Kino Babylon

Walter Felsenstein war schon immer ein Teamplayer

| Lesedauer: 6 Minuten
Yvonne Spanier

Foto: Buddy Bartelsen / impress picture/Buddy Bartelsen

Zur Erinnerung an den Gründer und Intendanten der Komischen Oper kommt seine Edition auf die Großleinwand im Babylon. Sein Sohn Christoph Felsenstein hält die Familientradition aufrecht.

„Felsensteins Musiktheater muss lebendig bleiben“, sagt sein Sohn Christoph Felsenstein über sein außergewöhnliches Projekt. Er bringt die legendären Inszenierungen seines Vaters Walter an der Komischen Oper auf die Großleinwand im Kino Babylon. Dazu zählen „Das schlaue Füchslein“, „Othello“, „Hoffmanns Erzählungen“, „Ritter Blaubart“ und der Opernfilm „Fidelio“ aus den 50er-Jahren, gedreht im damals noch russisch besetzten Wien. Was ihn antreibt, verrät er in einem Gespräch in seiner Wohnung in der Dahlemer Lentzeallee. Hier lebt er mit seiner Frau und Schauspieler-Kollegin Daphne Moore seit über 25 Jahren. Viele Erinnerungsstücke zieren die privaten Räume, darunter auch der opulente Regiestuhl von Walter Felsenstein. Das Schmuckstück aus schwarzem Leder wirkt fast schon wie ein Thron, gemacht für eine Persönlichkeit. Und das war Walter Felsenstein. Der Gründer und Intendant der Komischen Oper Berlin setzte Maßstäbe im Bereich der Opernregie. Er schuf einen neuen, revolutionären Opernstil und prägte damit den Begriff Musiktheater.

Kulturhistorische Zeitzeugen

Seinerzeit war Walter Felsenstein (1901–1975) höchst persönlich dabei, als die Opern bei den Defa-Studios und beim DDR-Fernsehfunk in den 60er- bis Anfang der 70er-Jahre verfilmt wurden. „Die Filme orientieren sich wie die Theaterstücke auch streng am Original“, erzählt Christoph Felsenstein, „diese Werke sind kulturhistorische Zeitzeugen und sollen auch einem jüngeren Publikum zugänglich gemacht werden.“ Der 68-Jährige hat die Berliner Geschichte hautnah miterlebt. „Die Kultur bestand auch zu Mauerzeiten fort – über die Grenzen hinweg. Die Theater- und Opernhäuser im geteilten Berlin tauschten sich aus und hielten auch in den schwierigen Zeiten zusammen.“

Der Österreicher Walter Felsenstein ging als Beispiel voran. In Wien geboren, in Graz studiert, begann er seine Laufbahn am Wiener Burgtheater. 1923/24 hatte er als Schauspieler sein erstes Engagement am Stadttheater Lübeck. Er arbeitete sich hoch zum Ersten Spielleiter des Schauspiels und der Oper und zum Ersten Dramaturgen am Stadttheater Freiburg, wurde Oberspielleiter der Städtischen Bühnen Köln, Frankfurt am Main und später am Stadttheater Zürich. 1940 kehrte er mit Hilfe von Heinrich George nach Berlin zurück, wo er zuerst am Schillertheater tätig war. Seine erste Offenbach-Inszenierung „Pariser Leben“ am Hebbel-Theater im Nachkriegs-Berlin sorgte für Aufsehen. Am 5. Juni 1947 überreichte die Sowjetische Militäradministration Walter Felsenstein im wiederaufgebauten Metropol-Theater die Lizenz für die „Komische Oper“. Damit begann die Ära Felsenstein.

