Comics

Bürgerkrieg und Biester in der Galerie Neurotitan in Berlin

Ein Besuch der Comic-Schau im Neurotitan in Mitte ist ein Ausflug in eine weite Welt. 47 Künstler aus 22 Ländern zeigen Zeichnungen zur Lage der Nation.

Foto: Tanja Laninger / avant-verlag

Noch bis Ende Januar stellt die Galerie Neurotitan an der Rosenthaler Straße 39 in Mitte „Comics zur Lage der Welt“ aus. In der Schau sind Werke von 47 Künstlern aus 22 Ländern zu sehen. Doch etliche der Illustratoren und Zeichner leben in Berlin: wie Sophia Martineck, Aisha Franz und Nele Brönner, die Hamburgerin Nina Pagalies und der Inder Sarnath Banerjee sowie die Spanierin Ana Alberto und Maria Sulymenko aus Kiew. Andere werden von Berliner Häusern verlegt. Ein Beispiel sind Zeina Abiracheds autobigrafischen Erinnerungen an den Bürgerkrieg im Libanon „Das Spiel der Schwalben“ vom Berliner avant-verlag. Zu allen Zeichnungen, die wöchentlich in der Zeitung „Le monde diplomatique“ abgedruckt sind, gibt der Berliner Reprodukt-Verlag bereits den zweiten Sammelband heraus.

Zeina Abirached kam bereits zur Ausstellungseröffnung in Berlin. „Ich fühle mich wohl hier“, sagt die 33-Jährige, die bereits in mehreren Stadtvierteln gewohnt hat und nun in Mitte untergebracht ist. Eben erst hat sie in Kreuzberg die Brandmauer an der Cuvrybrache betrachtet, auf der ein Kollektiv um den Künstler Blu und den Berliner Kunstwissenschaftler Lutz Henke im Dezember 2014 eine überdimensionales Street-Art-Gemälde hat übermalen lassen. „Sie protestieren damit gegen Gentrifizierung und Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes. Ich halte das für eine tolle Form passiven Widerstands“, sagt die Wahlpariserin Abirached.

Erinnerungen an den Bürgerkrieg im Libanon

Der Kontakt zum Berliner Verleger Johann Ulrich war bereits vor einigen Jahren auf der wichtigen französischen Comicmesse in Angoulême zustande gekommen. In ihrer Graphic Novel „Das Spiel der Schwalben“ schildert die Libanesin einige Stunden aus ihrer Kindheit in Beirut, wo Abirached 1981 zur Welt kam. Ihr – wenn gleich wunderschön ornamentales – Szenario führt den Betrachter und Leser nach Beirut in den Bürgerkrieg.

Sie zeigt in schwarz-weißen Bildern keinerlei Grauen – und macht doch durch Auslassung und Skizzen die Schrecken des Krieges fassbar. Dabei verliert sie nie ihren Humor.

Ben Katchor zur Lesung in Kreuzberg

Zu den im Neurotitan ausgestellten Künstlern gehört auch Ben Katchor. Der 64-Jährige war als erster Comicautor mit dem „Genius-Award“ der MacArthur Foundation Fellowship ausgezeichnet worden. Der Amerikaner kam am Mittwoch, den 21. Januar, nach Berlin und sprach an der Rudi-Dutschke-Straße 23 in Kreuzberg über seine Graphic Novel „Der Jude von New York“. Das Buch ist auf Deutsch ebenfalls im Berliner avant-verlag erschienen.

Katchor ist selbst Jude und stammt aus New York, 1951 wurde er in Brooklyn geboren. Er schreibt seit Beginn der achtziger Jahre über seine Heimatstadt, wo er in einem osteuropäisch geprägten Milieu aufwuchs, als Jiddisch dort noch Umgangssprache war. Katchor ist künstlerisch vielseitig: Er schreibt Musiktheaterstücke und Libretti, gestaltet Bühnenbilder und hält illustrierte Lesungen an Universitäten und Museen.

Sherlock-Holmes-Schau und „Geschichten vom inneren Biest“

Es gibt noch weitere Termin rund um die Schau im Neurotitan. So könnten Benedict-Cumberbatch-Fans der Vollständigkeit halber vorbeischauen, wenn Sophia Martineck am 23. Januar ihr Buch „The Adventures of Sherlock Holmes“ präsentiert. Und wer bedauert, das neue Orang-Utan-Baby im Zoo noch nicht von Nahem sehen zu können, darf sich am 30. Januar um 19 Uhr von Nele Brönner und Monika Rinck trösten lassen, die dann ihr Buch „I am the Zoo - Geschichten vom inneren Biest“ vorstellen.

Schweigeminute für die Opfer bei Charlie Hebdo

Die Ausstellungseröffnung am 9. Januar hatte ganz im Zeichen des Anschlags in Paris auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo gestanden, bei dem zwölf Menschen ermordet worden waren.

Die Besucher hatten auf Wunsch von Emmanuel Suard, des Kulturrats der Französischen Botschaft und Direktors des Institut Français Deutschland, eine Schweigeminute eingelegt. Suard hatte an dem Abend die Eröffnungsrede gehalten. Zeina Abirached erinnert der Kampfgeist der Redakteure von Charlie Hebdo an einen Schriftzug, den sie im Beirut ihrer Kindheit an einer Mauer gelesen hatte. Dort stand: „Ich will lieber stehend sterben als auf Knien leben.“ Ein Spruch, der etwas abgewandelt dem mexikanischen revolutionär Emiliano Zapata zugeschrieben wird.

Foto: Tanja Laninger