Sie geben ihr Bestes, die Halbfinalisten der Castingshow „The Voice of Germany“ 2014. Sie stehen auf einer riesigen Bühne in der O2 World und rocken und schmachten, tanzen und hüpfen was das Zeug hält. Sie geben so sehr ihr Bestes, dass es fast schon weh tut. Und das, wo es doch bereits um nichts mehr geht. Das Finale fand vor ein paar Wochen statt, die Gewinnerin steht fest: Charley Ann Schmutzler. Tolle Stimme, tolles Gesicht, toll blond. Jetzt aber gehen die letzten zehn Teilnehmer gemeinsam auf Stadion-Tournee. Da wird Einigkeit zelebriert. Jeden zweiten Song singen sie zusammen, verklumpen sich am Bühnenrand zu kuscheligen Gangs: „As long as we're together / there's no place I'd rather be“.
Doch nach dem Wettbewerb bleibt vor dem Wettbewerb. Musik ist Business, Arbeit, Einsatz, Fight. Nur so verdient man sich Ruhm und Erfolg. So was in der Art muss den jungen Talenten, die an diesem Abend ihre wirklich guten Stimmen und wirklich netten Gesichter präsentieren, eingeimpft worden sein. Immer wieder sprechen sie in Interview-Einspielern auf der Leinwand davon, wie viel Herzblut in all dem streckt. Dass sie ihren Traum leben. Dass diese Show die Chance ihres Lebens ist. Und es geht um Gefühle, um Passion, Momente, Gänsehaut. Und dass alles echt ist. Ein erstaunlich einfacher Nenner, gemessen daran, wie kompliziert die Auswahlprozedur erscheint, die diese talentierten Leute während der vierten Staffel der von Sat 1 und Pro 7 produzierten Show durchlaufen haben.
Es gibt Runden und Gruppen und eine Promi-Jury aus Coaches. Es gibt Clashes, Battles und Knockouts. Erst wird nur Gesang bewertet, dann auch Präsenz und Aussehen. Dann wird geprobt, angefeuert, gefeilt. Duette werden gesungen – eigentlich Duelle – und sogar ein eigener Song geschrieben. Ganz am Schluss bestimmt das Publikum, wer gewinnt. Die Rundum-Simulation eines Chart-Erfolgs also.
Kreativ sein? Für die Berühmtheit gern
Nur dass die Motivation, sich zum Casting anzumelden, eher das Berühmtwerden-Wollen zu sein scheint als der Drang danach, kreativ zu arbeiten. Oder besser: Beides lässt sich in diesem Wettkampfdenken nicht mehr voneinander trennen. Musik zu machen ist dann nichts anderes als den alten Tellerwäscher-zum-Millionär-Traum zu träumen. Marion Campbell etwa erzählt, vor einem Jahr noch habe sie in einem Hostel gearbeitet, die „echte Marion“ hätte da schon aufgegeben. „Und jetzt sitze ich hier. And I like it.“ Applaus.
Alex Hartung, der Eminem covert und dabei ein Eminem-T-Shirt trägt, berichtet, wie er sein Idol zum ersten Mal live gesehen hat, und dachte: „Geil, den kenn ich aus dem Fernsehen. Und da ist er. Da will ich auch hin.“ Nun kennt man Alex aus dem Fernsehen. Und was singt er? Eminem. Das macht er prima und bekommt Standing Ovations dafür. Etwas schräg bleibt das Ganze aber doch. Denn alles, was hier als Authentizität präsentiert wird, als Weg zum eigenen Selbst, ist bis ins Detail inszeniert. Jede Geste, jedes Timbre, jede Zeile, jeder Move. Alles bekannt. Und alles larger than life, laut und schnell, die inneren Regler am Anschlag. Als hätte jemand Angst, das Publikum könnte weiter zappen, selbst wenn es heut Abend gar nicht vorm Fernseher sitzt.
Lina Arndt liefert die wohltuende Ausnahme
Wohltuende Ausnahme von diesem Intensitätsbeschuss: Lina Arndt singt eine Piano-Ballade von Bonnie Raitt, mit kleiner Stimme, sehr jung und zerbrechlich: „I can't make you love me / if you don't“. Diese alte Weisheit mal wieder hören zu dürfen, aus dem Mund einer 18-Jährigen, ist schlicht anrührend. Sonst kommt man sich eher vor, als sähe man ein Musical über eine Castingshow – unterhaltsam, kurzweilig, perfekt gemacht. Die siebenköpfige Band: fehlerfrei. Alle Talente: wirklich talentiert.
Schade nur, dass sie durch eine Maschine gejagt werden, die von Anfang an weiß, wie am Ende alles klingen soll. Man möchte allen Voices of Germany jedenfalls nach dieser Tour erst mal ein Jahr Pause schenken, in dem sie um die Welt tingeln können. Oder zu Hause bleiben und auf einer alten Gitarre rumklimpern. Oder sonst irgendwas machen, das nichts damit zu tun hat, nonstop ihr Bestes zu geben.