Werktreue stand an erster Stelle

Als Intendant und Regisseur der Komischen Oper in Ost-Berlin wurde er zur Ausnahmeerscheinung. „Felsenstein stellte sich nie in den Vordergrund. Er war damals schon ein Teamplayer“, erinnert sich sein Sohn, der bereits als 12–Jähriger als einer der drei Knaben in Mozarts „Zauberflöte“ auf der Bühne der Komischen Oper stand. „Ich spielte mit 18 Jahren den Kobold Puck in der Oper ,Ein Sommernachtstraum’ von Benjamin Britten und habe für diese Rolle heimlich drei Jahre geprobt, bevor ich unter die strengen Augen von Felsenstein trat.“ Nicht zu Unrecht. Denn Walter Felsenstein war dafür bekannt, dass er von seinem Ensemble die Metamorphose, sprich totale Anpassung, verlangte. Sein einziges Ziel war die glaubhafte und überzeugende Darbietung. Bei ihm stand Werktreue – szenisch und musikalisch – an erster Stelle. Verständlichkeit war sein oberstes Prinzip, deshalb übersetzte er auch fremdsprachige Werke stets in die deutsche Sprache. Seine werktreuen Übersetzungen und Bearbeitungen werden noch heute an vielen Opernhäusern im deutschsprachigen Raum gespielt. Er überführte die opéra comique auf die deutsche Bühne.

Für sein Musiktheater opferte er alles. Walter Felsenstein selbst sagte von sich: „Ich mag den Felsenstein nicht. Ich verlange sehr viel – von mir und anderen.“ Ja, sein Sohn, der seinen Vater beruflich nur „Felsenstein“ nennt, kann dies bezeugen. „Die Probe war sein Leben, und er ließ nicht locker, bis seine Vorstellungen von den Sängerdarstellern genau so umgesetzt wurden, wie er es wollte.“ Felsenstein hat sein Ensemble geführt und gefordert. Er war nie zufrieden, denn er war der Meinung, dass Theater etwas Einmaliges sei und nicht wiederholbar. Jeder Abend war eine Premiere. Er probte meist ein halbes Jahr und schuf Werke, die fünfzehn bis achtzehn Jahre im Spielplan standen. Wer ihn allerdings verstand, blieb ein Leben lang an seiner Seite. Wie Irmgard Arnold, Hanns Nocker, Anny Schlemm, Rudolf Asmus, Werner Enders – um nur einige große Sängerdarsteller zu nennen.

Strenge Theaterprinzipien

Seine Nachfolger trugen schwer an diesem Erbe und versuchten oft vergeblich, seine Theaterprinzipien weiter durchzusetzen. „Deshalb freue ich mich sehr über den heutigen Erfolg des Hauses, der eng mit dem Intendanten Barrie Kosky verbunden ist“, betont Christoph Felsenstein, der neben seiner Schauspieler-Karriere noch Nautik studierte. „Mein Vater, zu dem ich ein sehr enges Verhältnis hatte, wollte, dass ich etwas Ordentliches lerne. Leider hat er es nicht mehr erlebt, dass ich als Kapitän 23 Jahre zur See gefahren bin.“ Lächelnd erläutert er, dass dieser Beruf auch etwas mit darstellender Kunst zu tun habe.

Walter Felsenstein war auch für seine anderen Söhne, Peter Brenner (aus erster Ehe) und Johannes Felsenstein, eine Leitfigur. Beide traten in seine Fußstapfen und waren als Opernregisseure erfolgreich. „Ich versuche, die Familien-Tradition, dazu zählen die Eigenschaften Engagement, Konsequenz und Zuverlässigkeit, weiterzuführen“, so Christoph Felsenstein. Er ließ das Sommerdomizil seines Vaters auf Hiddensee, wo er sich in den Theaterferien minutiös auf seine neuen Inszenierungen vorbereitete, und die Grabstätte seiner Eltern unter Denkmalschutz stellen und verwaltet das Erbe mit viel Liebe und Dankbarkeit. „Ich bin als Österreicher zwischen den Welten – Ost- und West-Berlin – groß geworden und konnte mit Freude die Wiedervereinigung miterleben. Mein Vater wäre darüber genauso glücklich gewesen wie ich.“

Foto: Buddy Bartelsen / Picture- alliance