Musik

Simone Kermes ist die Powerfrau des Barock

In Berlin setzt die Sängerin Simone Kermes auf eher leise Töne. Im Konzerthaus plant sie einige Projekte. Ein Treffen mit der Ausnahmekünstlerin.

Foto: Gregor Hohenberg

„Es ist jetzt meine Stadt, das ist doch toll“, sagt Simone Kermes: „Viele Künstler wollen nach Berlin ziehen, sagen sie jedenfalls immer, wenn man sie irgendwo anders trifft.“ Die Kermes ist eine der charismatischsten, künstlerisch aufregendsten und vielleicht auch schrillsten Sängerinnen im Klassik-Betrieb. Beim Echo Klassik wurde sie 2011 zur Sängerin des Jahres gekürt. Irgendwann hat jemand mal die Sopranistin als „Crazy Queen of Baroque“ etikettiert, ein anderer sie gar als „Nina Hagen der Klassik“ bezeichnet. Was eigentlich noch dümmer ist. Richtig aber ist, dass die Sopranistin unangepasst wirkt. Auf der Bühne macht sie schon mal Tanzschritte zur Barockmusik und im Gespräch bezeichnet sie beiläufig mal Kammermusik als Gruppensex. So ist sie.

Gesang bei Fischer-Dieskau

In der Universität der Künste, dort, wo sie regelmäßig mit dem Fauré Quartett probt, findet das Gespräch statt. Mit ihr kann man herzhaft lachen. Inzwischen ist sie aus dem Rheinland, sie wohnte unweit von Koblenz, nach Berlin umgezogen. „Ich lebe in Mitte“, sagt sie und fügt gleich erklärend hinzu: „Die Konzertveranstalter, mit denen ich oft zusammenarbeite, sind hier. In der Stadt konzentriert sich vieles, was die klassische Musik betrifft.“

Simone Kermes stammt eigentlich aus Leipzig. Dort wurde sie am 17. Mai geboren, das Geburtsjahr will sie der Weltöffentlichkeit nicht mitteilen. Zunächst absolvierte sie eine Lehre zur Facharbeiterin für Schreibtechnik. Schließlich studierte sie Gesang an der Leipziger Musikhochschule. „In Berlin habe ich meinen ersten Wettbewerb, den Mendelssohn-Bartholdy-Wettbewerb, mitgemacht“, erzählt sie. „Das war kurz nach der Wende und damit erstmals auch für ostdeutsche Hochschulen offen. Ich habe ihn gewonnen. Die Leipziger haben damals alle Preise abgeräumt, unser Rektor hat vor Glück geheult.“ Die Leipziger Hochschule trägt auch den Namen Mendelssohn-Bartholdy.

Einige Stunden bei Fischer-Dieskau

Der Berliner Sieg hatte noch ein Nachspiel für Simone Kermes. Im Konzertsaal an der Hardenbergstraße musste sie das Preisträger-Konzert bestreiten. „Und dann sah ich Dietrich Fischer-Dieskau vor mir sitzen und war dem Herzinfarkt nahe“, sagt sie: „Danach habe ich einige Stunden bei ihm genommen. Ich bin immer von Leipzig nach Berlin gefahren. Er hat viel gefordert. Dieser intellektuelle Kopf, der kannte einfach alles, hat mich sehr fasziniert.“

Wobei sie sich gut daran erinnert, dass sich der Starbariton nicht mit gesangstechnischen Dingen abgab, das übernahm seine Frau, die Sängerin Julia Varady, sondern ausschließlich auf die Interpretation konzentriert hat.

Ihre Karriere danach ist schnell beschrieben: Europa, USA, Japan. Ihr Repertoire ist umfangreich und vor allem vielseitig. In der Oper hat sie etwa die Gilda in Verdis „Rigoletto“, Titelrollen in „Alcina“, „Lucia di Lammermoor“ oder „Orpheus und Eurydike“ oder die Konstanze in Mozarts „Entführung“ gesungen. Sie avanciert schnell zum Star auf Alte-Musik-Festivals. Dazu kommen ihre CDs von Barock über Mozart bis Strauss. Allein in diesem Jahr sind „ Rival Queens“ mit ihr und Vivica Genaux sowie die Strauss-Mahler-CD mit dem Fauré Quartett erschienen.

Letztere wurde im Gustav-Mahler-Saal in Toblach produziert, der als einer der besten Aufnahmesäle gilt. Jenseits der Aufnahmen kann sich Simone Kermes gut an die Zeit erinnern. „Ich habe dort drei Paar Schuhe gekauft. Die kennen mich in dem Laden schon. In Wien waren es sechs Paar. Dann Paris und Berlin – ich bin eingedeckt. In Venedig habe ich mir eine Tasche und Strumpfhosen gekauft.“ Auch das Shoppen gehört zur Karriere einer reisenden Sängerin.

Urlaub gerne zu Hause auf Balkonien

Der Wohnsitz, das weiß man von vielen Stars, ist dann eine Art Gegenwelt. Und Urlaub wird gern zu Hause auf Balkonien gemacht. „Ich habe es mir schön eingerichtet, so eine richtige Mädchenwohnung“, sagt Simone Kermes: „Alle fühlen sich wohl bei mir. Ich bin gerne zu Hause, auf meiner Terrasse. Ich habe auch eine super Espressomaschine, ich muss gar nicht ins Café rausgehen.“ Darüber hinaus wird man in Berlin aber mehr eingeladen, sagt die Sängerin.

„Ich habe bei der Aids-Gala in der Deutschen Oper gesungen, dann auch bei der Gala im Theater des Westens. Dort begegnet man den Politikern. Dann folgen die Einladungen zu unterschiedlichsten Events.“ Außerdem sitzt ihre Plattenfirma gleich um die Ecke. „Die kommen auch mal schnell vorbei, dann wird diskutiert, werden Pläne gemacht.“

Silvester als „Prima Donna“

Was Berlin wirklich bringt? Man würde mal dieses und jenes gefragt, sagt sie etwas ausweichend: „Aber ich habe es nicht so mit der Operette und der Komischen Oper. Ich habe auch genug Oper gemacht. Eigentlich interessieren mich Projekte, Aufnahmen und Konzerte mehr. Diese ganzen Opern-Produktionen mit den Probenwochen und Aufführungen kosten mich zu viel Zeit.“ Sie mache ihre Sachen lieber alleine.

Möglicherweise ist Simone Kermes, diese Powerfrau der Bühne, auch etwas nachdenklicher in Lebensdingen geworden. Und wählerischer, was die Musik angeht. „Das Leise ist auch gut für die Menschen“, sagt sie: „Ich polarisiere damit schon. Aber ich stehe dazu. Das ist meine Persönlichkeit, die ich in die Musik hineinbringe.“ Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt wird sie am 16. Oktober mit dem Fauré Quartett in der Reihe „Ein Abend mit …“ auftreten.

Aber natürlich bleibt die Kermes gerade auch wegen ihrer virtuosen Koloraturen gefragt, die aus dem beliebten Opernzirkus à la Händel, Verdi, Donizetti stammen. Im Konzerthaus wird sie zu Silvester und Neujahr unter dem Titel „La Prima Donna“ vorgeführt. „Heute soll immer alles sexy sein“, sagt sie. „Das ist schon schwierig. Bei mir wird es auf jeden Fall immer lustig.“