Brandenburg

Eine Audienz beim Malerfürsten aus Teltow

Markus Lüpertz arbeitet in seinem Atelier in Brandenburg, in Kreuzberg zeigt er derzeit seine rauen märkischen Landschaften in der Galerie VW. Ein etwas anderer Ausstellungsbesuch.

Foto: dpa Picture-Alliance / Peter Steffen / picture alliance / dpa

Gegen 16.30 Uhr, da sei er in der Galerie, sagt die nette Assistentin. Um 17 Uhr ist er nicht da, um 17.30 Uhr auch noch nicht. Er kommt, wann er will, manchmal auch, wenn keiner mit ihm rechnet. Man muss das verstehen, ein Treffen mit dem Malerfürsten ist in etwa so wie eine Audienz beim Papst, nur dass man bei Markus Lüpertz nicht beten muss, aber ihm huldigen als deutschen Großkünstler. Dafür soll der Papst pünktlich sein.

Da steht er dann plötzlich in der Eingangstür der Kreuzberger Galerie Veneklasen/Werner (VW). Wie immer im Malerfürstenkostüm. Bei jeder Berliner Bohème-Sauvage-Party müsste er mit dem Outfit wahrscheinlich gar keinen Eintritt zahlen: schwarzer langer Mantel mit Fellbesatzkragen, rot getupftes Halstuch, schwarzer Hut, schwarzer Gehstock mit schickem Knauf. Er hat einige zur Auswahl, je nach Malerfürstenkostüm, er braucht die Gehhilfe tatsächlich, er hat etwas am Knie. Ach ja, an den Fingern trägt er zwei fette Klunkerringe. Kann er damit malen? Überhaupt, schwer vorstellbar in diesem Moment, dass es den Maler und Bildhauer Lüpertz gibt in Jogginghose samt schmierigen Ölflecken.

Der Malerfürst will an diesem späten Nachmittag in Kreuzberg kein Malerfürst mehr sein. Mag sein, er spürt, dass seine Inszenierung mit 74 Jahren langsam die Haltbarkeitsdauer überschritten hat und nicht mehr taugt als Rolle. Keine Fotos also!

„So ein schöner Mann wie Sie, da muss man doch ein Foto machen!“, ruft ein Galeriebesucher ihm zu, versucht ihn bei der Eitelkeit zu packen.

Entourage im Container

Lüpertz hört es und ruft zurück: „Die Zeiten sind vorbei!“ Und es bleibt dabei: keine Fotos. Der Besucher rät flüsternd dem Fotografen, doch einfach eine Rückenaufnahme zu machen. Keine gute Idee, da sähe man nichts weiter als einen schwarzen Mantel. „Wie René Magritte, der Surrealist“, findet nun der Studentenbrillen-Mann. Er hat mittlerweile sein Smartphone in seiner Manteltasche auf „Aufnahme“ gestellt. Eine heimliche Huldigung.

Fürst Lüpertz schreitet nun an seinen Bildern entlang. Werke aus dem letzten Jahr, es sind märkische Landschaften mit mythologischen Figuren wie Narziss und Minotaurus. Bäume, Wiesen, Flüsse, karg und leer, archaisch und rau. Das hat einen ganz eigenen Reiz. Oft sind es Triptychen, viele Frauenakte, den hinteren Raum mit den brachialen, braun-schwarzen Männerakten muss man aushalten: so grob und dominant sind sie im Pinselstrich. Dahinter steckt enorme Kraft, man sieht, der Fürst ist nicht nur Maler, sondern auch Bildhauer. Er packt zu, schleudert die nassen Pinsel auf die Leinwand, er hantiert mit der Farbe fast genauso wie mit Stein oder Bronze. Der Fürst ist ein hart arbeitender Schöpfer.

