Musik

Fritz Kalkbrenner - Der nette Typ aus Friedrichshain

Im Fahrwasser seines großen Bruders Paul schwimmt Fritz Kalkbrenner schon lange nicht mehr. Gerade ist sein drittes Soloalbum erschienen. Ein Gespräch über Eitelkeit, Fitnessübungen und Kohlrouladen.

Foto: Krauthoefer

Berliner Morgenpost: Sie waren selbst einmal Musikjournalist. Wie ist es, jetzt auf der anderen Seite zu stehen?

Fritz Kalkbrenner: Ich denke, für mich sind solche Interviewtage leichter. Es gibt Künstler, für die ist das wesentlich schwieriger.

Für Ihren Bruder zum Beispiel …

Da war ich noch nie dabei. Aber stimmt, das ist nicht so ganz seine Domäne. Meine frühere Tätigkeit macht es mir da leichter. Ich kenne die Mechanismen, das Wasser, in das man springt, ist nicht so kalt. Wenn ich einen unangenehmen Interviewpartner habe, könnte ich dem ohne weiteres so die Bude verhageln, dass der ohne etwas Sinnvolles aus dem Gespräch rausgeht. Aber das mache ich natürlich nicht, ich bin ja ein netter Typ. Es ist ja auch ein Geben und Nehmen.

Das Cover Ihres neuen Albums zeigt eine Holzbüste von Ihnen. Gibt es die tatsächlich oder ist sie am Computer entstanden?

Die ist im Erzgebirge geschnitzt worden. Ich fand das als Metapher für den Titel des Albums “Ways over Water” recht passend, das mit einem anderen Element aufzufangen. Außerdem wollte man so was doch schon immer mal haben. Bisher steht sie noch in der Schweiz, aber wenn ich sie habe, stelle ich sie auf jeden Fall in der Plattenfirma auf.

Nicht zu Hause?

Oder da. Aber ich glaube, das sähe komisch aus.

Haben Sie goldene Schallplatten oder ähnliches zu Hause aufgehängt?

Devotionalien? Nee. Die ganzen goldenen Schallplatten stehen alle irgendwo in der Ecke. Es ist schön, dass man die bekommen hat, aber hier im Büro macht das mehr Sinn. Meine eigenen Platten, die Belegexemplare, die man so hat, stehen im Schrank.

Sie sind also relativ uneitel?

Bis zu einem gewissen Maß schon, einen uneitlen Menschen gibt es ja nicht. Ich gucke schon jeden Morgen in den Spiegel und gucken, ob die Entenhaare hochstehen, aber nicht übermäßig. Ich denke, das ist ganz verträglich. Das ist natürlich auch die ungerechte Beurteilung der Geschlechter. Wenn ich fotografiert werde, habe ich keine Maske da. Vielleicht würde ein Frau auch lieber ganz natürlich sein, aber dann kommt das Label und sagt, wir machen aus dir einen Pfau oder einen Wiedehopf. Das Schönheitsideal bei Männern entspricht einfach mehr dem natürlichen Zustand. Das ist natürlich unfair. Wir ziehen uns einfach ein T-Shirt an und gut ist. Hauptsache, wir haben eine Hose an.

Sie sind mittlerweile auch schon über 30. Merken Sie, dass Sie mehr tun müssen, um eine Tour durchzustehen? Sport, gesunde Ernährung?

Nee, noch nicht so. Aber man passt ein bisschen auf. Es wird unweigerlich irgendwann der Fall sein. Vor dem Auftritt ein paar Rückenübungen oder tief durchatmen, das mache ich schon, aber das ist ja nicht schlimm. Das muss man einfach akzeptieren. Wir alle welken. Da fällt mir kein Zacken aus der Krone. Ich bin schließlich keine 20 mehr. Damals konnte ich das alles einfach noch so wegdrücken. Oder volle Möhre die Aftershow Party mitnehmen. Das ist alles nicht mehr so.

Wie viele Nächte im Jahr schlafen Sie prozentual in Ihrem eigenen Bett?

40 Prozent vielleicht? In einem guten Jahr spiele ich etwa 140 Shows. Aber das ist punktuell, ich bin ja nicht auf Montage, deshalb wiegt das nicht so schwer. Wenn ich wirklich vier Monate weg wäre, so wie die großen Rocker, die im Bus versumpfen, das fände ich auch nicht so angenehm.

Wie sieht Touralltag bei Ihnen aus?

