„Ohhhh! Zu weit gefahren und plötzlich im Westen gelandet!“ Der Text zum Schnappschuss einer Motorradfahrerin passte zur Stimmung vor einigen Wochen, als das Bikinihaus in Berlin-Charlottenburg wiedereröffnet wurde. Als der elegante 50er-Jahre-Bau nach fast drei Jahren Bauzeit hinter den Baugerüsten wieder auftauchte, war die Überraschung groß. Fast so, als habe ein weltreisendes Kreuzfahrtschiff angelegt. Und zwar nicht in Mitte, wo man so etwas durchaus erwartet hätte. Sondern am Zoo, wo Berlin noch immer verschwitzt und verschlissen vor sich hindämmert wie zu Mauerzeiten.
Inzwischen blicken die Feuilletons begeistert auf das langgestreckte Gebäude des Berliner Architekten Paul Schwebes, das auf seinen Säulen jetzt wieder zu schweben scheint. Stilexperten begutachten zufrieden die Mode- und Designerlabels im Innern, die der Berliner Andreas Murkudis „kuratiert“ hat wie für eine Ausstellung. Viele Labels waren bisher tatsächlich in Mitte zu Hause, andere noch gar nicht in Berlin. Fast hat man darüber man die Frage vergessen, die während der gut drei Jahre währenden Bauzeit immer wieder gestellt wurde: Kann das „Bikini“ im Westen der Stadt funktionieren? Und wenn ja, weil oder obwohl es so ganz anders sein will als andere Einkaufszentren?
Terra ingocnita am Bahnhof Zoo
Die erste Antwort gaben die Berliner und Touristen selbst. Seit dem Tag der Eröffnung entern sie scharenweise das „Deck“ des Bikini-Dampfers. Als gelte es, eine lang verheißene terra incognita persönlich in Augenschein zu nehmen. Was man von der Reling der Bikini-Terrasse aus sieht, ist dann zwar doch nur der Zoo. Der aber zeigt sich von seiner exotischsten Seite. Bunte Vögel kreischen in Volieren, Affen huschen über Felsen, dazwischen flaniert der Berliner Ureinwohner und schiebt seine Kinder im Bollerwagen spazieren.
„Oh, look at the babys!“, entfährt es einer älteren britischen Dame, die eben noch mit ihrem Begleiter die ungewöhnlichen Baumaterialien im denkmalgeschützten Bikinihaus diskutiert hat. Die alten Fenster wurden zu Scherben zerstoßen, geschliffen und als glitzernde Beschichtung an den Innenwänden wieder aufgebracht. Jetzt aber schauen alle auf fünf winzige Paviankinder, die sich auf den Rücken ihrer Mütter festklammern und so über die Felsen getragen werden. Über allem thront graumähnig der Affenchef, trommelt sich auf die Brust und wendet den Zuschauern den Rücken zu. Mehr Dschungel geht nicht. Nicht mal in Berlin.
Ort der Entspannung und der Natur in der Stadt
„Gehen wir jetzt in den Zoo?“, fragt ein Familienvater. Vier Kinder jubeln, ihre Plätze an der Reling sind sofort wieder besetzt. Auch im Café des Verlags Gestalten nebenan auf der Terrasse ist alles belegt. Ebenso die besten Plätze zum Zoo-Gucken: Im zehnten Stock des Hotels 25hours nebenan muss der Restaurant-Tisch im „Neni“ lange im Voraus gebucht werden.
Die Monkey Bar im selben Stock ist auch immer voll. Nur in und vor der ebenso stylischen Hotellobby gibt es noch freie Plätze. Die Lobby liegt etwas versteckt am Ende der Terrasse. Aus den Riesen-Hängematten im Eingang schaukelt man mit den Zoo-Vögeln auf Augenhöhe. Ein Insider-Tipp.
Das Konzept des Bikini Berlin, ein Ort der Entspannung und Natur in der Stadt zu sein, geht augenscheinlich auf. Ted Walle ist davon überzeugt. Der 44-Jährige ist der Center-Manager vor Ort. Vier Einkaufszentren hat er zuvor selbst neu eröffnet, drei „revitalisiert“, wie er es nennt. Er hat viel Erfahrung darin, wie man Menschen zu Kunden macht. Bei einem Rundgang durch die Etagen des Bikini Berlin mustert er mit kritischem Blick nicht nur die Mienen der Besucher. Sondern auch die Tüten in ihren Händen. „Sie sagen viel darüber aus, wo die Leute vorher schon waren und was sie hier interessiert.“
Bikinihaus verzichtet auf einen „Ankermieter“
Walle ist zufrieden mit dem, was er sieht. Auch wenn viele Kunden momentan noch im Freizeitlook der Touristen erscheinen oder augenscheinlich nur „abhängen“ wollen wie die Schüler, die sich am großen Zoo-Fenster im Untergeschoss auf Kissen fläzen. „Das ist ja so gewollt.“ Viele Kunden, sagt Walle, kommen von der Tauentzienstraße auf der anderen Seite des Breitscheidplatzes herüber, wo große Mode-Ketten und ein Elektronikriese Menschen aus ganz Berlin und dem Umland anlocken. Das Bikinihaus dagegen hat bewusst keinen „Ankermieter“. Nicht ein einzelner Anbieter soll das Interesse auf sich ziehen, sondern das Zusammenspiel von Gebäude, Umgebung und ganz unterschiedlichen Geschäften.
