Berliner Ensemble

Harald Schmidt über Gert Voss - „Er hatte Starqualität“

Schauspieler Gert Voss ist im Sommer gestorben, im Berliner Ensemble wurde er mit einer Matinee geehrt. Kollegen und Freunde wie Harald Schmidt, Claus Peymann oder Lars Eidinger erinnerten sich.

Foto: HANS KLAUS TECHT / dpa

Er war ein Gigant: ein unerschöpflicher Figurenerfinder und wissender Komödiant. Eine Meinung, wie sie naturgemäß auch das Podium im Foyer des Berliner Ensembles beherrschte. Denn unter dem Titel „Gert Voss auf der Bühne“ wurde zum einen die Premiere des gleichnamigen Prachtbandes gefeiert, das mit fast 300 Fotos und oft berührenden wie erhellenden Texten vom Ausnahmekünstler erzählt. Zum anderen wurde Voss selbst geehrt – im Juli war er nach kurzer, schwerer Krankheit in Wien gestorben.

Eigentlich hätte Voss den Band selbst vorstellen sollen, den seine Frau Ursula zusammen mit der Akademie der Künste herausgibt, die sein Archiv besitzt. Von Thomas Bernhards „Einfach kompliziert“, seinem letzten großen Berliner Triumph, waren die Wiederaufnahmen längst geplant, erzählt Claus Peymann. Nun hängt die Krone aus der Inszenierung am Spiegelrahmen über dem Podest.

Die Matinee zeigt Filmausschnitte, die eine verblüffende Rollen- und Gestaltungsbreite zeigen zwischen „Richard III.“ und „Herrmannschlacht“, es gibt Vorträge, Angela Winkler, die zwei Mal mit Voss auf der Bühne stand, singt mädchenhaft anrührend ein dänisches Lied. Im Mittepunkt aber steht ein prominent besetztes Gespräch, für das die Diskutierenden ihre Holzstühle selbst aufs Podest hieven müssen: Flankiert von Hausherr Peymann und Chefdramaturg Hermann Beil erzählen Harald Schmidt, Schaubühnen-Star Lars Eidinger, Angela Winkler und Theaterhistoriker Klaus Völker von ihren Begegnungen mit Voss.

„Wir schwammen in Hellers Pool“

Schmidt etwa war seit Claus Peymanns Stuttgarter Intendanz Fan: „Man wartete darauf, dass er mal wieder die Sau rauslässt.“ André Heller hatte beide in sein Haus am Gardasee eingeladen, um einen Film über ihre Gespräche übers Theater zu drehen. „Wir schwammen in Hellers Pool“, erzählt Schmidt. Er gab uns rote Badehosen, die angeblich schon David Bowie getragen hatte.“ Auf Voss’ Auftritte habe man als Zuschauer gewartet, es war egal, was er spielte: „Er hatte Starqualität.“ Natürlich sei Voss ein Vorbild, erzählt Eidinger: „Er hat immer zutiefst ans Theater geglaubt, nie eine Figur vorgeführt, sondern sich mit seiner Figur als Mensch angreifbar gemacht.“ Auf der Schauspielschule habe man vor Voss gewarnt: „Der spielt alle an die Wand. Das stimmte auch, im positiven Sinn: Man musste sich fürchten, wenn man auf Sicherheit spielte, musste ganz wach sein. Bei Voss musste man mit allem rechnen.“

Stundenlange Telefongespräche über Rollen

Claus Beil zeichnet den Schauspieler als einen klugen Mit- und Vordenker, der stundenlange Telefongespräche über Rollengestaltung und Inhalte eines Stücks führte. Peymann wiederum erzählt davon, wie Voss ihm damals die Burgtheater-Intendanz rettete: Alle hatten ihm prophezeit, dass ihn die Wiener nach einem halben Jahr verjagen würden. Aber der Erfolg von Voss als Richard III. gab ihm Recht. Dabei musste Voss, als er bei Peymann in Stuttgart anfing, erst mal kleine Rollen spielen. „Mit ihnen hat er sein Handwerk so verfeinert, dass er aus diesen Mosaiksteinen später die großen Rollen zusammenfügte.“ Überhaupt die Rollen: Alle schwärmen davon, wie vielschichtig und vielgesichtig sie waren, wie wenig sich Voss auf einen Nenner bringen lässt.

So sind die zwei Stunden – ähnlich wie das Buch – eine reine Feier von Voss’ Genie, erstaunlich heiter, konsequent unkritisch. Und doch fügen sich die Puzzleteilchen zu einem schönen Bild dieses großen Schauspielers, ja, zu einem ganzen Kapitel deutschsprachigen Theaters. Schließlich gilt für alle Theatermacher, was Eidinger von Voss gelernt hat: „Theater hat nur eine Zukunft, wenn man daran glaubt und die Menschen dazu verführt, daran zu glauben.“