Amerika Haus

Neustart in der City West für die C/O-Galerie

Das sanierte Amerika Haus lockt mit Retro-Chic. Am Donnerstag wird eine große Einweihungsparty gefeiert. Eine neue Dependance gibt es künftig auch, die „C/O-Education“, zwei Häuser nebenan.

Foto: Amin Akhtar

Die Fifties leben auf. Beim ersten Blick hinein ins Foyer ist klar: Retro-Fans kommen im sanierten Amerika Haus auf ihre Kosten. Im Foyer und im Hauptausstellungsraum liegen die Rippendecken wieder frei. Ein etwas spröder Charme, der effektvoll mit weißen LED-Lampen inszeniert wird. Und auf zuckerwatteblaue Fliesen wurde übrigens auch nicht verzichtet.

„Wir wollten keinen beliebigen White Cube“, sagt Stephan Erfurt, Chef der Fotoinstitution, die 2013 nach langem, politischem Hickhack aus dem Postfuhramt ausziehen musste. Allen war klar, die Geschichte des 1956/57 im Rahmen der internationalen Bauausstellung von Bruno Grimmek entworfenen Hauses sollte in ihren architektonischen Spuren eingeschrieben bleiben. Es lebe die Patina! „Das freizulegen war wie Archäologie“, meint Erfurt.

Beim Rundgang entdecken wir schnell die Zeitschichten, etwa die Solnhofner Naturplatten oder die schillernden Bisazza-Mosaiken, die im Foyer die Türrahmen zieren. Im oberen Stockwerk gibt es verblichene Holztüren samt geschwungener Klinken zu bestaunen. „Conference Room“ steht da neben der Tür. Nur das O hätte man im Original noch irgendwo gefunden, erzählt Erfurt, anhand der Originaltypografie konnten nun die anderen Buchstaben rekonstruiert werden. Schlicht und behutsam wurde saniert, das darf man loben.

Schließlich ist der Denkmalschutz kein einfacher Partner, zumal die C/O-Fotogalerie nun modernen Ausstellungsstandards entspricht. Jetzt kann man auch international besser kooperieren, sagt Erfurt. Die Fotografie ist ein empfindliches Medium, wenn es um die Klimatisierung geht.

Das Amerika Haus hatte sich in den letzten Jahren verbarrikadiert, nicht nur außen, auch nach innen eingeschlossen. Eine Festung mit Schutzblenden, Überbauten, Sicherheitsschleusen, Rollgittern, hohen Zäunen, Gebüsch. Alles weg und rückgebaut. Auf jeden Fall erkennt man das Gebäude, das bis 2006 Informations- und Kulturzentrum der USA war, kaum wieder.

Wo früher lagenweise Teppiche klebten und Holzwände Durchblicke blockierten, da empfangen jetzt ein lichtdurchflutetes Treppenhaus und klare Räume mit breiten Fensterscheiben und herrlich freiem Blick auf die lebendige Hardenbergstraße und den Zoo. Nun hat der Kinosaal zwar keine Kinosessel mehr, dafür ist er fünf Meter hoch und in etwa so groß wie die Turnhalle im ehemaligen Postfuhramt.

Erfurt eilt ins Foyer, er spricht mit einigen Bauarbeitern. Die lang ersehnte Einweihungsparty rückt näher. Kommenden Donnerstag wird gefeiert, Lars Eidinger legt auf, bis ein oder zwei Uhr nachts wird es gehen. Damit auch wirklich alle die Chance haben, ins Haus zu kommen. 5000 Gäste erwartet das C/O-Team, der Regierende Bürgermeister hat sich angesagt, natürlich auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und all die Freunde und Wegbereiter, die das Haus über die Jahre begleitet haben.

Zwei Spuren vorne an der Straße werden gesperrt, vorsorglich. Damit im Gedrängel nichts passiert. Schließlich steht auch die Bar draußen vor dem Eingang, damit das Haus nicht komplett verstopft.

