Museen in Berlin

„Das Kulturforum hat zwei Weltwunder“

| Lesedauer: 9 Minuten
Gabriela Walde

Foto: dpa Picture-Alliance / Eibner-Pressefoto / picture-alliance / Eibner-Presse

Die Chance der Neugestaltung war für das Kulturforum nie so gut wie jetzt. Ex-Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer fordert allerdings mehr Gemeinsinn der einzelnen Institutionen vor Ort.

Mit 200 Millionen Euro vom Bund bekommt Berlin endlich das Museum der Moderne – und das Kulturforum, einer der zentralen Orte der Hauptstadt, damit ein neues Gesicht. Dabei geht es nicht nur um das Gebäude, sondern um eine städtebauliche Lösung für das gesamte Areal. Ein Gespräch mit Volker Hassemer, einstiger Stadtentwicklungssenator und heutiger Vorsitzender der Stiftung Zukunft Berlin.

Berliner Morgenpost: Wie kommt es eigentlich, dass sich die Politik an diesem Platz, dem Kulturforum, seit Jahrzehnten die Zähne ausbeißt? Auch in Ihrer Zeit als Stadtentwicklungssenator kamen Sie nicht weiter.

Volker Hassemer: Das hat vor allem zwei Gründe: Dies ist einer der schwierigsten städtebaulichen Orte der Stadt. Und zweitens – er ist ganz besonders wichtig für Berlin. Deshalb muss man sich vornehmen, es hier besonders gut zu machen, und das wird dann schwer. Das Kulturforum ist eines der verborgenen Potenziale der städtebaulichen Selbstdarstellung Berlins. Ich selbst bin in den achtziger Jahren mit dem Versuch einer Antwort gescheitert.

Woran lag das?

Die Rahmenbedingungen sind heute sehr viel besser geworden – sie sind so gut wie nie. Allerdings ist das Problem der viel befahrenen Potsdamer Straße geblieben. Damals quälten wir uns zudem mit der Frage des Umgangs mit der Gästehaus-Idee Scharouns. Das Thema wurde damals sehr betrieben. Wir hielten das – ein weiterer Bau zwischen der Neuen Nationalgalerie und der Philharmonie für problematisch – hatten aber nicht die alternative Idee. Und nicht zu vergessen: Das Kulturforum lag quasi am Stadtrand, direkt hinter der Staatsbibliothek verlief die Mauer. Das alles zusammen haben wir nicht in den Griff bekommen.

Jetzt ist die Chance da.

Jetzt ist die mehrfache Chance da. Die Mauer ist weg. Damit die Chance, das Kulturforum nicht nur vom Westen, sondern auch vom Osten zu sehen. Die städtebauliche Linie vom Potsdamer Platz und Leipziger Platz zu bedenken, hinein in das großartige Ensemble der Institutionen des Kulturforums. Zu Mauerzeiten endete der Bus 48 an der Philharmonie. Heute geht es von hier weiter bis zum Alexanderplatz. Das macht klar, was damals begrenzte und heute möglich ist. Und ja, wir haben uns befreit von der Idee des Gästehauses, das in der Mitte steht. Und dann jetzt die großartige Entscheidung für das Museum der Moderne. Dieses konkrete Projekt muss zum Startschuss werden für die nun möglichen städtebaulichen Klärungen.

Jetzt könnte es eigentlich losgehen oder?

Ja, der Bund hat geliefert. Nun ist Berlin am Zug. Nun muss Berlin sich ebenso gründlich wie unverzüglich klar werden über die Rolle des Kulturforums. Wir sollten uns nicht irren: Die Wertschätzung, die dieser Platz verdient, ist der Stadt noch nicht bewusst. Man muss sich darüber klar werden: Welche Bedeutung hat dieser Ort gegenüber der Museumsinsel? Welche Rolle spielt ein solches Kulturzentrum innerhalb der gesamten Stadtentwicklung in Berlin? In unserem Kopf existieren der Pariser Platz und der junge Potsdamer Platz, der Alexanderplatz und der Gendarmenmarkt – das Kulturforum nehmen wir eher als Brache wahr.

Dabei spielen natürlich die Philharmonie, Staatsbibliothek und Gemäldegalerie eine wichtige Rolle.

Ihretwegen geht man dorthin, nicht wegen eines „Kulturforums“. Deshalb ist jetzt die Verständigung mit diesen Anrainern, ihre Einbeziehung, besonders wichtig. Mein Eindruck ist, dass es dort noch keine Form einer gelebten „Platzgemeinschaft“ gibt. Institutionen wie die Gemäldegalerie oder die Philharmonie wollen, dass ihre Häuser gut zugänglich sind, sie fühlen sich aber nicht oder zu wenig, mitverantwortlich für den gemeinsamen Ort. Die Klärung steht aus, was die einzelnen Institutionen dort überhaupt wollen von so einem Ort, der ja „ihr“ Ort ist. Welche Ansprüche, aber auch welche Leistungsbereitschaft sie haben. Meine Überzeugung ist, dass sie allen Grund haben, nicht nur auf und in ihr Haus zu gucken, sondern auch aus dem Haus hinaus. Die Anrainer würden durch eine gelungene städtebauliche Planung ihren besonderen Platz zugewiesen bekommen. Ein gelungenes Kulturforum stellt auch die Gemeinschaft der Anrainer her.

Wie schätzen Sie selbst das Kulturforum ein?

