Kommenden Donnerstag ist es genau ein Jahr her, dass der Zoo Palast in der neuen City West wiedereröffnet wurde. Ein Jahr mit großen Filmen und großen Premieren in den schönsten Kinosälen der Stadt. Zum Einjährigen ist keine große Feier geplant. Aber mit den Mitarbeitern wird der Kinobesitzer Hans-Joachim Flebbe schon an stoßen. Wir trafen den 63-Jährigen vorab. In der Zoo Loge. Weil er kein eigenes Büro in seinem Kino hat.
Berliner Morgenpost: Herr Flebbe, wie sieht Ihre Bilanz aus nach dem ersten Jahr des neuen Zoo Palastes?
Hans-Joachim Flebbe: Wirtschaftlich gesehen haben wir fast genau das erreicht, was wir uns vorgenommen hatten. Wir konnten über 550.000 Besucher begrüßen, dazu wurden zahlreiche Premieren und Sonderveranstaltungen gebucht. Wir müssen dabei allerdings aufpassen, dass wir unser Stammpublikum nicht verprellen, da an diesen Tagen die Kinos für das Kinopublikum geschlossen sind. Aber ein roter Teppich ist natürlich auch für uns attraktiv. Und wenn Ben Stiller oder Rosamund Pike hier ihre Premiere feiern und begeistert über den Saal berichten, dann ist das etwas sehr Schönes.
Das sind nicht nur Höflichkeitsfloskeln?
Tatsächlich nicht. Simon Pegg etwa hat bei uns „Hectors Reise“ vorgestellt und sollte am nächsten Tag im Morgenmagazin über den Film sprechen. Stattdessen hat er erst mal nur von unserem Kino geschwärmt, von dem Vorhang und dem Wasserfall. Das kannte er nicht, er war ganz begeistert. Das war also auch für ihn etwas Besonders. Meine Frau war gerade in London bei der Premiere vom neuen „Tribute von Panem“-Film in einem großen Theater am Leicester Square, das auch die Queen besucht. Da erwartet man doch ein ganz außergewöhnliches Filmtheater, es war nur ein ganz einfaches Multiplexkino. Auch für Filmemacher ist also ein altehrwürdiges Premierenkino wie der Zoo Palast etwas Besonderes.
Laufen Sie, was Filmpremieren angeht, dem Sony-Center den Rang ab?
Nein, nicht wirklich. Wir hatten schöne Premieren im Zoo Palast. Das freut uns natürlich. Aber ich war gerade bei der Premiere von „Die Mannschaft“ im Sony-Center. Das war eine wunderbare Premiere. Die Mannschaft war komplett anwesend, zum Anfassen, alles sehr umgängliche Typen. Und der rote Teppich dort ist einfach schwer zu toppen. Diese überdachte Meile mit den Fans drumherum, das können wir noch nicht bieten. Der DFB wollte eigentlich den Zoo Palast buchen, weil sie den Saal viel schöner finden und auch mehr Gäste im größten Saal der Stadt Platz haben. Aber leider können wir vor dem Zoo Palast nicht so viel Platz für die Fans bieten wie das Sony-Center. Auch ein „Hobbit“ wird deshalb wieder im Sony-Center Premiere feiern. Aber wir können nicht überall dabei sein.
Wirklich nicht? Wie ist es mit der Berlinale? Ist es nicht ein Fernziel, noch mehr Festival in den Zoo Palast zu bekommen?
Das wäre natürlich schön. Aber darauf haben wir keinen Einfluss. Ich weiß, dass der Zoo Palast gut ankommt. Natürlich würden wir gern Wettbewerbsfilme zeigen. Aber gegen das Musicaltheater mit 1800 Plätzen kommen wir nicht an. Und auf das Terrain Potsdamer Platz mit dieser Dichte an Kinosälen wird Dieter Kosslick nicht verzichten können. Die Berlinale hat längst eine solche Größe erreicht, für die der Zoo Palast nicht ausreichen würde.
Sie haben vor einem Jahr prophezeit, Sie wüssten schon nach drei Stunden, ob Sie Champagner oder Wasser trinken. Wie kann man so etwas so schnell wissen bei einem Kino?
Das ist wie bei einer Filmpremiere. Wenn Sie einen neuen Film starten, bangen alle Beteiligten vor der ersten Vorstellung. Danach wissen Sie, ob er erfolgreich sein wird oder nicht. Das ist bei einem neuen Kino genauso.
Was hätten Sie im Wodka-Fall gemacht? Den Zoo Palast wieder dicht gemacht? Zum Parkhaus umgebaut?
