Was geschah eigentlich am Tag danach? In der Komischen Oper kamen am Morgen des 10. November viele Mitarbeiter zu spät zur Arbeit. Einige waren noch im Rausch. Abends wurde Puccinis „La Bohème“ in der Inszenierung von Chefregisseur Harry Kupfer gezeigt. Der Saal blieb halb leer. Die Menschen hatten anderes im Kopf. Über Nacht hatte sich ihnen eine neue Welt eröffnet.

Regisseur Barrie Kosky, der heute im Intendantenzimmer residiert, ist ein gebürtiger Australier. Womit er zu jenen gehört, die von der großen Tradition des Hauses völlig unbelastet sind. Als er vor zwei Jahren sein Amt antrat, hat er auch erst einmal eine kleine Revolution angezettelt. Zumindest hat er am Sockel des Hausheiligen Walter Felsenstein gerüttelt. Was nicht einfach ist, alle seine Vorgänger haben es versucht. Der österreichische Theatermann Felsenstein hatte die Komische Oper 1947 buchstäblich aus den Trümmern auferstehen lassen. Während der Zuschauerraum noch der alte und inzwischen denkmalgeschützt ist, wuchs drumherum die neue Komische Oper auf. Sie ist heute das kleinste der drei Berliner Opernhäuser.

Ursprung des Regietheaters

Die Komische Oper entstand genau genommen auf den Trümmern des Metropol-Theaters. Aber von der plüschigen Operette und allem Showglamour hatte sich Felsenstein abgegrenzt und eine eigene Musiktheater-Tradition dagegengesetzt. Es war eine ästhetische Stunde null. Wenn heutzutage vom Regietheater die Rede ist, dann hat es seinen Ursprung in Felsensteins Haus. Der Regisseur verkündete eine neue Wahrhaftigkeit der Oper, einen Ensemblegeist – und nicht zuletzt sollten alle Opern in deutscher Sprache aufgeführt werden, damit jeder im Publikum den Handelnden folgen kann. Das hatte viel mit Bildungsvermittlung zu tun, auch mit dem sozialistischen Realismus.

Das aber passt so gar nicht zum Intendanten Kosky. Er hat die alte Operettentradition des Metropol-Theaters wieder ans Haus zurückgeholt. Auch die 100-prozentige Deutschsprachigkeit hat er aufgehoben. Heutzutage verfügt sowieso jedes Opernhaus über eine Übersetzungsanlage. Die Opern können also getrost in Originalsprache aufgeführt werden. Inzwischen hat der amtierende Intendant auch sein Herz für den Gründer entdeckt. Nachdem sich Kosky intensiv mit Felsensteins Werk und Schriften befasste und feststellte, dass der eine große Leidenschaft für die Unterhaltung hatte, steht dieser wieder fester auf seinem Sockel.

Als Mythos eignete sich Felsenstein schon immer. Ende der 60er-Jahre bin ich ihm, damals noch als kleiner Junge im Kinderchor, im Opernhaus begegnet. An den alten Herrn kann ich mich kaum erinnern. An seinen DDR-Mythos schon. Der ist leicht beschrieben. Einmal standen einige Chorkinder am Fenster und staunten hinunter auf den Parkplatz im Innenhof der Oper. Einer zeigte auf Felsensteins schicken Westwagen. Irgendwann raunte jemand, damit fahre er abends immer zurück nach West-Berlin. Sein Zuhause lag für uns Jungen in einer geheimnisvollen, weit entfernten Galaxie. Tatsächlich lebte Felsenstein in Glienicke/Nordbahn und wurde nach seinem Tod 1975 auf Hiddensee beerdigt.

Zur Wahrheit gehört, dass der Österreicher Felsenstein mit der DDR-Obrigkeit einen Deal ausgehandelt hatte. Danach konnte eine Reihe von Mitarbeitern täglich aus West-Berlin kommen, um an der Komischen Oper zu arbeiten. Sie erhielten Teile ihres Gehalts in D-Mark, den Rest in Ost-Mark. Andere Institutionen, gerade auch die Orchester der Stadt, waren vom Mauerbau überrascht worden und mussten sich teilweise neu aufstellen, weil die Musiker nicht mehr über die Grenze durften. Die Komische Oper wirkte dagegen schon immer wie eine Zwischenwelt. Künstler reisten zwischen Ost und West hin und her, wurden hochgejubelt und verdammt, manche blieben weg. 1970 hatte Felsenstein etwa einen DDR-Star als Sporting Life für Gershwins Oper „Porgy und Bess“ verpflichtet. Passend zu seiner coolen, zwielichtigen Rolle verteilte Manfred Krug hinter der Bühne gern Kaugummis an uns „Negerjungen“. Es beschwor die kleine, heile Opernwelt. Einige Jahre später verließ Krug, der auch gegen Wolf Biermanns Ausbürgerung protestiert hatte, die DDR. Die Erosion der Mauer hatte früh begonnen.

Der große Felsenstein-Schüler Joachim Herz übernahm Mitte der 70er-Jahre die Leitung. Er pflegte die Haustradition, quälte seine Leute und missfiel der DDR-Kulturpolitik. 1981 kamen Chefregisseur Harry Kupfer und der zuvor stellvertretende Kulturminister Werner Rackwitz ins Amt. Rückblickend heißt es im Haus, Rackwitz hätte künstlerische Freiräume geschaffen, andere sagen, er hätte nur politische Vorgaben durchgedrückt. Festzuhalten bleibt, dass es bis heute keine wirkliche Aufarbeitung der Wendezeit gibt. Spätere Intendanten haben immer nur nach vorne geschaut. Rackwitz ging Ende 1993 schließlich in den Ruhestand.

Die Besucher blieben fort

Harry Kupfer holte mit dem Bochumer Albert Kost den ersten Westdeutschen als Intendanten an die Komische Oper. In Berlin hatten inzwischen die Verteilungskämpfe begonnen. 1993 wurde das erste Mal in der Kulturpolitik öffentlich diskutiert, ob Berlin drei Opernhäuser brauche. Erst mit Gründung der Opernstiftung vor zehn Jahren endete diese Diskussion. Geopfert wurde dafür auch Tom Schillings Tanztheater an der Komischen Oper. Kupfers Nachfolger Andreas Homoki war derjenige, der als Regisseur begann, das Ostimage endgültig abzustreifen. Es hat teilweise zu dramatischen Einbrüchen bei den Besucherzahlen geführt, doch jetzt ist die Komische Oper wieder eines der meistbesuchten Häuser der Stadt.

Was am 9. November 1989 in der Komischen Oper an der Behrenstraße wirklich passierte, hat ein lange gefeierter Sänger hinterlassen. Auf dem Spielplan stand Glucks „Orpheus und Eurydike“, Countertenor Jochen Kowalski sang den Orpheus. Kurz vor seiner letzten großen Arie rief ihm ein Bühnenarbeiter aus der Gasse zu, dass die Mauer auf sei. Dann sang Kowalski jene berühmte Arie, die alle kennen als „Ach, ich habe sie verloren“. Was für eine unglaubliche Geschichte.