JazzFest

Die Berliner Festspiele feiern Martin Luther King

Einen Monat vor Beginn des 50. JazzFest Berlin präsentieren die Berliner Festspiele das Programm zur Jubiläumsveranstaltung vom 30. Oktober bis zum 2. November.

Foto: DAVIDS/Darmer / DAVIDS

Vor 50 Jahren besuchte der amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King jr. das geteilte Berlin. Auf Einladung des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt kam der Baptistenprediger vom 12. bis zum 14. September nach West-Berlin, um die damaligen Berliner Festwochen zu eröffnen. Er sprach zur Festwochen-Eröffnung in der Philharmonie über John F. Kennedy. Er predigte beim „Tag der Kirche“ vor 20.000 Menschen in der Waldbühne. Er predigte aber auch spontan in der Ost-Berliner Marienkirche und in der Sophienkirche. Und schrieb das Geleitwort für die 1964 im Rahmen der Festwochen gegründeten Berliner Jazztage.

Anlass für die Berliner Festspiele am Sonntag, gut einen Monat vor Beginn des 50. JazzFest Berlin, zu einem Tag für Martin Luther King jr. ins Haus an der Schaperstraße zu laden. Zu einem Tag mit Ausstellungen und Gesprächen, Konzerten, Film- und Theateraufführungen und mittendrin einer öffentlichen Pressekonferenz, bei der in einer Art Talkshow mit Festspiele-Intendant Thomas Oberender und Bert Noglik, dem künstlerischen Leiter des JazzFest Berlin, das Programm der Jubiläumsveranstaltung vom 30. Oktober bis zum 2. November skizziert wurde.

Nun wurde der historische King-Besuch bereits vor drei Wochen in der Marienkirche mit Würdenträgern, Zeitzeugen und zahlreichen Veranstaltungen gefeiert. Im Mittelpunkt stand hier freilich Kings Besuch in Ost-Berlin. Den das US-State Department nicht gern gesehen hatte. Vorsorglich hatte man Martin Luther King jr. seinen Reisepass abgenommen. Das Unfassbare: Er schaffte es dennoch, am Abend über den Checkpoint Charlie nach Ost-Berlin einzureisen. Ein Grenzbeamter hatte ihn erkannt. Man ließ ihn durch. Kings einzige Legitimation war seine American Express Karte.

Euphorische Stimmung

Nun also feiern die Berliner Festspiele Martin Luther King jr., und zumindest das Foyer im ersten Stock ist gut gefüllt und die Stimmung euphorisch, als Jocelyn B. Smith Gospels am Flügel singt. Neben Schriftstellerin Elke Naters oder Studienrätin Saraya Comis sitzt auch der Historiker Clayborne Carson auf dem Diskussionspodium. Er hat als 19-Jähriger am 28. August 1963 am historischen Marsch auf Washington teilgenommen und ist seit Mitte der 80er-Jahre Redakteur und Herausgeber der Schriften von Martin Luther King jr.

„Ich liebe Irritationen“, sagt Bernd Noglik, der zum dritten Mal das JazzFest-Programm verantwortet. Und natürlich wolle man das 50. Jubiläum würdigen, aber dennoch nicht in eine Erinnerungsstarre verfallen. Es gebe viel Neues und Junges, aufregende Formationen, für die es keine Grenzen mehr gebe zwischen Jazz, Hip-Hop, Trip-Hop oder gar Heavy-Metal. Den Auftakt gestaltet am 30. November der New Yorker Avantgarde-Gitarrist Elliott Sharp mit der Auftragskomposition „Tribute: MLK Berlin ‘64“, die Kings Berlin-Besuch musikalisch bluesbetont aufarbeiten soll.

Schlagzeuger Daniel Humair, der bereits 1964 bei den ersten Berliner Jazztagen, die seit 1981 als JazzFest Berlin firmieren, auftrat, kommt mit seiner aktuellen Formation und die WDR Big Band wird gemeinsam mit Jazzsänger Kurt Elling „Freedom Songs“ aufführen. Saxofonist Benny Golson und Jasper van’t Hof an der Orgel treffen in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche aufeinander und Pianist Alexander von Schlippenbach und Pianistin Aki Takase erinnern an den Saxofonisten Eric Dolphy, der vor 50 Jahren mit nur 36 Jahren in Berlin gestorben ist. Viel Erinnerung, aber auch vieles, was es noch zu entdecken gilt, formen das Jubiläumsprogramm.

Ein imponierendes Werk

Zum Abschluss des Tages für Martin Luther King jr. am Sonntag hat man den Londoner Saxofonisten Denys Baptiste mit seiner Großformation eingeladen, angekündigt als „Auftaktkonzert zum JazzFest Berlin 2014“. Baptiste hatte bereits 2004, zum 40. JazzFest-Jubiläum, seine Suite „Let Freedom Ring!“ aufgeführt, eine Hommage an die legendäre Rede „I Have A Dream“ von Martin Luther King jr. Im vergangenen Jahr hat er sein Werk um die Komposition „Now Is The Time“ erweitert, die er nun im großen Saal in Gänze vorstellt, mit Bläsergruppe, Streicherensemble und perkussivem Doppel an Schlagzeug und Congas.

Ein imponierendes Werk, straff arrangiert, dann wieder emotionsgeladen losgelöst, stilistisch vielfältig und bewegend, teils von Gedichtrezitationen auf einer Leinwand begleitet. Es hätte sich gut gemacht im Programm des 50. JazzFest Berlin. Allein: die 14 Musiker spielen vor enttäuschend gelichteten Reihen. Ein verschenkter Abend. Offenbar hat das Berliner Jazz-Publikum die Sache mit dem „Auftaktkonzert“ nicht verstanden.