Wuchtige Rahmen aus Holz, wild übermalt

Wuchtig sind auch seine Rahmen aus Holz, die hat er wild übermalt, schwarz, weiß, grau. Farbe kennt bei ihm keine Grenzen, Farbe ist Energie, Farbe ist alles. Es ist kurios, je länger man vor den Bildern steht, in diese seltsamen Landschaften des Fürsten hineinschaut, desto meditativer sind sie. Lüpertz steht nun vor dem Gemälde „Guten Tag Herr F“. Herr F. sieht aus wie Theodor Fontane mit Stock und Hut und weißem Bart, irgendwie ähnelt er in der Pose gerade auch dem Fürsten. Herr F. – in Rückenansicht – schaut in die Weite des Landes. Der Fürst geht weiter, will sein Werk nicht kommentieren, jeder denkt sich, was er mag. Wenn man nicht ganz falsch liegt, huldigt hier der Malerfürst dem deutschen Großdichter der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“.

Das Wort „Märkisch“ ziert übrigens viele Bildtitel im Zusatz. Den Traum von Arkadien, den träumt man allerdings nicht vor den mächtigen Bildern des Malerfürsten. Immer wieder taucht der Tierschädel in den Bildern auf, meistens am Boden liegend, wie Stein geworden. Und der Soldatenhelm, dunkel, als mahnendes Zeichen der Vergangenheit. „Jeder Gegenstand erzählt seine eigene Geschichte“, sagt der Malerfürst streng. „Ich habe keinen Stil, alles Atmosphäre, alles Atmosphäre, alles Atmosphäre“, ruft er und ist schon beim nächsten Bild.

Baucontainer-Burg mit Glaspavillon als Atelier

Diese Atmosphäre bezieht er aus dem Brandenburgischen. Wenn er nicht reist, arbeitet Markus Lüpertz in Teltow, südlich von Berlin. Wer schon einmal dort zur Audienz geladen war, weiß: Andere Künstler haben ihre Schlösser, der Fürst residiert mit seiner Entourage in einer Baucontainer-Burg mit einem Glaspavillon als Atelier. Vor Jahren wollte ein kanadischer Immobilienkönig dort einen „einmaligen Wohnpark“ errichten, der Fürst hat übernommen, was übrig blieb vom „Kanada“-Projekt inmitten von Reihenhäusern und einem Einkaufszentrum. So richtig rein passen die Container natürlich nicht in die Gegend, und der Fürst schon gar nicht. Doch Exzentrik macht so erst richtig Spaß.

Wie kommt er da draußen in Teltow zurecht mit den Leuten? „Interessieren mich nicht“, sagt er. Ohnehin sei es bei ihm so: Wenn er arbeite, arbeitet er, ein wenig Leibesertüchtigung gehört noch dazu in seinem extra eingerichteten Container-Fitnessstudio.

Dann gibt es dort wohl Sasha, seinen russischen Assistenten. Der sorgt für des Fürsten leibliches Wohl, und wie man hört, kocht er ziemlich gut und herzhaft. Und wenn Lüpertz etwas machen möchte, geht’s halt nach Berlin. Der Fürst macht mal wieder eine ausladende Geste mit seiner Klunkerring-Hand. „Wo ich bin, sind die Dinge!“

„Sie haben den schönsten Spielplatz der Welt“

Na ja, Berlin, diese Stadt, da kann er nur die Augenbraue hochziehen. Die kann man mit ihren jungen Künstlern sowieso nicht ernst nehmen, alles recycelte Importware. „Das sind Kinder“, der Fürst könnte sich bei dem Thema in Rage reden. „Sie haben den schönsten Spielplatz der Welt. Deshalb sind hier so viele.“ Heute ist er großzügig, immerhin gesteht er Berlin zu, dass sich die Stadt noch entwickelt.

Die Frage, wie sich die Malerei die letzten Jahre verändert hat, braucht man ihm eigentlich nicht stellen. Seit er, der Fürst, nicht mehr an der Düsseldorfer Akademie lehrt, gibt es ohnehin keinen guten Nachwuchs mehr in der Malerei. „Ich hab’s schon vergessen, dass ich 38 Jahre Professor war.“

Versteht sich, dass er der einzige große Maler ist in Deutschland, nun ja, vielleicht noch Georg Baselitz oder Gerhard Richter. Aber dann hört es wirklich auf. Bescheidener geht es halt nicht beim Malerfürsten.

Galerie Veneklasen/Werner, Rudi-Dutschke-Str. 38, Kreuzberg. Di–Sa 11–18 Uhr. Bis 14. März