Museen

Bauhaus-Archiv wird saniert und bekommt Erweiterungsbau

Annemarie Jaeggi ist eine Museumsdirektorin im Glück: Das Geld für Neubau und Sanierung ist da. Das Konzept hat sie schon in der Schublade. Ein Besuch am Landwehrkanal.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Die Sanierung der Staatsoper wird am Ende rund 390 Millionen Euro kosten. Aber auch bei einer Summe von 56,3 Millionen Euro darf man „schon mal kurz den Atem anhalten“, findet Annemarie Jaeggi. Die Chefin des Bauhaus-Archivs hält gleich zwei Finger hoch, Daumen und Zeigefinger. Denn diese Kosten verteilen sich bei ihr auf zwei Häuser: auf den Neubau, der neben dem Bauhaus-Archiv am Landwehrkanal entstehen soll, und eben auf die Generalsanierung des denkmalgeschützten Gebäudes von Walter Gropius. Seit der Einweihung 1979 ist der Bau mit den extravaganten Scheddächern nicht mehr saniert worden.

So geht es auch der Neuen Nationalgalerie, 1968 eröffnet, weist die gläserne Ikone mittlerweile gravierende Mängel auf und muss komplett durchsaniert werden. Vergleichbare Projekte, meint Jaeggi. Bei Gebäuden der Moderne entsprächen 35 bis 40 Jahre dem normalen „Lebenszyklus“. Die damaligen Baustoffe und Materialien, oft auch Klima und Brandschutz, sind den heutigen Herausforderungen nicht mehr gewachsen. Auch im Bauhaus-Archiv soll „alles“ gemacht werden: die Fenster, ja, die ganze Außenhaut, Fußboden, Treppen.

Jaeggi ist dieser Wochen die Museumschefin im Glück: Das Geld ist endlich da – Land und Bund finanzieren das 56-Millionen-Projekt gemeinsam. Man könnte auch sagen: Kurz vor knapp kommt die Zusage – 2019 feiert das Bauhaus sein 100. Jubiläum im Verbund mit Weimar und Dessau. Spätestens dann muss das Haus neu aufgestellt sein.

Genau genommen arbeitet Annemarie Jaeggi seit ihrem Amtsantritt 2003 am Erweiterungsbau, deswegen holte man sie eigentlich ans Haus. Doch Klaus Wowereit hatte andere Lieblingskinder wie die Kunsthalle. Erst nach und nach, zuerst auf Bundesebene, schließlich in der Landespolitik, erkannte man die Wichtigkeit und Bedeutung des Projekts. Tim Renner hätte dann den Neubau sofort zu seinem Herzensprojekt gemacht, erzählt die Museumschefin.

Berliner Haus hat weltweit die größte Kollektion

Das Bauhaus, 1919 von Walter Gropius gegründet, ist Ikone: Es war Deutschlands berühmteste Kunst- und Designeinrichtung der Klassischen Moderne. Die dort entstandenen Arbeiten beeinflussen bis heute das Verständnis von Architektur und Design. Das Berliner Haus hat mit rund einer Million Exponaten – aus allen Bereichen – weltweit die größte Kollektion. Bekanntlich hatte das Museum von Anfang an zu wenig Platz für diesen Schatz, blieb ausstellungstechnisch unter seinen Möglichkeiten.

Das Konzept für den Neubau hat Jaeggi in ihrer Schublade. Derzeit sitzt sie an der Ausschreibung des Wettbewerbs, er soll noch in diesem Jahr abgeschlossen sein. Ein Jahr, rechnet sie vor, braucht es für die Baugenehmigung, all das Administrative und die Bauplanungsunterlagen. 2016 wird hart: Da läuft der Auszug der Sammlung aus dem Stammhaus – parallel zur Erweiterung. Gerade sucht sie nach einem Interimsdomizil für ihre Mitarbeiter und die Objekte.

Bauhaus war ein Seismograf der Zeit

Der Wettbewerb, findet sie, „ist das Spannendste am ganzen Prozess“. „Mit und neben Walter Gropius“ zu bauen, sei eine seltene Chance für einen Architekten. Freilich dürfte der Neubau das Stammhaus nicht in eine „Hinterhof-Situation“ bringen. Wie ein historisches Gebäude sollte er auch nicht aussehen, „das wäre falsch“, meint Jaeggi. „Wir wollen nichts adaptieren, die Zeit hat sich entwickelt, der Bau sollte hier und heute verankert sein.“ Das Bauhaus selbst sei ein Seismograf der Zeit gewesen, mit „Visionen für die Zukunft“. Von dieser Idee könnte auch der Erweiterungsbau inspiriert werden. Der Baubeginn folgt Ende 2016, „hoffentlich“, schiebt sie nach.

Die Chefin möchte keine baulichen Extravaganzen, sondern schlicht mehr Platz für die Sammlung mit Originalen. Für die Dauerausstellung hatte sie bislang 550 Quadratmeter. Wer sich an der Klingelhöferstraße einmal eine Präsentation angeschaut hat, weiß, wie eng die Halle werden kann, eng wie eine Puppenstube.

Im Neubau, dem „Museum für Gestaltung“, bespielt sie künftig 1400 Quadratmeter, das sind fast dreimal so viel wie heute. Schließlich kommen die Besucher – im Unterschied zu anderen Museen – bevorzugt wegen der Dauerausstellung, weil sie hier die Klassiker sehen können. Jaeggi möchte unbedingt ein poppiges Schaufenster für zeitgenössische Berliner Labels einrichten – Aktualität und einen Dialog vermitteln mit Design „made in Berlin“ neben der Bauhaus-Historie.

Weihnachtsshopping mit Ikonen

Im Stammhaus bleiben das Archiv, die Büros, der Studiensaal. Ins neue Gebäude werden das Café ziehen und der beliebte Bauhaus-Shop, der sich, an der Klingelhöferstraße sichtbar, stärker für Laufpublikum öffnet. Gute Idee, der toll bestückte Laden mit den kleinen und großen Bauhaus-Ikonen, darunter Lampen und Geschirr, ist nicht nur zum Weihnachtsshopping bei den Berlinern beliebt. Es ist schon vorgekommen, dass Angelina Jolie, Steven Spielberg oder einer der Rolling Stones an der Kasse standen und die Taschen fühlten.

Alles wird also größer, großzügiger, kompatibel dazu für Schulklassen, die einen Großteil der Besucher ausmachen. Ausgelegt sein wird das Museum für 175.000 Besucher im Jahr, zur Zeit zählt Jaeggi 120.000 Gäste im Jahr, Tendenz steigend. 83 Prozent, so die aktuellen Rechnungen, kommen aus dem Ausland, aus „aller Herren Länder“. Das Durchschnittsalter der jungen Besucher liegt bei 30 Jahren, davon träumen andere Museen. „Es gibt eben“, sagt Annemarie Jaeggi, „ein neues Bewusstsein für klassische Formen.“

Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstr. 14. Mittwoch bis Montag, 10-17 Uhr.