Am Montagmorgen um 9 Uhr stellt Berlins Regierender Bürgermeister den Mann vor, der das nicht unproblematische Erbe von Claus Peymann am erfolgreichsten Sprechtheater der Hauptstadt antreten soll. Die Einladung zur Pressekonferenz kam am späten Sonntagnachmittag, erkennbar ist das Bemühen, kurzfristig Fakten zu schaffen und nicht wochenlange Personalspekulationen anzuheizen.

In der Theaterszene gilt als gesichert, dass Luc Bondy Nachfolger von Claus Peymann am Berliner Ensemble wird. Und das wäre auch plausibel: Der Schweizer hat Leitungserfahrung etwa als Intendant der Wiener Festwochen, er hat am Haus häufig inszeniert, seitdem Peymann dort 1999 Intendant wurde, und er wäre stilistisch keine Zumutung für das Stammpublikum des bestausgelasteten staatlich geförderten Theaters in Berlin. Zuletzt hat Bondy dort 2013 Ödön von Horvaths „Don Juan kommt aus dem Krieg“ inszeniert.

Bondy hat den Stallgeruch der alten Berliner Schaubühne der Achtzigerjahre. Dort begann er seine Karriere und nach dem Publikum der Schaubühne, an der heute unter Thomas Ostermeier ein ganz anderer Stil gepflegt wird, und des abgewickelten Berliner Schiller-Theaters hat Peymann als Intendant immer gefischt.

Peymann hat die Bühnenkunst verändert

Claus Peymann ist eine der berühmtesten Gestalten, des in den Sechzigerjahren entwickelten Regie-Theaters. Zusammen mit Peter Stein und Peter Zadek hat er in den Siebzigern die deutsche Bühnenkunst verändert – zuerst als Intendant in Stuttgart, dann in Bochum und schließlich – bevor er nach Berlin ging – als Direktor des Wiener Burgtheaters. Dort waren sowohl er als auch sein langjähriger Dramaturg Hermann Beil als Übergangschefs im Gespräch, als in diesem Jahr der Intendant Matthias Hartmann wegen undurchsichtigen Finanzgebarens entlassen wurde.

Als Peymann 1999 in der deutschen Hauptstadt antrat, war gerade die Regierung von Bonn nach Berlin gezogen. Peymann verkündete damals, er wolle der „Reißzahn im Arsc“" der Mächtigen sein, ein Anspruch, den er nur bedingt einlösen konnte. Stattdessen wurde das Berliner Ensemble unter seiner Leitung zum Lieblingstheater bestimmter Teile des Berliner Bürgertums, aber auch von Touristen, die hier noch den Geist von Bertolt Brecht spüren wollten.

Brecht hat das Berliner Ensemble für die Ewigkeit geprägt. Auf ihn geht auch der heutige Name, der 1892 als „Neues Theater“ gegründeten Bühne zurück. Der Dichter und sein musikalischer Kompagnon Kurt Weill feierten im „Theater am Schiffbauerdamm“ (so hieß es seit 1925) 1926 einen Welterfolg mit der Uraufführung der „Dreigroschenoper“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Brecht aus dem Exil nach Ost-Berlin zurückkehrte, überließen ihm die Politiker 1954 nach einigem Hin und Her das Theater seines frühen Ruhms. Brecht sammelte hier ein junges Team aus Schauspielern, Regieassistenten und Bühnenbildnern und schuf mit ihnen bis zu seinem frühen Tode 1956 eine Reihe von Modellinszenierungen, die durch Gastspiele das Welttheater revolutionierten.

Bondy hat nur einen ernstzunehmenden Konkurrenten

Weitere prägende Gestalten im Berliner Ensemble waren Ruth Berghaus, die von 1971 bis 1977 versuchte als Intendantin der Musealisierung des Brecht-Stils entgegenzuwirken, und Heiner Müller, der das Haus nach der Wende von 1992 bis zu seinem Tode 1995 leitete, zunächst in einer „Viererbande“ u. a. mit Peter Zadek, dann allein.

Müllers Inszenierung von Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ mit Martin Wuttke wird heute noch gespielt. Der Dichter ermöglichte auch dem schwierigen Regisseur Einar Schleef, der seine Laufbahn zu Berghaus' Zeit im Hause mit Inszenierungen begonnen hatte, die bei den Ost-Berliner Theaterfunktionären Anstoß erregten, legendäre Arbeiten im Berliner Ensemble, darunter „Wessis in Weimar“ und „Herr Puntila und sein Knecht Matti“.

Außer Bondy gab es eigentlich nur noch einen erstzunehmenden Kandidaten für die Peymann-Nachfolge: Leander Haußmann, der ebenfalls zuletzt häufig im Berliner Ensemble inszenierte hatte, aber mit allzu blutigen Einlagen in seinem „Hamlet“ Teile des Stammpublikums verschreckte. Bondy wäre in gewisser Hinsicht der ideale Kandidat: Er ist ein gefälligerer Regisseur als Peymann, macht sich aber nicht – wie dieser gelegentlich – durch allzu schlichtes politisches Lautsprechertum lächerlich.