Helmut Newton

Plädoyer für die Fotografie als Kunstform

Reizt die Sinne: Eine neue Ausstellung im Museum für Fotografie zeigt 200 Werke von Helmut Newton. Die Zeit hat die Provokation des Erotischen weggewischt.

Foto: © Helmut Newton Estate

Mit „Blue Velvet“ begann die Liebe zwischen David Lynch und Isabella Rossellini. Vier Jahre dauerte sie, und weil „Blue Velvet“ eine Art Porno für Akademiker in den 80er-Jahren war, stellt man sich diese Beziehung zwischen Regisseur und Schauspielerin außergewöhnlich vor. Helmut Newton hat sie festgehalten. Sie stehen dicht nebeneinander, er umfasst ihren Hals in einer zärtlich-beherrschenden Geste. Für Helmut Newton ist das ein ungewöhnliches Bild. Hier war der Mann im Spiel der Geschlechter nicht der armselige Trottel, der hinter der starken (wenngleich zumeist spärlich bekleideten) Frau verschwindet.

Im Museum für Fotografie gibt es eine neue Ausstellung zu sehen über den deutsch-australischen Fotografen, der in Berlin 1920 zur Welt kam und 2004 starb. In „Permanent Loan Selection“ werden erstmals 200 Werke aus der Dauerleihgabe gezeigt. Die Räume sind unterteilt in Porträts, Akt und Mode, und den Machern ist damit eine wirklich hübsche Ausstellung gelungen.

Das ist dort leichter als anderswo, schließlich ist das Haus in der Jebensstraße eines der schönsten Museen der Stadt. Es hat eine klare Aufteilung, hohe Räumen und freundliches Licht. In der ersten Etage muss sich der Besucher zwischen Akt und Porträts entscheiden. Je nachdem, welchen Weg er einschlägt, lernt er einen anderen Newton kennen. Newton und seine Nackten ist die bekannte Seite: Die Frauen haben Beine bis zum Hals, die Körper sind makellos, die Frauen unnahbar. Ihre Unerreichbarkeit unterminiert die erotische Ausstrahlung. Das gezeigte Überangebot an Brüsten und Schenkeln verstört im 21. Jahrhundert nur das prüde Gemüt.

Die Zeit hat den Fotos den Reiz genommen

Und ja, die Zeit hat den Fotografien den Reiz genommen, da man ahnt, welche Provokation diese Bilder vor Jahrzehnten noch gewesen sein muss – für Konservative und Feministen gleichermaßen –, und die sich heute halt erledigt hat. Und nein, die Zeit hat den Bildern die Wirkung nicht geraubt, weil Newtons handwerkliches Können fortlebt. Die Einstellung von Schatten und Licht, die Blicke und Körperhaltung der Modells, ihre Überinszenierung und Dramatisierung ist ein Plädoyer für die Fotografie als Kunstform.

Naturgemäß abwechselungsreicher sind die Räume, die sich Mode und Porträts widmen. Ein Modell steht vor dem Brandenburger Tor, dazwischen die Mauer, der Scheinwerfer der Grenzanlagen strahlt. Wir sehen den Milliardär Gert Rudolf Flick mit einer unfassbar hässlichen Micky-Maus-Krawatte, die das ganze Grauen der 80er-Jahre zurückbringt. Und wir sehen die junge Carla Bruni auf dem Schoß ihres Vaters. Er sitzt auf dem Klavierstuhl, seine Frau steht hinter seinem Rücken, sie betrachten liebend, nahezu anhimmelnd ihre Tochter.

Es war nicht ihr leiblicher Vater, wie sich später dann herausstellte. Und Lynch und Rossellini haben sich – angeblich – aus einem profanen Grund getrennt: Er konnte und kann Küchengerüche nicht ertragen. Aber das ist das Schöne an Fotografien. Sie erzählen nicht, was nach dem perfekten Augenblick passiert ist.

Museum für Fotografie, Jebensstr. 2, Charlottenburg. Tel.: 31 86 48 56. Bis 17. Mai 2015.