Das Kulturforum spielt mit der Berliner Mitte, also der Museumsinsel und dem künftigem Humboldt-Forum, in der gleichen Liga. Das muss auch der Anspruch der jetzt anstehenden städtebaulichen Planung sein. Es ist ein vielfältigeres Kulturzentrum als die Museumsinsel – mit dem wichtigsten Konzerthaus Europas, den Museen, der Kirche, der Staatsbibliothek...

Hat die Philharmonie Pläne?

Auch deren Überlegungen sind schon seit einiger Zeit nicht statisch. Die Erneuerung der Nationalgalerie wird ebenfalls Bewegung bringen. Und nun die 200 Millionen Investition der Stiftung preußischer Kulturbesitz. Eine Situation wie jetzt gab es seit der Entwicklung des Kulturforums nicht auch nur annähernd. Was haben wir in den neunziger Jahren alles unternommen, um den weniger wichtigen Potsdamer Platz zu planen; auch für das Regierungsviertel rund um den Reichstag. Gleichwohl haben wir damals keine langen Planungszeiträume beansprucht. Ich traue den heutigen Planungspolitikern zu, ähnlich zügig voranzugehen, ohne die nötige Gründlichkeit zu vernachlässigen. Denn Berlin darf den nun möglichen Bau des Museums nicht auf die lange Bank schieben.

Das Geld für das Museum der Moderne ist da, aber für das Kulturforum...

Hier geht es um eine grundlegende Frage des Verhältnisses von Berlin und Bund. Der Bund hat sich gerade fähig gezeigt, im Verlauf von Haushaltsverhandlungen mit einem Schlag 200 Millionen zur Verfügung zu stellen. Sollte nun Berlin damit nicht umgehen können? Anders formuliert: Wenn Ihnen jemand 200 Millionen schenkt, können bis Sie sich dann leisten, den dafür nötigen Geschenkkorb nicht zu bezahlen (selbst wenn der nicht gerade billig ist) und lieber das Geschenk zurückzugeben? Am Ende habe ich keinen Zweifel daran, dass Berlin stark genug ist, seinen Beitrag zu leisten.

Sie meinen...

Dass es unvorstellbar ist, dass nach der unglaublich großzügigen Entscheidung des Bundes in Form der Museumsfinanzierung nun Berlin nicht in der Lage sein könnte, die nötige Planungsarbeit zu leisten, damit das Projekt auch wirklich zu realisieren ist: gewissermaßen das Geld „abzurufen“.

Zur Diskussion für das Museum der Moderne stehen als Standorte die Sigismundstraße und die Potsdamer Straße. Die Potsdamer Straße liegt vorne. Was ist der Vorteil dieses Grundstückes?

Unsere Präferenz ist tatsächlich die Potsdamer Straße. Wir sind uns da offensichtlich mit Monika Grütters und Hermann Parzinger einig. Das Kulturforum verdient nach unserer Auffassung einen inneren Platz. Und der innere Platz verlangt ein Formung gegenüber der Potsdamer Straße. Das ist mit dem neuen Museumsgebäude denkbar. Sehr wichtig ist darüber hinaus, das Kulturforum mit seinen zwei architektonischen Weltwundern hochzuschätzen. Die ja ganz unterschiedlichen Gebäude von Mies van der Rohe und Hans Scharoun, die Nationalgalerie und die Philharmonie, sind weltweit Nr.1-Gebäude der Architektur des 20. Jahrhunderts. Dort stehen sie in einer sichtbaren, erfahrbaren Beziehung zueinander. Das muss sich Berlin für die Zukunft bewahren.

Was wird mit der Piazzetta?

Das ist eine der Hausausgaben des städtebaulichen Wettbewerbs. Das Konstrukt wird sicherlich nicht als unantastbar in den Wettbewerb eingehen.

Wie könnte das Kulturforum so attraktiv werden wie die Museumsinsel?

Es soll auf keinen Fall eine zweite Museumsinsel werden! Die Spartenbreite des Kulturforums ist ungleich größer als auf der Museumsinsel. Da sind die großen, ja auch inhaltlich unterschiedlichen Museen. Aber dort ist noch viel mehr: die Philharmonie und der Kammermusiksaal, die Staatsbibliothek, dass Iberoamerikanische Institut, die Matthäikirche ...und Platz für weiteres. Da ist die besondere städtische Umgebung. Das Kulturforum wird gewichtig durch seine spezifischen, in dieser Gemeinsamkeit nirgendwo anders noch einmal zu findenden hochklassischen Besonderheiten. Aus dieser Erkenntnis, aus diesen Gründen für seine Unersetzlichkeit heraus muss es auch städtebaulich entwickelt werden.

Und was geschieht eigentlich mit dem Kulturforum während der Bauphase?

Berlin weiß: Eine Baustelle hat immer auch die Chance für eine „Schaustelle“. Die Zeit des Bauens kann auch eine Zeit des Ausprobierens, des Testens sein. Gerade am Kulturforum, wo ja die mangelnde Lebendigkeit allseits beklagt wird. Wir schlagen vor, dass dort ungewöhnliche Formate einer solchen Lebendigkeit auch in der Bauphase ausprobiert werden. Das sollten nicht nur Ausstellungen sein, auch dramatische Kunst wäre eine Möglichkeit für den offenen Außenraum. Wir reden dazu auch mit der freien Szene. Heute sind die woanders, in Kreuzberg oder Friedrichshain, das Kulturforum ist für die weit weg. Vielleicht fällt denen gerade deshalb etwas ein. Auch deren Augen müssen wir zu öffnen versuchen für das Kulturforum.