Allein aufgrund seiner Lage ist das Spandauer Volkstheater Varianta eines der ungewöhnlichsten Privattheater Berlins: Direkt an der zentralen Einkaufsmeile in Spandaus Altstadt residiert die Bühne seit 1976 in der zweiten Etage des Kant-Gymnasiums. Erinnerungen an Pennälertage sind also immer inklusive bei Besuchen im Theater Varianta, das im kommenden Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert.
Lange Zeit schien es so, als würde die Bühne das Jubiläum nicht mehr erleben. Mit dem Rücktritt von Prinzipal Wolfgang Nusche 2006 fehlte dem Haus eine Leitung. Wie es der Zufall wollte, inszenierte Günter Rüdiger, heute Chef des Zimmertheaters Steglitz, dort 2009 eine Komödie und holte die Schauspielerin Sonya Martin ans Haus. Die erinnert sich mit gemischten Gefühlen an ihren Einstand in Spandau: „Die Rolle war schön, aber das Stück so platt, dass Zuschauer rausgegangen sind.“
Ihr Mann Heinz Klever wird da deutlicher: „Es war Schmiere. Der Laden war am Ende. Dabei lief er in den Achtzigern noch wie verrückt.“ Zeiten, von denen das Ehepaar einerseits träumt. Andererseits leidet das Theater Varianta immer noch unter dem Ruf aus jenen Tagen, ein Laientheater zu sein. Das ist es aber nicht mehr. Heute sind nur noch Profis am Werk, auf und hinter der Bühne.
Im Jahr 2010 haben Sonya Martin und Heinz Klever das Haus nach und nach übernommen. Seit 2012 leiten sie es offiziell. Sie sind eigentlich rein zufällig dazu gekommen. 2009 gab es niemanden mehr, der Stücke fürs Varianta schrieb. Doch gerade für ein Berliner, pardon: Spandauer Volkstheater braucht man spezielle Stücke. Sonya Martin drängte ihren Mann dazu, sich etwas Passendes auszudenken. Der war und ist schließlich nicht nur Schauspieler, sondern auch ein versierter Autor.
Vom Autor zum Theaterleiter
„Damals hieß es, entweder der Laden macht zu oder es muss ein neues Stück her. Was blieb uns also anderes übrig?“, kommentiert Klever heute lakonisch seinen Einstieg als Theaterleiter. Er ersann die Komödie „Liebe, Zoff und Sauerteig“. Ein Glücksfall, denn damit konnte das seit Jahren schwindende Publikum langsam zurückerobert werden. „Es war endlich wieder Leben im Theater“, so Heinz Klever. Dennoch: „Es lief eigentlich zu schlecht um weiterzumachen, aber wiederum auch zu gut, um aufzuhören.“ Da er und seine Frau Theatermenschen aus Leidenschaft sind, haben sie die Herausforderung namens Varianta angenommen.
Bevor die beiden nach Spandau kamen, hatten sie schon eine lange Bühnen-Laufbahn hinter sich. Sonya Martin, 1950 in Stuttgart geboren, stand bereits als Teenager auf der Bühne und hatte kurz nach dem Abitur ihr erstes Engagement in Heilbronn. Heinz Klever, Jahrgang 1955, aus dem niederrheinischen Mönchengladbach, hat als Schlagzeuger in Düsseldorf angefangen. Er war unter anderem mit Helge Schneider auf der Bühne, bevor es ihn zum Theater zog, wo er Sonya Martin begegnete.
Im Jahr 2000 kam das Paar mit Sohn Vincent nach Berlin. Zu sehr hatten die Engagements an Stadt- und Landestheatern sie gelangweilt. „Wir sind zu kreativ dafür“, so Sonya Martin.
Die beiden haben immer schon an eigenen Stücken und Performances gearbeitet, wurden aber lange Jahre mit ihrer Arbeit ausgebremst. Doch in Berlin war es anfangs auch nicht leicht für sie. „Wir sind ins kalte Wasser gesprungen. Furchtbar. Es war ein Leben am Existenzminimum“, sagt Sonya Martin.
Doch dann bekam Heinz Klever ein Engagement an der Leipziger Pfeffermühle. Immer schon Kabarettist mit Leib und Seele, fühlt er sich dort bis heute wohl. Mittlerweile schreibt er für viele ostdeutsche Kabaretts und die Satirezeitschrift „Eulenspiegel“. Eine Weile lang wohnte die ganze Familie in Leipzig. Doch Sonya Martin und Sohn Vincent wollten zurück nach Berlin.
Der zweite Anlauf in der Hauptstadt gelang wohl auch deshalb, weil das Ehepaar im Spandauer Volkstheater eine künstlerische Heimstatt gefunden hat. Mit neuem Konzept spielt sich die kleine Bühne seither immer mehr ins Gesamtberliner Bewusstsein. „Wir haben einen guten Stil für unser Volkstheater gefunden. Unsere Stücke sind moderner und schärfer geworden und haben ernste Zwischentöne. Außerdem gibt es einen Bezug zur Berliner Geschichte“, sagt Heinz Klever über den Neuanfang im Varianta. „Wir haben nicht alles über den Haufen geworfen, was bislang hier gemacht wurde, sondern daran angeschlossen und neue Horizonte eröffnet.“
Auch Kabarett im Programm
Das weiß das Publikum zu schätzen. „Wenn die Zuschauer rausgehen, sind sie beseelt und glücklich“, so Heinz Klever. Mit jeder neuen Spielzeit hat das Haus mehr Fans. Diesen frischen Geist im Varianta spürt man auch bei der aktuellen Inszenierung „Berlin 1914. Weihnachten sind wir alle wieder zu Hause“, ein Volksstück mit Biss. Längst steht natürlich auch politisches Kabarett von und mit Heinz Klever auf dem Programm. Sein nächstes Solo „Liederliche Texte“ feiert am 19. Dezember Premiere.
Für den Erfolg des Theaters opfern Sonya Martin und Heinz Klever fast all ihre Zeit. Das Haus ist zwar politisch gewollt und deshalb für die beiden ein „glücklicher Ort“, doch sind die Produktionsbedingungen mühselig. Einer von beiden muss stets zusätzlich ein festes Engagement haben. Die Wohnung am Charlottenburger Kaiserdamm ist eher bloße Schlafstätte.
Richtig zu Hause fühlt sich das Ehepaar ohnehin nur in seinem kleinen Häuschen in Tiefwerder. In den Havel-Auen Spandaus kommen beide zur Ruhe. Dort leben sie, wann immer möglich, und genießen die Natur. Ihre nächsten Nachbarn sind Wasserbüffel.
Spandauer Volkstheater, Varianta Carl-Schurz-Straße 59, Spandau,
Tel. 333 43 73, www.theatervarianta.de