Die Crew fährt mit der ganzen Technik mit dem Bus vor, ich fliege dann ein, bin für einen Tag dort und dann fliege ich weiter. Ich kann im Bus nicht schlafen. Und ich bin der einzige, der ein bisschen okay aussehen muss, deshalb bin ich da ausgenommen. Es ist mittlerweile alles ein bisschen größer und durchgeplanter als früher. Und natürlich freue ich mich, wenn ich viel unterwegs bin, wenn ich nicht in dem reudigsten Hotel unterkommen muss.

Ihre Alben haben Sie bisher alle mit einem Abstand von zwei Jahren veröffentlicht. Warum ist das ein guter Rhythmus für Sie?

Das ergibt sich einfach so. Es sind wirklich auf die Woche genau immer zwei Jahre. Vielleicht, weil ich ein Jahr mit der Tour beschäftigt bin und dann langsam wieder anfange, neue Songs zu schreiben. Es gibt ein Muster, aber warum das so ist, weiß ich eigentlich nicht. Es passt einfach gut. Ich habe keine großen Leerläufe. Wenn ich mir mal ein Sabbatical nehmen und wirklich mal gar nichts machen würde, dann würde sich der Rhythmus natürlich verschieben. Ich könnte auch jedes Jahr ein Album machen, aber dann bräuchte ich sehr viel Hilfe. So ist das bei den Major Labels, da arbeiten einem so viele Leute zu, dass der eigene Anteil nur noch sehr gering ist. Aber das möchte ich gar nicht.

Sie haben bei Ihrem Label also sehr viele Freiheiten?

Ich habe hier alle Freiheiten. Wenn ich nicht gerade anfange Zwölftonmusik zu machen, wird das alles abgesegnet. Hier springt nicht die Tür auf und jemand sagt: Das muss viel mehr EDM sein. Da bin ich ganz froh.

Das Album ist fertig, die Tour geht noch nicht los. In welcher Phase sind Sie gerade?

Jetzt ist alles im Sack, das ist die Phase, wo man von der Musik ein bisschen Abstand gewinnen kann. Das ist auch gut, weil man die Songs dann wiederentdeckt. Zum Ende der Albumproduktion ist die Birne randvoll und man ist vollkommen betriebsblind. Mir gehen dann 1000 Sachen durch den Kopf und ich träume davon, da braucht man dann Abstand. Bei der Tourvorbereitung kommt dann wieder neuer Elan auf. Jetzt bin ich vollauf zufrieden mit dem Album, aber das kommt und geht auch in Wellen.

Welchen Luxus gönnen Sie sich heute dank Ihres Erfolges?

Den ganz einfachen Luxus, bei täglichen Ausgaben nicht immer nachrechnen zu müssen, wie viel am Ende des Monats noch übrig bleibt. Das kommt vielleicht dadurch, dass ich auch sehr die Erfahrung gemacht habe, wie es anders sein kann. Ansonsten kaufe ich mir vielleicht mal ein schönes Fahrrad, ein paar neue Sneaker, gehe mal gut essen und das war’s. Für so Sachen, die richtig Holz kosten, bin ich vielleicht zu wenig in München gewesen.

Ist das im Musikbusiness eher die Ausnahme?

Schwer zu sagen. Es gibt unter den Kollegen natürlich auch totale High Flyer, die in meinem Alter noch total ungesettled sind, die rumficken, bis der Arzt kommt und nur in Restaurants mit Michelin-Stern essen gehen. Sollen sie alles machen, ich sage das ganz ohne Wertung.

Wo gehen Sie denn essen, wenn Sie sich etwas was gönnen wollen?

Ich wohne in Nord-Friedrichshain. Da gibt es schöne Ecken. Die Fleischerei Domke zum Beispiel. Da gibt es sehr gute Kohlrouladen. Wir haben hier nicht solche Starpaläste. Das kriegt man auch nicht raus aus mir.

Können Sie sich in Ihrem Kiez relativ frei bewegen oder werden Sie viel erkannt?

Ich werde eigentlich kaum angesprochen. Vielleicht gehört das hier zum Nimbus, dass keiner durchdreht. Die Leute denken, sie sind selber cool genug. Das ist nicht überall so. Die Italiener haben zum Beispiel sehr viel Spaß an diesem Stardom. Da mache ich sehr viele Fotos am Flughafen. Aber das ist auch okay, aber ich bin froh, dass es hier anders ist.

Sie können also auch einfach mal abends mit Ihrem Bruder in eine Bar gehen?

Paul ist da sehr viel zurückgezogener. Der braucht das nicht. Der geht nicht in Bars, er trinkt ja auch nicht. Für ihn ist das total absurd. Der sitzt im Liegestuhl ist liest ein Buch.