Ein Misserfolg wäre schon fatal gewesen. Wir mussten alle mehr Geld investieren, als wir geplant hatten. Der Aufwand für die Renovierung eines denkmalgeschützten Gebäudes ist mit dem für einen Neubau nicht zu vergleichen. Aber ich hoffe, dass es sich am Ende auch auszahlt. Ein Neubau wäre billiger gewesen. Doch die Frage stellte sich nie. Mit dem Zoo Palast verbinden viele Berliner persönliche Erinnerungen und haben emotionale Bindungen. Das war schon bei den Bauhandwerkern so. Daher war es zu erwarten, dass das Kino Erfolg hat. Es gab eine enorme Erwartungshaltung. Da war es eher das Problem, ob man diese Erwartungen erfüllen kann.
Das ist offenbar gelungen.
Wir sind sehr zufrieden. Es gibt nichts Negatives zu berichten. Wir haben keine störenden Besucher, es gab keine Streitigkeiten.
Worüber niemand spricht, sind Schlägereien im Kino.
Das kommt schon mal vor, aber nicht bei uns. Wenn wir Störer im Saal haben, Besucher, die während der Vorstellung telefonieren zum Beispiel, werden sie ermahnt. Das funktioniert meist. Wenn nicht, bitten wir sie, hinauszugehen und erstatten ihnen das Eintrittsgeld zurück, wenn sie gehen. Die einzigen aufregenden Vorfälle, die wir hatten, geschahen, als „Der Medicus“ lief. Da mussten wir leider mehrfach den Notarzt rufen, weil einige Zuschauer die drastischen Operationsszenen nicht vertrugen.
Gibt es noch etwas, an dem Sie noch arbeiten müssen?
Ja, an unseren Logenstühlen. Wir hatten einen Prototyp eingebaut, in dem man sich mit eigener Körperkraft schön zurücklehnen kann. Der Zoo Palast ist das erste Kino, das dieses Modell gewählt hat. Für Normalgewichtige ist es kein Problem. Wer aber zu viel wiegt oder zu leicht ist, kommt nur schwer wieder aus dem Sitz. Daran arbeiten wir noch. Bis zur Berlinale haben wir das Problem hoffentlich gelöst.
Vom Zoo Palast zur Astor Film Lounge sind es nur ein paar Gehminuten. Machen Sie sich da nicht selber Konkurrenz mit zwei Premiumkinos auf so kurzer Strecke?
Ja, ein bisschen schon. Im Astor sind die Besucherzahlen auch etwas zurückgegangen. Was aber nicht unbedingt nur am Zoo Palast liegt. Wir haben zum Beispiel „Monsieur Claude und seine Töchter“ nicht von Anfang an spielen können, obwohl der Film genau das Zielpublikum im Astor anspricht. Mit diesem Film hätten wir dieselben Besucherzahlen wie im Vorjahr erreicht. Aber auch wir sind an Verleihverträge gebunden.
Gibt es den klassischen Astor- und den klassischen Zoo Palast-Besucher?
Das kann ich noch nicht sagen. Der Zoo Palast-Besucher ist etwas jünger. Hier zeigen wir auch mehr Mainstream-Filme. Aber man kann sich auch irren. Anfang des Jahres warteten einige ältere Herren in der Zoo Loge auf den Beginn ihrer Vorstellung. Als unsere Mitarbeiterin sie informierte, dass „Der Medicus“ nun starte, erwiderten sie: „Nein, nein. Wir wollen in ‚Fack ju Göhte’. Wir sind pensionierte Lehrer und wollen sehen, wie es heute in der Schule zugeht.“ In den Zoo Palast kommen auch viele Neugierige, die das neue Haus noch nicht kennen. Und natürlich Touristen, die vom Zoo Palast gehört haben.
Da Sie von Touristen sprechen: Ziehen Sie je in Erwägung, in einem der Kinosäle nur Originalfassungen mit Untertitel zu zeigen? Um auch das ausländische Publikum zu gewinnen?
Das ist schwierig. Wir spielen Originalfassungen in den Spätvorstellungen, was natürlich nicht ausreicht. Aber wir haben halt nur sieben Kinos und können schon jetzt nicht alle Filme zeigen, die uns angeboten werden. Deshalb können wir nicht einfach einen Saal nur mit OmU bespielen. Es ist schon schade, dass der Zoo Palast nur 7 Säle hat. Das Grundstück ist nun mal nicht größer, wir können daran nichts ändern. So stoßen wir oft an unsere Grenzen.
Der Zoo Palast ist das Zuckerstück des neuen Berlin-West. Hat es da wirklich eine Renaissance gegeben? Oder ist das Bikini-Haus nicht doch oft ziemlich leer?
