Hausbesuch

Wein, Empanadas und Gesang helfen gegen Heimweh

Zu Hause bei Álvaro Zambrano herrscht meistens südamerikanische Lebensfreude. Dazu zählt viel Musik aus Chile. Der 27 Jahre alte Tenor vermisst sein Heimatland und die Familie.

Foto: Christian Kielmann

Sollte Álvaro Zambrano einmal verschlafen, wäre das nicht weiter schlimm. Der Chilene könnte sich quasi aus dem vierten Stock fallen lassen, er würde praktisch direkt vor dem Haus seines Arbeitgebers landen: Die Deutsche Oper Berlin liegt auf der Straßenseite gegenüber. Seit der Saison 2013/14 ist der ehemalige Stipendiat nun festes Ensemble-Mitglied und wird später noch Folgendes zu Protokoll geben: „Manchmal schaue ich vor einer Premiere aus dem Fenster und bekomme Gänsehaut!“

Aber von vorne. Heute lädt der 27-jährige Tenor zum Hausbesuch in seine Charlottenburger Wohnung. Zunächst glaubt man allerdings an der falschen Adresse angekommen zu sein, auf allen Klingelschildern steht das Wort „Steuerberater“. Außer auf einem. Dort steht Zambrano, aber noch bevor ich klingeln kann, schallen mir bereits lateinamerikanische Klänge und ein „Guten Aaaaabend! Ich bin Álvaaaaro!“ entgegen.

Abends fühlt sich kein Nachbar gestört

Der Sänger, der 2009 nach Deutschland kam, ist eher schmächtig und offenbar stolzer Besitzer eines ansteckenden Lachens. Außerdem scheint er Gedanken lesen zu können. Noch bevor ich ihn auf seinen gewählten Lebensraum ansprechen kann, sagt er bereits: „Ich wohne in einem Steuerberater-Haus, damit ich abends immer üben kann.“ Das muss der gefragte Sänger auch, aktuell laufen die Proben für „Der Liebestrank“ – er singt den Nemorino. „Eine meiner Traumrollen“, freut sich Zambrano und summt vor sich hin. „Aber mein großes Ziel ist es, den Alfredo in ,La Traviata’ zu singen.“

Zambrano trägt – typisch Tenor? – einen schmalen Schal und führt mich ins Wohnzimmer. Seine Wohnung ist bescheiden eingerichtet, aber gemütlich, den Mittelpunkt bildet ein schwarzes Piano. Bis zu seinem 18. Lebensjahr studierte Zambrano Klavier, schon als Kind bekam er ein Stipendium für besonders talentierte Nachwuchsmusiker. „Doch dann hatte ich zwei Unfälle.“ Sein Lachen verstummt und er lauscht einen nachdenklichen Augenblick lang der Klaviermusik. Er rollt seinen Pullover hoch und eine große Narbe kommt zum Vorschein. „Einmal beim Skaten und einmal beim Fußballspielen!“ Ja, Álvaro Zambrano ist kein typischer hochsensibler Tenor, der im Leben auf alles, was Spaß macht, verzichtet. Eher ein wild child und auf jeden Fall ein Bon viveur. „Ich liebe das Leben und ich liebe es, zu feiern!“, sagt er und zuckt dazu fast entschuldigend mit den Schultern. Und wenn man jetzt denkt, dass Opernsänger keinen Tropfen Alkohol zu sich nehmen – weit gefehlt. Auf Zambranos Wohnzimmertisch steht eine Schüssel, gefüllt mit Weinkorken. „Die Flaschen habe ich alle selbst geleert!“, sagt er und zwinkert mir zu. Innerhalb welchen Zeitraumes, verschweigt er lieber.

Der beste Kumpel als Mitbewohner

„Das kann ich bezeugen!“, ist eine freundliche Stimme auf dem Gang zu hören. Zambranos bester Freund und Mitbewohner Sergio Gonzalo, genannt Chalito. Die Gastgeber geben sich ein „High Five“, sogleich hat Chalito die Gitarre in der Hand und Zambrano schnappt sich sein Akkordeon. Es folgt ein Ständchen für die Götter – ein ganz normaler Tag im chilenischsten Haushalt Charlottenburgs.

