Haben Lügen wirklich kurze Beine? Oder doch eher lange? Von wem lernen Kinder denn, wie man schummelt, wenn nicht von den Erwachsenen? Nur Kinder und Narren sagen die Wahrheit, heißt es im Volksmund. Sprachwissenschaftler hingegen sind der Ansicht: Würden Kinder nicht das Lügen erlernen, seien sie pragmatisch gestört.
Wahrlich, ein komplexes Thema, dem sich das Atze Musiktheater in seiner jüngsten Produktion stellt. „Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums“ feierte gerade umjubelte Uraufführung. Das Musiktheaterstück basiert auf dem preisgekrönten Roman des Berliner Autors Salah Naorua. Erzählt wird die Geschichte von Matti, der drei Lügengeschichten seiner Eltern aufdeckt. Worauf er selber zu flunkern beginnt und den Eltern weismacht, man habe bei einem Preisausschreiben in Finnland, der Heimat des Vaters, ein Haus am See gewonnen. Konsequenz: Irgendwann findet sich die gesamte Familie wohnungs-, arbeits- und mittellos in der finnischen Einöde wieder. Als alle Beteiligten mit offenen Karten spielen und ihre Lügen zugeben, kommt es doch noch zu einem glücklichen Ende. Welches wiederum viel zu schön ist, um wahr zu sein...
Generationen ins Gespräch bringen
Ungelogen liefert das Stück, das für Zuschauer ab 7 Jahren konzipiert wurde, aber reichlich Stoff, über den Kinder und Erwachsene miteinander reden können. Die Entdeckung, dass auch Eltern zur Lüge greifen, obwohl sie doch von den Kindern immer die Wahrheit einfordern, zählt zu den prägenden Lebenserfahrungen. „Gespräche anzustoßen, ist für uns mit das wichtigste“, meint Theaterleiter Thomas Sutter. Er sieht deshalb im Atze weniger ein Kinder- als ein Familientheater. Auch „Spaghettihochzeit“, 2014 mit dem Ikarus-Preis als herausragende Berliner Theaterinszenierung für Kinder ausgezeichnet, behandelt auf unterhaltsame Weise einen eher ernsten Themenkomplex, nämlich Liebe und Trennung. „Uns besuchen Klassen, da kommen 60 bis 70 Prozent der Schüler aus Trennungsfamilien“, erklärt Thomas Sutter.
Durchkomponierte Szenen
Für die Entwicklung des Atze Musiktheaters ist „Matti und Sami“ ein Meilenstein – nämlich auf dem Weg zum modernen Sing-Spiel. Hier wechseln Dialog und Lied nicht einfach ab, sondern werden eng miteinander verknüpft. „Lieder dürfen die Handlung nicht aufhalten, das hat mich beim Musical schon immer gestört“, sagt Sutter, der die Theaterfassung, die Musik und die Liedtexte schrieb und Regie führte. Hier trägt die Musik die Handlung entscheidend mit, die Szenen sind komplett durchkomponiert mit Elementen aus Folk, Rock und Pop. Klassische Liedstrukturen werden oft aufgelöst. Seine Kollegen würden diese nicht unkomplizierten Stellen als „Sutterismus“ bezeichnen. Dass er damit das junge Publikum überfordert, glaubt Sutter aber nicht. „Kinder hören noch völlig vorurteilsfrei, ohne Schablonen. Die haben ein offenes Ohr.“ Aber Ansprüche stellt die Musik natürlich auch an die Menschen auf der Bühne. Schauspieler, die singen und musizieren, sowie Musiker der Band, die zusätzlich Rollen im Stück übernehmen: Hier muss mancher Künstler über den eigenen Schatten springen.