Für mich war Berlin-West nie leblos. Aber es ist wirklich so etwas wie eine Aufbrauchstimmung zu spüren, und ich denke, dass der Zoo Palast seinen Anteil dazu beigetragen hat. Das Bikini-Haus wird sich durchsetzen. Es ist ja auch ein sehr mutiges, reizvolles Konzept. Eine Erfolgsstory ist jetzt schon das 25hours Hotel mit der Monkey Bar.
Sie sind der Vater der Premiumkinos. Wie viele haben Sie eigentlich?
Die Astor Film Lounge in Berlin war das erste. Dann kamen Kinos in Köln, Frankfurt und im Münchener Hotel Bayerischer Hof dazu und natürlich der Zoo Palast. Wir bauen zurzeit in Hannover mein erstes Großkino, das wir 1991 eröffneten, zu einem Premium-Multiplexkino à la Zoo Palast um. Damit bin ich seit über einem Jahr, also seit der Eröffnung des Zoo Palast, beschäftigt.
Das war Ihr allererstes Cinemaxx-Kino. Ist das jetzt eine Genugtuung für Sie, dass Sie das jetzt zurückbekommen?
Naja, einige Emotionen sind schon damit verbunden. Das Hannoveraner Kino war ja das erste Multiplexkino der von mir gegründeten Cinemaxx-Kinogruppe. Nachdem ich 2008 als Vorstand ausgeschieden bin, habe ich mich auf den Ausbau der Premium-Kinokette konzentriert. Als ich jedoch die Gelegenheit bekam, die Immobilie in Hannover zu kaufen, habe ich zugegriffen. Wir haben das in die Jahre gekommene Großkino mit sehr viel Aufwand zum ersten Premium-Multiplexkino umgebaut und werden am 3. Dezember die Eröffnung feiern. Es ist für uns sehr spannend zu sehen, wie die Besucher in Hannover darauf reagieren und auch unsere Branche ist gespannt. Ich persönlich werde dann jedoch etwas kürzer treten.
Das sollen wir Ihnen glauben?
Klar. Ich habe zwar noch Projekte in Hamburg, Stuttgart und Wiesbaden. Aber das sind kleinere Häuser, vergleichbar mit der Astor Film Lounge am Ku’damm.
Andere Kinobetreiber ziehen jetzt nach. Auch die Cinemaxx-Kette rüstet ihre Säle auf. Wird sich zu viel Luxus nicht gegenseitig kaputt machen?
Nein, zu viel Qualität kann doch nie schaden. Im Gegenteil, das Ansehen der Branche bzw. der Kinos wird insgesamt gesteigert. Ziel muss es doch in Zeiten von Netflix und anderen Anbietern sein, die Attraktivität eines Kinobesuchs herauszustellen.Im Übrigen darf man nicht übersehen, dass die Qualität der deutschen Multiplexe im internationalen Vergleich sehr gut ist. In anderen Ländern, in denen die großen Ketten zu internationalen Konzernen gehören, steht das Geschäft im Vordergrund und nicht die sentimentale Liebe zum Kino oder zum Film. Wenn wir Vorreiter sind für einen neuen Kinotyp, freut mich das. Ich bin davon überzeugt, dass wir mit Qualität und Service verloren gegangene Publikumsgruppen für das Kino zurückgewinnen können.
Planen Sie etwas Besonderes zum Einjährigen? Wird das irgendwie gefeiert?
Nein, aber wir werden mit unseren Mitarbeitern auf das Ergebnis anstoßen.
Gab es einen Lieblingsgast?
Ben Stiller. Ein sehr netter, unkomplizierter Filmstar und auch der erste, der bei uns eine Premiere gefeiert hat. Als er so begeistert von dem Kino war, habe ich ihn jedenfalls sofort ins Herz geschlossen.
Und der Gast, auf den Sie am liebsten verzichtet hätten?
Den gibt es auch, das kann ich aber nicht verraten.
Sie haben immer noch keine Wohnung in Berlin. Müssten Sie nicht längst eine Zweitbleibe hier haben?
Das würde sicher vieles einfacher machen. Berlin ist neben Hamburg auch ganz klar meine Lieblingsstadt. Ich sehe mich auch schon um. Vor ein paar Jahren war es deutlich günstiger. Mein Fernziel ist es, demnächst etwas mehr Zeit zu haben und die auch hier in Berlin zu verbringen. Meine Tochter will in Berlin studieren. Vielleicht ergibt sich da ja etwas.
Stimmt es, dass Sie noch nicht einmal ein eigenes Büro im Zoo Palast haben?
Das ist wahr. Das Büro dort ist so klein, da ist kein Platz für mich. Deshalb sitze ich gern in der Zoo Loge.
Wie oft gehen sie eigentlich selbst ins Kino?
Na, ins Kino gehe ich oft. Aber Filme schaue ich leider nur selten.




