Comic-Galerie

Schweigeminute für die Toten von Charlie Hebdo im Neurotitan

| Lesedauer: 5 Minuten
Tanja Laninger

In der Galerie Neurotitan in Mitte sind Comics zur Lage der Welt zu sehen. Werke von 47 Künstlern aus aller Welt. Nur der Franzose Cyril Pedrosa fehlt. Er hat bei dem Anschlag Freunde verloren.

„Wir müssen sie als Helden betrachten.“ Emmanuel Suard bittet um eine Schweigeminute für die Opfer in Paris. Es wird still in dem Raum, in dem viele Besucher eine Bierflasche in der Hand halten oder ein Weinglas. Es ist Partyzeit. Draußen ist es schon seit Stunden dunkel. Das Licht im Ausstellungsraum ist gleißend hell. An den weiß gestrichen Wänden hängen Zeichnungen in dichter Folge.

Suard ist der Kulturrat der Französischen Botschaft und Direktor des Institut Français Deutschland. Dass er an diesem Freitagabend die Eröffnungsrede in der Galerie Neurotitan in einem Haus Schwarzenberg an der Rosenthaler Straße 39 in Mitte hält, ist dem Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo wurden von geschuldet, bei dem zwölf Menschen ermordet wurden. Diese Redakteure, Künstler und ihre Gäste erklärt Suard zu Helden der Meinungsfreiheit.

In Berlin steht Suard zahlreichen Zeichnern gegenüber. Noch bis Ende Januar sind in der Galerie Neurotitan die Arbeiten von 47 Künstlern aus 22 Ländern zu sehen, die zuvor in „Le Monde Diplomatique“ veröffentlicht wurden. „Es sind politische Comics. Das Leben besteht aber auch aus Alltag und Sorgen und Liebe“, sagt Caroline Bofinger, die die Seite für die Zeitung betreut.

Bofinger ist die Tochter 2006 verstorbene Karikaturisten Manfred Bofinger und mit dem Berliner Dirk Rehm befreundet, der in seinem Verlag Reprodukt den zweiten Sammelband dieser Zeichnungen herausgibt. Ein sehens- und lesenswertes Buch.

Unter den Gästen fehlt der preisgekrönte Franzose Cyril Pedrosa. „Er hat diese Reise gestrichen“, erklärt Rehm. „Cyril hat Freunde beim dem Anschlag verloren und trauert um sie.“ Rehm ist selbst sehr mitgenommen: „Meine Freundin stammt aus Paris. Cyril hat Freunde verloren. Da ist man schockiert. Als Verlag sehe ich uns nun nicht bedroht, weil wir keine Satire machen und nicht so exponiert sind.“

„Ich fürchte, es werden weiter unsere schlausten Köpfe getötet“

Die Nachricht, dass die Täter gestellt und erschossen wurden, hat sich an dem Abend noch nicht herumgesprochen. Und wer es hört, ist keinesfalls beruhigt. „Meine Angst bleibt: dass die Dummheit zunimmt und weiter unsere schlausten Köpfe getötet werden“, sagt Rehms Kollege Johann Ulrich, der in seinem Berliner avant-Verlag Graphic Novels verlegt. Mit Dummheit beschreibt er die Forderung der französischen rechtsgerichteten Politikerin Marine Le Pen von der Front National nach einer Wiedereinführung der Todesstrafe. „Das schreckt solche Attentäter nicht ab, die wollen doch als Märtyrer sterben.“

Ulrich geht zu einem geöffneten Fenster, zieht ein Päckchen aus der Tasche und zündet sich eine Zigarette an. Zu ihm gesellt sich die Autorin und Grafikerin Mathilde Ramadier. Die Französin lebt seit drei Jahren in Berlin und hat zuvor in Paris in unmittelbarer Nachbarschaft des Redaktion von Charlie Hebdo gewohnt – die Überlebenden arbeiten derzeit in einem Ausweichquartier bei der Zeitung Libération an einer neuen Ausgabe von Charlie Hebdo.

„Ich habe Charlie Hebdo als Kind heimlich gelesen“

„Ich bin mit Charlie Hebdo aufgewachsen, mein Vater war und ist ein großer Fan“, sagt die 27-jährige Ramadier. Als Sechsjährige habe sie die satirischen Zeichnungen heimlich gelesen, „Ich war zu jung, um sie zu verstehen, aber ich fand sie toll“. Als sie acht Jahre als gewesen sei, habe Charb „Mon Quotidien“ herausgegeben. „Das war extra für Kinder von acht bis zwölf Jahren und kommentierte die Ereignisse in der Welt. Ich habe es geliebt. Das war meine erste Zeitung.“ Nun könne sie keine Worte dafür finden, was der Anschlag in ihr ausgelöst habe., dem auch Charb zum Opfer fiel. Ramadier schweigt. Dann sagt sie: „Es ist ein Albtraum.“ Sie sei am Mittwoch zur Französischen Botschaft gegangen, um ihre Solidarität zu bekunden. „Aber tatsächlich ist das keine Landessache. Man müsste einen Ort aufsuchen, der für die Freiheit aller steht.“

Die Karikaturisten von Charlie Hebdo hätten nicht nur die Auswüchse von Religionen aufs Korn genommen, sagt der Vorsitzende des Berliner Comicvereins Stefan Neuhaus. „Ich erinnere mich noch gut an die 60er-Jahre. Damals ging es um Sexualität und die 68-er Bewegung.“ Die Zeichnungen von Cabu und Wolinski seien für ihn „eine Offenbarung“ gewesen, „diese Art aggressiven Witzes, der Grenzen überschritt“. „Die Zeichner haben etwas gewagt. Sie gingen unter die Gürtellinie. Und doch spürte man: Sie sind bei aller Heftigkeit zutiefst menschlich.“

Etwas weiter weg zieht Mathilde Ramdier an einer Zigarette und trinkt aus einer Flasche Bier. „Wir sollten auch feiern. Das würde den Leuten von Charlie Hebdo gefallen. Dass wir uns nicht beirren lassen sondern weitermachen.“