Ausstellung

Gropius-Bau zeigt Bilder der Fotografie-Ikone Walker Evans

Kein Mitleid, keine Beschönigung, keine Effekthascherei: Walker Evans präsentiert in seinen Schwarz-Weiß-Bildern die Öde und die Einfachheit der Amerikaner während der Großen Depression.

Foto: Walker Evans Archive,The Metr

Drei junge Frauen sitzen auf Stühlen, die mittlere ist verdeckt, die Frau im Vordergrund liest die Zeitung, die andere schaut ins Nichts, ihr Blick ist abwesend. Aufgenommen ist das Bild in der Ballet Theatre Company in New York 1945, offensichtlich während einer Probenpause.

Auf einem anderen Foto, wenige Jahre später aufgenommen, kommt eine Frau in den mittleren Jahren auf uns zu, in der rechten Hand die Einkaufstasche, sie trägt ein gepunktetes Kleid, eher missmutig schaut sie in die Kamera.

Fröhlich ist der Mensch nicht in der Welt von Walker Evans, ein lächelndes Gesicht, eine heitere Begebenheit schleicht sich nicht in die Retrospektive des amerikanischen Fotografen (1903 bis 1975) ein.

1938 waren seine Bilder im Museum of Modern Art (MoMA) in New York die erste Fotoausstellung, die es überhaupt im MoMA gab.

Was für ein Adelsschlag. Nicht nur für ihn, sondern auch für die Fotografie, die als Kunstform zu dieser Zeit nicht unbedingt und überall anerkannt war. 1971 wurde ihm die Ehre einer Ausstellung ein weiteres Mal zuteil.

Leere und Verlorenheit

Er hat die Welt bereist, Fotografien aus Tahiti, Kuba und London sind in der Ausstellung im Martin- Gropius-Bau, die am Donnerstag eröffnet, auch zu sehen. Aber im Gedächtnis wird er als der Künstler bleiben, der die Armut zeigte, gerade auf dem Lande, in den USA während der Großen Depression. Seine Schwarzweiß-Bilder zeigten die Öde und die Einfachheit der Amerikaner, nüchtern, ohne Mitleid, ohne Beschönigung, ohne Effekthascherei.

Bei Robert Frank, der mit „The Americans“ 1958 ein Standardwerk herausgab, spielten die Bilder mit dem Licht, sie zeigten auch Außenseiter. Robert Frank bot dem Betrachter eine Erzählung an. Nicht so bei Walker Evans. Er zeigt das Hier und Jetzt, den Moment. Er ist das einzige, was für ihn zählt. Er überlässt es, ganz Künstler, der Welt, wie sie ihn interpretiert.

Leere und Verlorenheit sind wohl die gängigsten Assoziationen. Die Menschen in den Porträts sind auf sich allein gestellt, aber auch die städtebauliche Fotografie zeigt das Einzelne, nicht das Ensemble. Bekannt ist das „Pabst Blue Ribbon Sign“, 1946 aufgenommen in Chicago. Die Werbetafel ragt an einer Straße auf. Von vorne betrachtet hätte sich der Betrachter auf die Werbebotschaft konzentriert, so wirkt die Reklame in ihre Monumentalität albern und unwichtig. Auch eine Holzhütte in Kanada zeigt die Ausstellung, fensterlos, umgeben von nichts anderem als Vegetation, erscheint wie der letzte Vorposten der Menschheit vor dem Ende der Welt.

Das Geheimnis der Fotografie, hat er 1971 in einem Interview gesagt, ist, dass „die Kamera den Charakter und die Persönlichkeit des Anwenders übernimmt“. Das ist insofern erstaunlich, dass auch er, der als dokumentarischer Fotograf gilt, um die Subjektivität seiner Bilder wusste. Bilder können lügen, das stand für ihn schon in den Tagen vor Photoshop außer Frage. Er hat damit zu Lebzeiten, das Unheil ahnend, all diejenigen ausgebremst, die ihn post mortem als Meister der sogenannten „authentischen, realistischen Fotografie“ Blumenkränze flechten wollten.

