Für Mitte- oder Kreuzberg-Berliner ist Kleinmachnow ganz weit weg. Irgendwo da draußen im Südwesten, wer da wohnt, muss mit dem Auto lange fahren, wenn ihm nach Kultur ist. Bettina Fiedler aber wohnt in Kleinmachnow und wenn ihr nach Kabarett, Jazz, Chansons ist, setzt sie sich aufs Fahrrad. Gut fünf Minuten braucht sie bis zum KultRaum, in dem in den vergangenen Wochen Volkan Baydar sang, regelmäßig zeitgenössischer Jazz zu hören ist und Kabarettist Tilman Birr vor einigen Monaten sein neues Programm vorstellte, bevor er damit durch Deutschland tourte.

Allerdings würde es das alles nicht geben, wenn Bettina Fiedler und sechs weitere Kleinmachnower vor sechs Jahren nicht selbst aktiv geworden wären. Die Sängerin Christiane Heinke wunderte sich schon lange darüber, dass die vielen im Ort lebenden Künstler nicht vernetzt waren. „Man müsste irgendwas machen“, habe sie gedacht, ohne zu wissen, wie das Irgendetwas aussehen soll.

Ein befreundeter Künstler schlug vor, einen Verein zu gründen, der Kunst und Kultur in Kleinmachnow organisiert. Das Irgendetwas wurde konkret. Christiane Heinke übernahm den Vereinsvorsitz, die Gemeinde half bei der Suche nach einem Auftrittsort: Drei Wochen nach der Besichtigung luden die KultRaum-Macher zur ersten Aufführung in einem leer stehenden Einfamilienhaus.

Gebäude mit marodem Charme

Der Schauspieler Günter Barton, der zum Kreis der KultRaum-Gründer gehört, gestaltete das Programm, eine befreundete Innenarchitektin baute aus einem Regal eine Bar, und wer seinen eigenen Stuhl mitbrachte, musste weniger Eintritt zahlen. Genügend Stühle gibt es inzwischen, das Programm wird mit mehr Vorlauf geplant – aber den Charme des Provisorischen haben die KultRaum-Macher erhalten. Sogar als sie nach vier Jahren an eine neue Spielstätte umzogen. Eineinhalb Jahre sind sie jetzt in dem ehemaligen Landarbeiterhaus am Zehlendorfer Damm. Die Familie, die das Haus vorher bewohnt hatte, war vier Jahre zuvor ausgezogen. Obwohl die Gemeinde als Vermieter das Gebäude grundsanierte, sieht man ihm die Jahre an, in denen es leer stand – und das soll man auch: „Wir mögen den maroden Charme“, sagt Bettina Fiedler, Christiane Heinke ergänzt: „Was anderes wäre für uns gar nicht in Frage gekommen.“

Das gilt allerdings nur für den fleckigen Putz und die abgetretenen Dielenbretter, nicht für das Programm. Zu den Künstlern, die sie nach Kleinmachnow brachten, gehören Entertainerin Gayle Tufts und Bariton Thomas Quasthoff, der aus seiner Autobiografie las, viele Berliner Kabarettisten kommen regelmäßig hierher. Dazwischen geben sie immer wieder unbekannteren Künstlern eine Bühne. Für die Reihe „Junger Jazz am Mittwoch“ gab es 2013 den Spielstättenpreis des Bundeskulturbeauftragten. Natürlich nutzen sie ihre Netzwerke, wenn sie Kontakt zu den Künstlern aufnehmen – Christiane Heinke sang an der Kammeroper Schloss Rheinsberg ebenso wie im Theater des Westens und im Friedrichstadtpalast, Vorstandsmitglied Frank Nägele ist der Jazz-Experte des Vorstands, Bettina Fiedler liebt das Kabarett. Wer eingeladen wird, entscheiden sie aber gemeinsam.

90 Holzklappstühle für das Publikum

Inzwischen gebe es fast mehr Anfragen von Künstlern oder Agenturen, als dass sie selber suchten, sagt Christiane Heinke. Die Bühne habe einen guten Ruf, die Künstler fühlten sich gut betreut und, fügt Bettina Fiedler hinzu: „Sie schätzen, dass sie den Leuten während des Auftritts in die Augen schauen können und danach am Tresen mit dem Publikum reden können.“ Die Zuschauerzahl ist überschaubar, es gibt maximal 90 Holzklappstühle für das Publikum, durchschnittlich seien etwa 60 besetzt.

Die KultRaum-Macher versuchen, möglichst oft dabei zu sein, mindestens drei von ihnen werden gebraucht, damit während der Veranstaltungen alles läuft. „Eine halbe Stelle“ neben dem Beruf könne sie leicht aus ihrem Einsatz werden lassen, sagt Christiane Heinke, auch Bettina Fiedler, als Pharmazeutin und Kommunikationstrainerin häufig unterwegs, verbringt ihre Freizeit weitgehend im und mit dem KultRaum. Eigentlich hätten sie alle noch viel mehr Ideen, was man dort alles machen könnte – ein Café in der Remise zum Beispiel oder Sommerkonzerte im Freien.

Erst einmal aber sind sie froh, dass der KultRaum im Ort gut angenommen wird. Die Gemeinde stellt ihnen das Haus zur Verfügung, das sie sich mit dem Kunstverein Kleinmachnow teilen. In das zwischen Machnower See und Wald gelegene Haus kommen zunehmend auch Berliner: Vor allem im Südwesten habe es sich herumgesprochen, dass sich ein Ausflug über die Stadtgrenze lohnt, sagt Christiane Heinke. Sie frage vor jeder Vorstellung, wer zum ersten Mal da sei – und sei immer erstaunt, wie viele Arme in die Höhe gehen.

Mit Kindern in den Speckgürtel

Aber auch die Kleinmachnower sitzen im Publikum, Ureinwohner ebenso wie die, die wie die Vereinsgründer erst in den Nachwendejahren in den Ort gezogen sind. „Zum Studium nach Berlin, mit den Kindern in den Speckgürtel“, diesen „klassischen Weg“ seien sie selbst gegangen, sagt Bettina Fiedler. Weil sie Ruhe, Grün und gute Luft wollten. Das Interesse an Kultur, an dem, was sie früher auf Kreuzberger Kleinkunstbühnen gehört und gesehen haben, zog mit.

Die Kombination aus dörflichem Leben und städtischem Kulturangebot spiegele der KultRaum wider, findet Bettina Fiedler: „Keine langen Wege, man kennt sich untereinander, das hat etwas Dörfliches.“ Dazu gehört auch, dass die Kinder der nahegelegenen Musikschule bei Konzerten im KultRaum ihr Können präsentieren und dass der Großvater der Familie, die früher im Haus lebte, hier seinen 90. Geburtstag feierte. Aber das Programm, davon ist sie überzeugt, könnte sich auf einer Berliner Bühne genau so behaupten: „Unsere Kulturdenke ist großstädtisch.“