Konzert

Fritz Kalkbrenner und der Wohlfühl-Techno in der C-Halle

„Berlin - hoch die Dosen!“ Um Fritz Kalkbrenner zu hören sind ganze Familien in die Columbiahalle gekommen. Der Musiker liefert klare, direkte Musik - erst Strandbar, dann Berghain - ein Heimspiel.

„Wie lang jeht dit?“, fragt eine blondierte Dame ihre Freundin, „Bis eins? Ick hab morgen Frühschicht!“ Und recht hat sie – dass in der Berliner Clubszene normalerweise vor zwei Uhr morgens kaum was geht, ist schließlich alles andere als arbeitnehmerfreundlich. Arbeitnehmer trifft man dafür am frühen Abend in der ausverkauften Columbiahalle in großer Bandbreite: Kräftig gebaute Jungs in Trainingsjacken sind da, angegraute Studienräte mit Ohrsteckern, auch ein paar Ibiza-mäßig gestylte Dienstleister-Runden. Stark geschminkte Mädchen trinken Prosecco aus Plastikgläsern. Allenthalben werden Pärchen-Selfies vor Bühnenhintergrund geschossen. Ganze Familien sind nach Kreuzberg gewandert, um Fritz Kalkbrenner zu hören. Fritz. Den Bruder von Paul. Dem aus dem Film. Der seit Jahren regelmäßig mit englischen Untertiteln in Mitte-Kinos läuft. „Berlin Calling“. Remember? Mitverantwortlich für die neue Berliner Party-Ära.

Und ja, Vergleiche mit seinem älteren Bruder Paul nerven Fritz. Und nein, Fritz muss sich musikalisch nicht hinter Paul verstecken, im Gegenteil. Während Paul dem Soundtrack zu „Berlin Calling“ ein paar ziemlich uninspirierte Neuaufgüsse folgen ließ, wird Fritz von Album zu Album besser. Er macht Wohlfühl-Techno, mit Schlafzimmer-Stimme und warmen, federnden Beats. Die Rückeroberung der Maschinenmusik durch den Song, wenn man so will.

Live ist das weniger stark auf seine Stimme zugeschnitten als auf dem aktuellen Album „Ways over Water“. Eher als sänge Fritz vor sich hin, und ein paar tausend Leute wären auch noch da. Dabei ist er permanent in Bewegung, dreht an Reglern, tippt auf Laptops rum, mit einer einzigen, fließenden Bewegung, halb Tanz, halb Fitness-Studio. Manchmal fragt man sich, was es da eigentlich die ganze Zeit zu drehen gibt. Bei ein paar minimal verrutschen Einsätzen merkt man aber: Da wird wirklich gearbeitet auf der Bühne. Und ja, das ist irgendwie Arbeitsmusik – klar, direkt, schnörkellos. Hin und wieder sieht Kalkbrenner dabei aus wie ein Koch, der das Kochen liebt – bisschen pummelig, bisschen prollig vielleicht, doch sehr sympathisch. Der nette Typ aus der Kneipe von gestern Nacht. Das ist ein Plus im Showbiz. Soll man nicht unterschätzen: Dass die Leute glauben können, sie kennen wen, auch wenn sie nur seine Platten kaufen.

Heftiges Kreischen bei „Void“

Schon beim aktuellen Hit „Void“ wird denn auch nach wenigen Takten heftig gekreischt. Ist eigentlich irgendwem aufgefallen, wie grüblerisch der Text ist? „I see the signs of the times leaving me divide and hollow“. Womöglich geht es aber genau um dieses Paradox – Kalkbrenner macht Melancholie zum Abgehen. „I can't stand the fire of your heart“, singt er, vernuschelt, traurig. Dann knallt der Bass rein. Die Hosenbeine flattern. Arme werden hochgerissen, Handys in der Luft geschwenkt. Jemand trägt immer größere Mengen Rum-Cola durch die Reihen nach vorne. Ab halb elf gehen die ersten Mütter mit ihren minderjährigen Töchtern nach Hause. Wie auf Kommando wird die Musik clubbiger, härter, mehr Berghain jetzt als Strandbar.

Erst bei „Sky and Sand“ jedoch setzt das richtig frenetische Berlin-ist-so-der-Hammer-Ding ein: Die Leute schreien, tanzen, hüpfen in der Gegend herum. Das ist der Track. Aus dem Film. Den hat er geschrieben. Zusammen. Mit Paul. Remember? Fritz spielt ihn lang, spielt ihn laut. Er spielt ihn krachiger als man ihn kennt. Spielt er doch ein wenig an gegen den Schatten seines großen Bruders? Oder gegen sich selbst, gegen den unverschämten Pop-Appeal dieses Songs? Eine eher spärlich, dafür glitzernd bekleidete Dame mit Tattoos lässt sich auf Schultern über die Menge heben. Von irgendwoher wird sie dabei gefilmt. „Berlin: Hoch die Dosen!“, ruft Kalkbrenner. Es ist ein Heimspiel.