„Eine Kamera lügt fast immer“

Passiert ist es trotzdem, aber dafür kann er wirklich nichts. „Eine Kamera lügt fast immer“, hat Walker Evans gesagt. Es sei zwar nicht in Ordnung, dass eine Kamera lügt, aber dies liege außerhalb unser Kontrolle. Eine dokumentierende Glaubwürdigkeit hat die Fotografie genauso viel oder genauso wenig wie jeder Text. Walker Evans hat einen Ausschnitt einer Wirklichkeit geliefert, so wie er sie sah. Indem er in seinen Bilder jede Inszenierung unterließ, wurde seine Fotografien nicht realistischer oder gar wahrhaftiger. Denn wer würde behaupten, dass Inszenierungen nicht Teil der Wirklichkeit sind? Ihm war bewusst, dass er als sozialkritischer Künstler galt. Wohl war ihm bei dem Gedanken nicht. Er wollte nie die Welt verändern und die, die es aus seiner Generation versuchten, hielt er für „Vollidioten“.

Aber natürlich war Walker Evans ein Fotograf, der versuchte so etwas wie die Wirklichkeit aufzuspüren, zu erkunden, wie der Mensch unverstellt ist. In den 30-iger Jahren entstanden die „Subway Portraits“ in New York. Er fotografierte dabei die Fahrgäste in der U-Bahn mit einer versteckten Kamera.

Die Gesichter sind abwesend, die Menschen sind für sich allein, es könnten sich, sieht man mal von der Kleidung und den fehlenden Smartphones ab, um Bilder aus der heutiger Zeit handeln. So ist es dann auch: Die Ausstellung Walker Evans vermittelt ein Gefühl der Zeitlosigkeit. Der Mensch, auf ewig gefangen in den Zyklen der Krisen und Aufschwüngen und geübt, die Dinge, so zu nehmen, wie sie kommen.

Vorbilder Flaubert und Baudelaire

Walker Evans wäre ein ausgewiesen unprätentiöser Schriftsteller geworden, hätte er seine Laufbahn, die er 1923 mit einem Literaturstudium an der Pariser Sorbonne begonnen hatte, fortgesetzt. Seine Vorbilder waren Flaubert und Baudelaire, aber sein Stil als unangestrengter Chronist ähnelt doch sehr einem Autor wie Sinclair Lewis, wie er minutiös Tages- und Lebensläufe schildert. Walker Evans hat lange auch für das Wirtschaftsmagazin „Fortune“, von 1945 bis 1965, gearbeitet.

Er war Teil und Nutznießer einer Ära des großen Fotojournalismus, in der über das richtige Bild nicht die Kosten, sondern einzig die Qualität entschieden hat. Probiert hat er in späteren Jahren im Übrigen auch Farbfotografie, und er fand sie auch durchaus interessant. Aber eben nicht für ihn, er mochte das Grau in seinen Bildern, „ich bin ein grauer Mann“, hat er einmal gesagt. Und er klang dabei mit sich im Reinen.

„Ein Traumprojekt“ habe er nun verwirklichen dürfen, hat Museumsdirektor Georg Sievernich bei der Eröffnung gesagt. Er hat Oberwasser, „wir nehmen keine Rücksicht mehr auf die Ferien“, sagte er auf der Pressekonferenz, die Berliner seien zwar im Urlaub, aber dafür seien die Touristen in der Stadt. Egal, was in diesem Jahr noch kommen mag: Sein Museum ist das Museum des Jahres.

Im Erdgeschoss die kommerziell erfolgreiche Ai-Wewei-Ausstellung, im ersten Stock die atemraubende David-Bowie-Schau und nun im zweiten Stock Walker Evans, von dem hier über 200 Fotografien zu sehen sind. Es handelt sich dabei jedoch nicht um „eine große Retrospektive“, wie es auf der Pressekonferenz hieß, denn es fehlen nahezu alle Bilder, die Walker Evans berühmt machten. Die Ausstellung einer Ikone ohne Ikonen, wenn man so will.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7. Tgl. 10-20 Uhr. Ab 25. August, Mi-Mo 10-19 Uhr, Di geschlossen. Bis 9.11. Katalog: 29 Euro