Erst auf „den zweiten Blick“ hat sich Erfurt, das „Kind von Mitte“, in das Amerika Haus verliebt. Besonders die unterschiedlichen Raumsituationen haben es ihm hier angetan: der Oberlichtsaal im ersten Stock, der wirkt wie ein Atelier, die große flexible Ausstellungshalle, die alte „West“-Bibliothek, das einladende Foyer, das Café, das mit der Fensterfront die direkte Verbindung zur Stadt herstellt. Zudem gibt es noch eine nette Terrasse und genügend Platz vor und hinter dem Haus, wo man auch mal nachts Videoinstallationen zeigen kann. Oder ordentlich feiern. Man stört dort keine Nachbarn.

Mit Blick auf den Zoo

Mit 2000 Quadratmetern Ausstellungsfläche hat sich C/O gegenüber dem Postfuhramt sogar vergrößert, rechnet Erfurt vor. Eine Neuigkeit liegt ihm noch am Herzen: C/O-Education, die neue Dependance, nur zwei Häuser weiter gelegen, Hardenbergstraße 19, da war mal ein Geschäft drin für Schreibbedarf. Das Ladenfenster soll ab 1. Januar werben für das Kinder-, Jugend- und Erwachsenenprogramm.

„Eine Schule des neuen Sehens“, so nennt man das Projekt bei C/O. Der Eigentümer der Immobilie hat die 270 Quadratmeter zu einem guten Preis vermietet – seine Form der geldwerten Unterstützung.

Immerhin 2,5 Millionen Euro kostet der Innenausbau des Amerika Hauses, die denkmalgerechte Sanierung zahlte das Land Berlin. Eine Million Euro flossen aus dem Lotto-Topf, eine weitere Million trieb Erfurt selbst ein. Nicht immer mit stabilem „Seelenleben“, meint er. Fehlen 500.000 Euro, die schafft er noch, da ist er optimistisch. Mit vier Ausstellungen auf zwei Stockwerken geht C/O an den Start, Erfurt schließ damit an die Haustradition an. Eine bewährte Mischung aus Klassikern, Berlin-Bezug, jungen Talenten und Experimentellem.

Hommage an die analoge Fotografie

Mit der zentralen Magnum-Schau schließt sich ein Kreis – mit Fotos der weltberühmten Agentur eröffnete C/O im Millenniumsjahr im Postfuhramt. Jetzt zeigt man die „Contact Sheets“ von Robert Capa, Henri Cartier-Bresson und René Burri, jenes Rohmaterial, das einen Einblick in ihre Arbeitsweise ermöglicht. Normalerweise gibt ein Fotokünstler diese Kontaktbögen nicht frei, weil dort alles dokumentiert ist, auch mögliche Fehleinstellungen sichtbar werden. Die Präsentation verstehe sich, sagt Erfurt, „als eine Hommage an die analoge Fotografie“.

Analog geht es auch bei Will McBride zu, der den Oberlichtsaal bespielt mit seiner Berlin-Serie „Ich war verliebt in diese Stadt“. Er war der erste Fotograf, dessen Arbeiten 1957 im Amerika Haus gezeigt wurden. „Picture yourself“ schlägt dann den Bogen zu den Selfies. Nun ja, die Prints aus dem Automaten kann man mitnehmen.

Etwas mulmig ist Stephan Erfurt schon. „Zur Eröffnung wird es ein paar Tränen geben“, schon allein aus Erschöpfung, aber auch, weil nun – mit dauerhaftem Domizil – „ein Lebenstraum“ realisiert ist. Der Neuanfang heißt aufatmen und sich aufs Wesentliche konzentrieren: gute Ausstellungen machen.

Amerika Haus, Hardenbergstr. 22–24. Ausstellungen: tgl. 11–20 Uhr. Grand Opening: 30.10., ab 16 Uhr.