Große Stimmen

Ein Jahrhundert-Sopran singt die unglückliche Herrscherin

Elisabetta I. ist die eigentliche Hauptfigur in Donizettis Oper „Roberto Devereaux“ – und eine Paraderolle für Edita Gruberová, zu hören in der konzertanten Aufführung der Deutschen Oper.

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Die Oper müsste „Elisabetta“ heißen. Die Königin steht eindeutig im Mittelpunkt, nicht ihr Heerführer. Vor allem, wenn Edita Gruberová die Herrscherin verkörpert. In ihrer Paraderolle wird die Primadonna assoluta das Zentralgestirn der beiden konzertanten Aufführungen der Deutschen Oper Berlin am 5. und 11. November in der Berliner Philharmonie sein. Gaetano Donizetti nannte seine 57. Oper vielleicht deshalb „Roberto Devereux“, weil er vorher schon eine Oper namens „Elisabetta al castello di Kenilworth“ geschrieben hatte. Wie viele Italiener seiner Epoche war der Komponist fasziniert von den Tudors. Königin Elisabeth I. kommt gleich in drei seiner Opern vor.

Donizetti schrieb „Roberto Devereux“ in einer Zeit persönlicher Dramen. Ein Jahr zuvor waren seine Eltern gestorben, seine Frau hatte zwei Kinder bei der Geburt verloren und starb selbst drei Monate vor der Uraufführung im Jahr 1837. Nebenbei hatte sein Librettist Salvatore Cammarano mit Plagiatsvorwürfen zu kämpfen.

„Roberto Devereux“ ist nach „Anna Bolena“ und „Maria Stuarda“ die dritte von Donizettis Königinnen-Tragödien. Der Dreiakter erzählt die historische Geschichte um den Tod von Robert Devereux, dem Grafen von Essex. Der echte Günstling der Königin wurde 1601 nicht wegen zurückgewiesener Liebe hingerichtet, sondern weil er sich in der Auseinandersetzung mit Irland zu viele Freiheiten herausgenommen hatte. Um historische Korrektheit ging es dem Komponisten und seinem Librettisten natürlich nicht, sondern um eine romantische Adaption mit einer bitter verwickelten Vierecksbeziehung.

Macht führt in seelische Abgründe

Alle sind gleichzeitig Täter und Opfer, alle verlieren am Ende der Tragedia lirica. Roberto Devereux (Celso Albelo), wegen Hochverrats angeklagt, kann nur durch die Gnade der Königin gerettet werden. Er pokert zu hoch im Spiel um Liebe und Macht, stellt einer anderen Frau nach und landet auf dem Schafott. Diese andere Frau ist ausgerechnet Sara (Veronica Simeoni), die Gattin seines besten Freundes. Sie ist eine Vernunftehe mit dem Herzog von Nottingham eingegangen und versucht nun verzweifelt und vergeblich, ihren wahren Geliebten zu retten. Nottingham (Davide Luciano) ist zu Beginn dieser Oper der einzige integre Charakter. Aber durch den Betrug seiner Ehefrau und seines Freundes wird er zum Rache-Berserker und endet schließlich wie seine untreue Gattin im Kerker.

Und die Königin? Bei ihr laufen alle Unglücksfäden zusammen. Trotz ihrer Macht ist ihr das private Glück nicht vergönnt. Sie hängt fast krankhaft an Vergangenem, hat sich selbst und ihre Umgebung nicht mehr vollständig unter Kontrolle. Als alternde, schwächer werdende Königin liebt sie diesen mehr als dreißig Jahre jüngeren Mann. Sie kann die Zurückweisung nicht ertragen und unterschreibt sein Todesurteil. Doch auch die Hinrichtung stürzt sie in den seelischen Abgrund. Der Zwiespalt treibt sie fast in den Wahnsinn. Am Ende dankt sie als Königin ab.

Die Probleme der alternden Königin mit Kontrollverlust scheint Edita Gruberová nicht zu kennen. Seit mehr als vier Jahrzehnten residiert sie an der Spitze ihres Fachs. Mit 67 Jahren macht die Königin des Belcanto noch immer Furore mit der wahrhaft halsbrecherischen Partie der Elisabetta, während sich andere Vertreterinnen ihres Koloraturfachs mit Anfang fünfzig zurückziehen. Früher glänzten Montserrat Caballé und Beverly Sills in der Rolle. Seit 1990 heißt die ideale Interpretin einzig Gruberová, zuletzt in Zürich und Wien, demnächst wieder in München, jetzt in Berlin. Besonders gern steht sie in konzertanten Aufführungen auf der Bühne.

Ein Abend mit der „slowakischen Nachtigall“

„Roberto Devereux“ weist schon weit auf Verdi voraus. Donizetti sprengt hier den konventionellen Belcanto-Rahmen. Die Schönheit der Musik ist alles andere als oberflächlich. Die Gefühlsschwankungen der Charaktere werden psychologisch ausgeleuchtet, schonungslos bloßgestellt und musikdramatisch auf die Spitze getrieben. Das ist das Material, aus dem die traumhaften Opernabende der Gruberová sind.

Die Jahrhundertsängerin wird als „slowakische Nachtigall“ gefeiert. Man schwärmt von ihrer stupenden Technik, all den makellosen Trillern, Tremoli und Verzierungen, den silbernen Pianissimi und dem beeindruckend langen Atem. Und doch ist die gloriose Stimmakrobatik bei ihr nie Selbstzweck. Gerade in ihren späten Jahren hat sie die Virtuosität zunehmend in den Dienst des Ausdrucks gestellt, um die nackte Wut und das zitternde Herz bis in die feinsten Verästelungen auskosten zu können – wozu „Roberto Devereux“ die beste Gelegenheit bietet. Oder wie sie selbst formuliert hat: „Heute sind es nicht mehr die Töne, über die ich nachdenke, sondern die Seele.“

Philharmonie Berlin, 5. und 11. November, 20 Uhr, Karten über Deutsche Oper,

Tel.: 030 343 84 343 oder www.deutscheoperberlin.de

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