Richtungsweisendes Theater
Für Sutter schließt sich mit „Matti und Sami“ persönlich ein Kreis. „Alles begann, als ich meiner kleinen Tochter drei, vier Lieder schrieb, weil ich die üblichen Kinderlieder nicht mochte.“. Das war in den 80er-Jahren. Mit einem selbst verfassten Song gewann er den zweiten Platz in einem Wettbewerb des Kinderschutzbundes. Daraufhin gründete der Kreuzberger seine Atze-Band, die in Kitas und auf kleinen Bühnen auftrat und irgendwann begann, Geschichten zu den Liedern zu erfinden. So entstanden die ersten Theaterstücke, etwa 1996 „Steffi und der Schneemann“, das bis heute mit Erfolg gespielt wird. „Aber beim Senat war man der Meinung: Ihr macht Musik, kein Theater, also gibt es kein Geld“, erzählt Sutter. 2002 nutzte das Atze Musiktheater dann die Gelegenheit und zog in den leerstehenden Max-Beckmann-Saal im Wedding ein.
Spielstätte scheint gesichert
Bundesweit hat man sich als richtungsweisendes Kinder- und Jugendtheater etabliert. Bekannte Stücke wie „Ronja Räubertochter“ oder „Momo“ stehen neben selbst verfassten Werken wie „Bach - das Leben eines Musikers“, Kinderbuch-Klassikern wie „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ oder „Die besten Beerdigungen der Welt“ sowie Märchen-Adaptionen auf dem Spielplan. Mehr als 70.000 Zuschauer, aus ganz Berlin, aber zunehmend auch aus dem Speck-Gürtel, lockt man jährlich ins Haus. Nach der Krise 2013, als der Bezirk Mitte den Vertrag mit dem Theater nicht verlängerte, scheint nun durch Hilfe des Senats die Spielstätte gesichert, die im großen Saal 480, im Studio 150 Gästen Platz bietet. Sutter beklagt, dass man auf die übliche Aufstockung der Fördermittel für das Programm dieses Jahr verzichten musste: „Das Theater an der Parkaue erhält jährlich 5,4 Mio, das Grips-Theater 3,8 Mio, wir aber nur 690.000 Euro. Dabei spielen wir vor der gleichen Besucherzahl.“ Ausgedehnte Tour-Gastspiele vor jährlich 30.000 Zuschauern sind deswegen nicht zuletzt aus wirtschaftlich Gründen wichtig.
Die Themen gehen wohl nie aus
Nach wie vor komponiert Thomas Sutter nur mit der Gitarre. „Ich bin nun mal ein alter Liedermacher.“ Seine musikalischen Ideen übergibt er dann an die Arrangeure. „Matti und Sami“ ist erst das dritte Mal, dass er selber inszenierte. „Ich habe mich bei anderen Projekten manchmal geärgert, wie Regisseure mit meinem Buch umgegangen sind“, begründet er diesen Schritt. Prinzipiell glaubt er, dass Alleingänge selten zum künstlerischen Erfolg führen. „Ich brauche die Auseinandersetzung mit Dramaturg, Bühnenbildner, musikalischem Leiter und anderen Mitwirkenden.“ Bei „Matti und Sami“ leistete man sich den Luxus, das Stück bereits im September hausintern aufzuführen, um es dann erst mal ein paar Monate liegen zu lassen und so einen neuen Blick darauf gewinnen zu können.
Nach einigen Stücken mit türkischem Hintergrund kann sich Sutter gut vorstellen, demnächst mal eine Geschichte aus Afrika oder Indien auf die Bühne zu bringen: „Die heutige Welt ist ja so zusammengerückt.“ Davor, dass ihm irgendwann die Themen ausgehen, hat der Autor und Komponist keine Angst. Und dass man mit 59, als frisch gebackener Großvater, dann doch mal zu alt wird, um eine junge Zielgruppe zu erreichen? „Diese Frage stelle ich mir selber. Man musst immer das Kind in sich selbst bewahren – und dabei authentisch bleiben.“ Was wiederum viel mit Wahrheit zu tun hat.