Nach seinem Unfall entschied sich Zambrano für eine Sängerkarriere, bekam ein privates Stipendium von seiner Gesangslehrerin Ahlke Scheffelt, die ihn fünf Jahre lang unterstützte und für ihn noch heute eine Art Mutterfigur bildet. „Sie war es, die mir sagte, dass ich in Deutschland studieren soll. Das habe ich getan.“ 2009 packte Zambrano seine Koffer und ging nach Freiburg, obwohl er damals weder Deutsch noch Englisch sprechen konnte. „Es war eine harte Zeit, aber dann habe ich den Freiburger Dialekt gelernt!“ sagt er lachend und beweist sogleich sein Können. „Joa, so schaut’s aus!“. Und wieder dieses wundervolle Lachen, das auch auf der Bühne alles überstrahlen kann. Gerade war Zambrano in der Tischlerei-Produktion „In Transit“ zu sehen und zu hören, alles dreht sich darin um die Themen „Heimat“ und „Heimweh“.

Eltern sahen ihn noch nie auf der Bühne

Wer könnte das besser verstehen als Zambrano. Sein Schlafzimmer ist mit Familienfotos tapeziert, ansonsten steht lediglich ein weißes Bett im Raum. Stolz zeigt der Chilene mir seine Mutter, eine Hausfrau, seinen Vater, einen Minenarbeiter, und seine zwei kleinen Brüder. Eine opernaffine Familie? „Nein, ich habe überhaupt keinen musikalischen Background“, sagt der Sänger. „Ich habe keine Ahnung, wie ich auf die Idee kam, Opernsänger zu werden. In Chile gibt es so etwas kaum. Aber mein Vater hat sehr früh mein musikalisches Talent entdeckt und gefördert, mir ein Stipendium verschafft, und dann hatte ich keine Wahl. Ich bin ihm sehr dankbar.“

Er kann sich glücklich schätzen, wenn er seine Familie einmal im Jahr sehen kann und die Augen werden ihm wässrig, wenn er davon erzählt. „Meine Eltern haben mich noch nie auf der Bühne gesehen.“ Chalito sei jetzt seine Familie und wenn das Heimweh zu schwer zu ertragen ist, veranstalten die beiden Freunde ihre berühmten chilenischen Abende, kochen Empanadas und trinken guten Wein. Richtig berühmt seien die beiden für ihre Partys, gestehen sie lachend und werfen sich dabei verschwörerische Blicke zu. „An die letzte erinnere ich mich kaum!“, bricht es aus Chalito heraus. „Ich weiß nur noch, dass diese wunderschöne Opernsängerin hier war und am nächsten Tag einen Engländer geheiratet hat! Seitdem ist mein Herz gebrochen!“ Erneut das ansteckende Lachen, aber nun reicht es Zambrano und er verbannt den Freund flachsend aus dem Zimmer. Der junge Tenor ist nicht nur mit seiner tollen Stimme gesegnet, er spielt neben Klavier auch noch Bass und Akkordeon. „Und natürlich Gitarre“, beeilt er sich hinzuzufügen. „Wenn man nicht Gitarre spielt, wird einem der chilenische Pass entzogen!“

Sängerinnen sind manchmal Spielverderber

Trotz seiner vielen Engagements rund um den Globus ist Zambrano ein Zuhause äußerst wichtig. „Eine Wohnung muss ein Zuhause sein und nicht nur eine temporäre Station“, sagt er. „Ich koche wahnsinnig gerne, schaue viele Serien und mache zu Hause mit meinen Freunden Musik.“ Morgens, wenn Álvaro Zambrano aufsteht, dreht er als erstes laute Salsa-Musik auf und macht sich einen starken Kaffee. Auch seine Kollegen aus der Deutschen Oper Berlin kommen gerne in die fröhliche WG. „Wir trinken dann einen guten Tropfen und diskutieren“, sagt er. „Nur die Sängerinnen sind manchmal Spielverderber, die passen immer so furchtbar gut auf ihre Stimmen auf!“

Beim Abschied fällt mein Blick auf eine Dart-Scheibe, auf der ein Foto klebt. Zambrano selbst! Bevor ich es wage, eine küchenpsychologische Interpretation dieser Installation zu beginnen, drückt mir der Tenor einen Dartpfeil in die Hand. „Los, schieß auf mich!“ Also gut. Ich treffe die Wand und bemerke, dass sie bereits vollkommen durchlöchert ist. Zambrano lacht erneut triumphierend: „Das liegt daran, dass mich nie jemand trifft!“ Er setzt selbst zum Schuss an. „Bis jetzt hat mich nur eine Person getroffen – und das war ich selbst!“

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