Der Weg durch das Gebäude ist tatsächlich ein kleiner Rundgang durch die Berliner Facetten von Stil und Kunst. Von der oberen Etage, wo sich edle Namen wie Aspesi, Andreas Murkudis oder Umasan präsentieren, das vegane Mode anbietet, bis ins untere Geschoss, wo sich in hölzernen „Boxen“ kleine Labels oder Ableger von Geschäften auf Zeit ausprobieren können. Der „Ideen-Markplatz“ umfasst vom Friseur über Handtaschen bis zu süßen, handgefertigten Macarons alle möglichen Branchen. Drumherum gibt es Cafés mit Sofas und Sitzecken. Die Stände haben etwas Rohes, Unfertiges.
„Bisher läuft es gut“, sagt Ted Walle. Die Händler seien mit den Umsätzen zufrieden. Zahlen kann er jedoch noch nicht nennen, dafür ist es noch zu früh. Aber es seien mehr Menschen gekommen als erwartet. Rund 20.000 Menschen pro Tag haben das Bikini Berlin in den vergangenen Wochen durchschnittlich besucht, am verkaufsoffenen Sonntag sogar mehr als 30.000 in nur fünf Stunden. „Das sind weit mehr, als wir anfänglich berechnet haben.“ Laura Leising testet das „Bikini Berlin“ erst einmal. Das Stammgeschäft für ihre „Makrönchen“ befindet sich in Schöneberg, den Probeverkauf im Bikinihaus sieht Rothenberger als Experiment.
Nur Postkarten gibt es noch nicht
Noch immer sind nicht alle Läden vermietet, doch das mache ihm keine Sorgen, sagt Walle. „Wir verhandeln inzwischen weltweit mit Interessenten.“
Vor zwei Jahren übernahm Walle den Job im Bikini, in einer schwierigen Zeit. Das Hotel Waldorf Astoria gegenüber war noch Baustelle, das benachbarte Kino Zoo Palast ebenfalls. Wer behauptete, die City West sei dabei, sich neu zu erfinden, wurde hartnäckig auf den „boomenden Osten“ verwiesen, als sei die Mauer gerade erst gefallen. Walle lächelt und sagt, ihn habe eben das besondere Konzept gereizt. Auch wenn es für ihn bedeutete, noch einmal „back to the roots“ zu gehen, zurück zu den Anfängen.
Letzteres bezieht Walle auf seine Karriere. Er war längst weiter oben angekommen, als er das Center-Management im Bikini übernahm. Aber das mit den Wurzeln gilt durchaus auch für das Haus selbst. Nicht nur, weil es in den Etagen nach allerlei Basismaterialien duftet, nach Holz, Öl, Linoleum. Oder weil es neben veganer Mode auch schön verlegte Bücher (Gestalten) und Möbel nach historischen Entwürfen (Vitra) gibt. Das Untergeschoss und die Terrasse sind mit schlichten Gehwegplatten ausgelegt. Ein ebenso preiswertes wie sinniges Zitat der schnöden Berliner Umgebung, in die das Gebäude sich einfügen will. Denn wo andere Einkaufszentren noble Portale haben, gerät der Bikini-Besucher fast beiläufig ins Haus und auf die Terrasse, die großzügig wirkt wie Platz in der Stadt.
Auch die Mode bezog hier schon einmal Quartier
Das Bikini-Haus war in seinen Anfängen schon einmal eine Besonderheit. Gegenüber der trutzigen Gedächtniskirche und der Berliner Gründerzeit-Architektur fiel es mit seiner leichten Bauweise auf. Das „Luftgeschoss“ in der Mitte gab ihm den Namen – in Anspielung auf die unverhüllte Taille der Trägerinnen des damals noch verpönten Badekostüms. Und auch die Mode selbst bezog hier in den Anfängen schon einmal Quartier. Erst später zogen jugoslawische und chinesische Restaurants ein, für eins warb bis zuletzt Harald Juhnke auf einem Plakat. Zuletzt gab es nur noch eine Reihe unscheinbarer Andenken-Läden.
Einen solchen findet man erstaunlicherweise auch im neuen Bikinihaus. Postkarten zeigen auch den Breitscheidplatz. Die Motive sind erst wenige Jahre alt, trotzdem sieht der Platz aus wie in 70er-Jahren. Da steht das Schimmelpfeng-Haus quer über der Kantstraße, die Gedächtniskirche hat kein Gerüst, und das Bikinihaus versteckt sich hinter Bäumen. Ging der Umbau der City West zu schnell für neue Postkarten? Oder sind sie in Zeiten von Handyfotos nicht mehr angesagt? Das wäre schade. Zumal, wenn es sich um einen Grußkarte von einer echten terra incognita mitten in Berlin handelt.














