„West:Berlin“-Ausstellung

„Diese Stadt steht für das Wort Freiheit“

„West:Berlin – Eine Insel auf der Suche nach Festland“ heißt eine Ausstellung, die am Freitag im Ephraim-Palais eröffnet. Die Macher versprechen einen unverstellten Blick auf die einstige Mauerstadt.

Foto: Stadtmuseum Berlin | Foto: Ludw / Stadtmuseum Berlin/Ludwig Binder (2)

Dass gelegentlich Nostalgie aufkommen wird, ist wohl unvermeidlich. Viele werden ihre eigene Geschichte entdecken. „West:Berlin – Eine Insel auf der Suche nach Festland“ heißt eine Ausstellung, die am Freitag im Ephraim-Palais eröffnet wird. Die Ausstellungsmacher Thomas Beutelschmidt und Dominik Bartmann versprechen einen unverstellten Blick auf die einstige Mauerstadt. Und sie rechnen mit einem Besucheransturm.

Berliner Morgenpost: Gleich am Eingang haben Sie einen alten Ost-Berliner Stadtplan hängen, auf dem der Westen nur ein weißer Flecken ist. Wie war die Wahrnehmung umgekehrt?

Dominik Bartmann: Ich bin in Zehlendorf aufgewachsen und auf dem Teltower Damm standen immer Straßenschilder „Nach Teltow soundsoviel Kilometer“, obwohl man dorthin ja gar nicht kam.

Es gibt auch eine große Wand mit Fotos von West-Berliner Prominenten. Wonach haben Sie die ausgewählt?

Thomas Beutelschmidt: Wir haben sie beschriftet mit „Das Personal“. Es geht darum, noch einmal die Personen herauszustellen, die für die Stadt stellvertretend in Politik, Kultur und Sport wichtig waren. Oder auch die Atmosphäre der verschiedenen Milieus und Mentalitäten verkörpern. Die Auswahl ist sicherlich nicht repräsentativ, aber sie gibt einen guten Einstand in die Ausstellung.

Bartmann: Es gibt einige Ikonen, die im Gedächtnis bleiben werden. Etwa Ernst Reuter mit seinem berühmten Satz „Schaut auf diese Stadt“, Willy Brandt wegen seines weiteren politischen Wirkens …

Beutelschmidt: … und sicherlich auch Harald Juhnke.

Bartmann: Ja, das denke ich auch. Und Herbert von Karajan, auch weil seine Aufnahmen weiterhin zugänglich bleiben.

Beutelschmidt: In der Kunst bleibt Johannes Grützke. In der Oper Götz Friedrich. Gut, das ist schon sehr speziell. Aber die „Drei Damen vom Grill“ rund um Brigitte Mira sind sicherlich langlebig, weil man sie auch im Fernsehen hin und wieder mal sieht.

Bartmann: Das ist typisch für Berlin. Einerseits ist alles sehr in die Welt hinausgerichtet, andererseits auch sehr lokalbezogen. Ähnliches spiegelt sich in einem Raum für die Kunstentwicklung in Berlin. Da ist die abstrakte Farbfleckenmalerei des Tachisten Fred Thieler zu entdecken, als Gegenbewegung das fast Kiezhafte von Kurt Mühlenhaupt, der in den besseren Kreisen Berlins sehr angesehen war. Das ist etwas unglaublich Berlinisches, auch, weil es so gar keinen Bezug zu internationalen Entwicklungen hatte.

Wo kommt das Kiezhafte in Berlin her?

Bartmann: Ich glaube, weil Groß-Berlin immer polyzentrisch geblieben ist. Es liegt aber auch an der Bevölkerungsstruktur, in den stark bürgerlich oder proletarisch gebundenen Quartieren entstanden unterschiedliche Milieus. Das hat sich nach 1945 in der Teilung fortgesetzt. Wobei soziologisch gesehen immer nur die Hälfte Ur-Berliner sind, der andere Teil sind Zugereiste, wie man in der Stadt sagt. Berlin lebt vom ständigen Wechsel seiner Bevölkerung.

Beutelschmidt: Gerade in den 70er- und 80er-Jahren gab es viele Provinzler, die gerne nach West-Berlin wollten. Dazu kamen die vielen Wehrdienst-Flüchtlinge. Aber die Stadt hatte auch eine große Sogwirkung auf Intellektuelle und Künstler, die Hochschulen und die Kulturszene waren einfach gut aufgestellt.

Gab es so etwas wie den typischen West-Berliner?

Beutelschmidt: Nein, letztlich ging es immer um einen Selbstfindung, Selbstbehauptung. Heute wird sich jeder Besucher sein eigenes Bild von West-Berlin zusammensetzen.

Aber viele verstehen sich noch als West-Berliner?

