil es so schön ist. So besonders. Und praktisch irgendwie auch. Man kann nämlich zum Beispiel seine Geburtstage dort feiern, viele Freunde einladen und denen sogar seinen Lieblingsfilm vorführen. Hat Martin Erlenmaier (jetzt 56) auch gerade wieder gemacht. Kann er ja auch. Schließlich betreibt er zusammen mit Peter Latta (68) das Bundesplatz-Kino.

Eigentlich sind sie ja zu Dritt. Gemeinsam mit Karlheinz Opitz, dem Betreiber der Eva-Lichtspiele in der Blissestraße, übernahmen sie das traditionsreiche Kino Ende Oktober 2011. Seit 1919 gehört das Lichtspielhaus schon zum Bundesplatz dazu. Ein echtes Kiez-Kino. Klein, fein, Teil vom Ganzen. Opitz ist hauptsächlich in der Blissestraße umtriebig, Erlenmaier und Latta somit das Duo vom Bundesplatz. Doch wie fand das Trio eigentlich zusammen?

Kino-Kenner und Film-Freunde

„Ich kenne Karlheinz schon lange. Ich habe bei der Deutschen Kinemathek, dem Museum für Film und Fernsehen, gearbeitet“, sagt Peter Latta. Im Fotoarchiv war er und über viele Jahre „organisationstechnisch für die Retrospektive der Berlinale zuständig.“ Film war also schon immer ein Teil von ihm. Und irgendwie sieht man ihm sogar an, der er Ahnung hat. Martin Erlenmaier war früher schon bei den Eva-Lichtspielen dabei, der studierte Theaterwissenschaftler hatte „schon als Fünfjähriger ein Faible für Kino. Für das Kino als Ort auch“, sagt er und lacht. Seit Jahren schon machte er im Haus von Opitz die Reihe „Der alte deutsche Film“, zeigt dort Filme aus den 30er- und 40er-Jahren auf 35-Millimeter-Filmkopien. Das macht er „nebenbei“ auch heute noch.

Das sei auch eine ihrer Gemeinsamkeiten. Von ihm und Peter Latta: „Wir interessieren uns einfach stark für Filmgeschichte“, sagt Erlenmaier. Und das praktizieren sie in ihrem Haus am Bundesplatz auch. Und tragen es weiter. Ihr Kino ist weit mehr als ein Filmabspielhaus. Ständig überlegen sie sich neue Reihen, machen Programme mit Themenschwerpunkt. Schauen und wühlen sich durch Material. „Operetten-Filme“, „Deutsches Kino der 50er“, „Bunte Wirklichkeiten“, „Der frühe Schlöndorff“ – das ist nur eine winzig kleine Auswahl. Seit Anfang Februar (bis 29. März) läuft die Werkschau „Die Dokumentarfilme von Helga Reidemeister“. Helga... wer? „Ist nicht schlimm, wenn man sie nicht kennt – es lohnt sich aber, sie kennenzulernen“, sagen beide. Erzählen noch ein bisschen und überzeugen.

Die beiden Kino-Liebhaber und -Betreiber sind ein bisschen wie ein guter Freund, der einem ein Buch empfiehlt. Der erklären kann, warum es sich lohnt, dieses Buch zu lesen und mit Leidenschaft für das Werk wirbt. Darin liegt sicher auch der Erfolg und die Beliebtheit des kleinen Kinos mit nur einem Saal. Und natürlich an der Authentizität der beiden Betreiber. „Es ist bei uns so: Alle Filme, die wir hier zeigen, gefallen uns auch“, sagt Martin Erlenmaier. Und Peter Latta bekräftigt: „Einer von uns beiden muss den Film gesehen haben, am besten beide, und den Film dann für gut befunden haben.“ Das ist auch das einzige Auswahlkriterium: Der Film, der in ihr Kino kommt muss gefallen. Punkt.

Das Prinzip funktioniert. „Eines der schönsten Komplimente aus dem letzten Jahr war für mich der einer Besucherin, die sagte: Bei ihnen kann man mit verbundenen Augen ins Kino geführt werden – man sieht in jedem Fall immer einen guten Film.“

Filmisches Bundesplatz-Tagebuch

Ihr Publikum kommt schon auch von weiter her, aber überwiegend sei es schon „Friedenauer Publikum. Viele Lehrer und Künstler.“ Apropos Künstler. Die kommen auch immer wieder. Zweimal war das Bundesplatz-Kino schon „Kiez-Kino“ der Berlinale. In diesem Jahr nicht. Die Künstler kommen trotzdem. Gerade war Rosa von Praunheim da. Für „Praunheim Memories.“ Detlef Gumm und Hans-Georg Ullrich, die beiden Filmemacher von „Berlin – Ecke Bundesplatz“ sind inzwischen Freunde des Hauses. Kleine Film-Miniaturen von zwei bis vier Minuten Länge, die nicht mehr in ihr 26 Jahre dauerndes Langzeitfilmprojekt gepasst haben, laufen seit Oktober 2014 monatlich wechselnd als „Bundesplatz-Tagebuch“ vor dem abendlichen Hauptfilm. Das ist einzigartig in der Stadt. Ebenso die Vorführung von „Lontano – Die Schaubühne von Peter Stein“. „Läuft nur bei uns“, sagt Martin Erlenmaier nicht ohne Stolz.

Was sonst noch anders ist? „Bei uns gibt’s kein Popcorn. Dafür gute Weine“, sagt Peter Latta. „Ich hab ich früher immer geärgert, dass es in Kinos nur schlechten Wein gibt.“ Eine edle Auswahl hat er getroffen, die man auch im Kinoeigenen Café genießen kann. Übrigens auch ohne einen Film zu sehen. Wobei man immer einen Film finden würde, der gefällt. „Thematisch geht bei uns alles“, sagen beide. Natürlich seien sie dem Arthouse zuzuordnen, spielen eigentlich keine Blockbuster (manchmal werden aus den kleinen Filmen ja auch urplötzlich ganz gr0ße, wie zuletzt geschehen mit „Monsieur Claude und seine Töchter“), dafür ist der Freitag jetzt der „Original mit Untertitel-Tag“. Dennoch betonen beide: „Wir sind zwar ein kleines Kino mit einer Leinwand und 87 Plätzen, aber auch bei uns laufen viele erfolgreiche Filme zu deren Start, wie etwa „Nymphomaniac“ oder „Boyhood“. „Das freut uns“, sagt Martin Erlenmaier.

In diesen Tagen heißt es für die beiden Kino-Macher natürlich: Berlinale! Filme, Filme, Filme, jeden Tag, schauen, was sie zeigen wollen, herausfinden, was in ihr Haus passt. Und sich austauschen. Das gehört auch dazu. Freunde treffen, Kontakte pflegen. Zum Geburtstag hatte Martin Erlenmaier seinen Freunden und sich übrigens „Wer nimmt die Liebe ernst“ gespielt. Peter Latta und er nehmen Kino ernst. Und das hat auch was mit Liebe zu tun.