Beutelschmidt: Das ist eine Crux für jeden Ausstellungsmacher. West-Berlin liegt so zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Es liegt noch in einem Zwischenraum. Und wir versuchen, einen Überblick über die Mentalitäten und Milieus zu geben.

Was hat dann Ihrer Beobachtung nach die Menschen verbunden, wofür stehen die West-Berliner?

Bartmann: Es gibt etwas, was die Ausstellung durchzieht und für West-Berlin steht: das Wort Freiheit. Wobei es unterschiedliche Freiheitsbegriffe gibt. Anfangs, als die Siegermächte zu Besatzern und schließlich zu Freunden wurden, ging es um die politische Freiheit. Das wandelt sich nach 1968 etwas. Der Freiheitsbegriff ist dann von der jüngeren Generation anders verstanden worden. Auch von den Touristen. Berlin kannte keine Sperrstunde.

Beutelschmidt: Wir haben einen Ausstellungsraum deshalb Freiheiten und Freiräume genannt. Dazu gehört eben auch der Kampf um Tempo 100 auf der Avus. Man wollte sich die Freiheit auch auf einer kurzen Autobahn bewahren. Freie Fahrt für freie Bürger.

West-Berlin verkörperte auf der einen Seite etwas Kleinbürgerliches, auf der anderen Seite so eine große Toleranz.

Beutelschmidt: Die Faszination war, dass hier jeder sein Lebensmodell entwickeln konnte. Auf einem geringen ökonomischen Niveau. Die Szenen haben eine unglaubliche Dynamik bis Ende der 80er-Jahre entwickelt. Kreuzberg ist das beste Beispiel.

Wenn man sich auf der Prominentenliste am Eingang noch Heinrich Lummer und Fritz Teufel hinzudenkt, fragt man sich, ob es früher mehr provokante Typen gab?

Beutelschmidt: Das ist doch eine allgemeine Entwicklung, dass in der Politik eine neue Generation von Technokraten gefragt ist. Es geht darum, wer die größte Verlässlichkeit und Sicherheit vermitteln kann. So gesehen hat man sich vom alten bürgerlichen Politikbegriff entfernt. Aber in der Kultur und im Sport gibt es die Typen noch.

Wer von den Alliierten war am einflussreichsten?

Bartmann: Natürlich die Amerikaner, allein schon von der Stärke und Größe her. Durch den Marshallplan sind viele Mittel nach West-Berlin geflossen. Die Freie Universität, die Amerika-Gedenkbibliothek oder auch die Kongresshalle sind mit US-Geldern erstellt worden.

Beutelschmidt: Die Franzosen waren durch den Krieg selber hilfebedürftig. Borsig war zweimal demontiert worden. Die Sowjetunion hat als Wiedergutmachung gleich nach Kriegsende Tabula rasa gemacht. Das Werk wurde mühsam wieder in Gang gesetzt. Dann kamen die Franzosen und haben es noch einmal demontiert. Die Amerikaner hatten einfach kein Interesse daran. Sie wollten die Stadt durch eine funktionierende Marktwirtschaft vom planwirtschaftlichen System der Sowjetunion abkoppeln.

Der Ost-Berliner Regisseur Leander Haußmann hat vor Kurzem in einem Interview zu einem West-Berliner gesagt: „Ihr seid ja selber eingesperrt gewesen.“ Hat er Recht mit der Beobachtung?

Bartmann: Nun, man konnte nicht verloren gehen. Aber West-Berlin war räumlich schon sehr groß, umfasste rund zwei Drittel der Stadt. Man konnte wandern im Tegeler Forst, am Kudamm shoppen, in Kreuzberg feiern. Und nach dem Transit-Abkommen war es auch leichter, nach West-Deutschland zu kommen.

Ende der 80er-Jahre hatte man das Gefühl, auch West-Berlin sei am Ende angekommen?

Beutelschmidt: Es war erschöpft. Durch die Friedliche Revolution im Osten wurde auch der Westen aus seiner Stagnation befreit. Es war bereits alles durchgespielt: die Schwullesben-Szene, die Alternativbewegung, Ökotopia …

… und Techno und Rave kamen mit dem Fall der Mauer.

Beutelschmidt: Deswegen hören wir in der Ausstellung mit dem 9. November auf. Das war der Anfang vom Ende West-Berlins. Aber wir werden keine Trauerarbeit leisten. Und nichts verklären, sondern aufklären.

Was ist das wertvollste Ausstellungsstück, ein Unikat?

Beutelschmidt: Wir zeigen eine der seltenen Goldmedaillen, die ein West-Berliner bei der Olympiade gewonnen hat. Sie gehört dem Segler Willi Kuhweide, dem „Jungen vom Wannsee“.

Ephraim-Palais / Stadtmuseum Berlin, Poststr. 16, Mitte. Di, Do-So. 10-18, Mi 12-20 Uhr Vom 14.11. bis 28.6.

Foto: Amin Akhtar